Am Donnerstag wird ein Beerdigungszug zum Friedhof nach Gelsenkirchen-Hüllen ziehen. Viele werden Blau-Weiß gewandet sein, andere in Schwarz-Gelb. Schalke 04 und Borussia Dortmund, die Klubs, die diese Farben in ihren Emblemen tragen, rücken durch den Tod eines Fußball-Profis enger zusammen. Beide Vereine pflegen eine Rivalität, die oft als Haßliebe beschrieben wird. Kommt es zu einem der seltenen Seitenwechsel, wird mit Vokabeln wie "Hochverrat" und "Überläufer" berichtet. Nur einem wurde es nicht verübelt, daß er beide Trikots trug: Reinhard "Stan" Libuda, Linksaußen, der Flankengott vom Kohlenpott. Am Sonntag morgen starb der 52jährige Fußball-Nationalspieler an einem Schlaganfall.Zwei seiner Tore waren für die Ewigkeit: Zuerst das 2:1 für Borussia Dortmund in der Verlängerung des Europacup-Finales 1966 gegen den FC Liverpool. Eine Bogenlampe aus 35 Metern klatschte an die Latte, von dort auf den Bauch des Torwarts Yates und dann zum Siegtreffer ins Netz. Drei Jahre später erzielte Libuda das 3:2 in der WM-Qualifikation gegen Schottland, was den Deutschen die Teilnahme am Turnier in Mexiko sicherte. Seine Wirkung auf das Publikum aber ging weniger von Toren als von einem einfachen Rhythmuswechsel aus: rechts angetäuscht, links vorbei. Jeder Verteidiger wußte es, kaum einer konnte es verhindern."Wenn der Junge nur einen Ball hatte - ich habe ihn von morgens bis abends spät nicht von der Straße gekriegt", erzählte Mutter Martha, bei der Libuda zuletzt vereinsamt und verarmt lebte. Der Rückzug aus der Arena ins Private wurde von unendlichen Schicksalsschlägen begleitet. Vielleicht begann es schon damit, daß Libuda 17jährig einen Vertrag bei Schalke unterschrieb und die Maschinenschlosserlehre gegen den Willen der Mutter abbrach: "Was habe ich gebettelt, daß er sie beenden soll. Aber diese Begeisterung, dieser Jubel um meinen Sohn..."Rechts, links, immer derselbe Trick. Nicht "Schalke", nur noch "Libuda" haben die Fans geschrien. Legenden wurden gebildet, die am Schalker Markt noch heute aktuell sind. Die schönste ist jene aus den Tagen, in denen der Prediger Billy Graham auf den Litfaßsäulen mit den Worten angekündigt wurde: "An Gott kommt keiner vorbei." "Außer Stan Libuda", kritzelten seine Anhänger darunter. "Stan" wurde er genannt, weil die Gelsenkirchener nur einen fanden, mit dem sie ihr Idol vergleichen wollten: Stan Matthews, der noch 50jährig in der ersten englischen Division seine Haken schlug.Es wurden aber auch Geschichten überliefert wie jene, die Libuda in einem Artikel einmal selbst erzählte: "In der Bundesliga ging unter den Verteidigern das Gerücht um, ich sei mit einem einzigen Satz zu stoppen: ,Du, Stan, weißt du eigentlich, wo deine Frau gerade ist?` Ein Satz, den Otto Rehhagel einmal prägte, als er sich bei meinen Dribblings nicht mehr anders zu wehren wußte, weil ich ihn schwindlig gespielt hatte."Den Ball führte er wie kein zweiter, das Leben bekam er nicht unter Kontrolle. Libudas Eheprobleme mündeten in einem Streit, bei dem seine Frau Gisela mit dem Messer auf ihn einstach und er ihr das Nasenbein brach. Zweimal mußte Libuda schwere Operationen über sich ergehen lassen, darunter einen Eingriff am Kehlkopf, bei dem Krebs festgestellt wurde. Libuda besiegte die Krankeit, kam vom Alkohol los, aber er war stark geschwächt, ging stempeln und wurde Frührentner. Seine Profi-Verträge waren gut honoriert gewesen, doch alles, was er sich auf dem Platz erdribbelt hatte, beispielsweise ein 17-Familien-Haus, büßte der Gutgläubige außerhalb wieder ein.So auch den Spaß am Spiel. Libuda war Kapitän jener Mannschaft, die im Bundesligaskandal 1971 die Heimpartie gegen Arminia Bielefeld (0:1) verschob. Dazu Libuda später: "Je mehr ich über meine Situation nachdenke, um so mehr komme ich zu der Überzeugung, daß fast alles seinen Ursprung in meiner Verwicklung in den Skandal hat. Und das ausgerechnet bei mir, der sich nachweislich von allen Schalkern am längsten gewehrt hat, das Spiel zu verschieben." Für die Bundesliga wurde er lebenslang gesperrt. Libuda wechselte zu Racing Straßburg und in eine fremde Welt, in der er nicht einen Augenblick lang heimisch war. 1974 kam die Begnadigung vom Deutschen Fußball-Bund, er kehrte noch einmal zu Schalke zurück, doch seinen Schlußstrich unter die Karriere hatte er bereits gezogen: "Ich hatte die Lust am Fußball verloren."Libuda zählt zu jenen, die einen hohen Preis für ihren Ruhm bezahlten. Aber er gehört auch zu den wenigen, die nicht nur im Revier niemals vergessen werden. Schalke und Dortmund, Blau-Weiß und Schwarz-Gelb - in Trauer vereint. +++