Vielen Berlinern hört man am Dialekt an, dass sie woanders in Deutschland aufgewachsen sind. Sie haben ihre Heimat dennoch nicht vergessen. Menschen aus Deutschland erzählen, warum sie hierher kamen, was sie lieben und was sie vermissen. Serie: Teil 15 und Schluss.----Gregor Weber hat in seinem Leben schon einiges ausprobiert. Zuerst wollte er Kriminalpolizist werden, am liebsten im gehobenen Dienst. Ein paar Semester Jura hat er dafür studiert. Dann brach er das Studium ab, weil er Germanistik spannender fand. Als er nebenbei in einer Theatergruppe spielte, entschloss er sich für die Schauspielerei und besuchte dann die Frankfurter Schauspielschule.Inzwischen ist Gregor Weber tatsächlich Polizeikommissar - aber nur im Fernsehen. Zwei Mal im Jahr spielt er Stefan Deininger, einen Ermittler im Saarbrücker Tatort. Aber im Saarland lebt Weber schon lange nicht mehr. Vor zehn Jahren kam der heute 39-Jährige nach Berlin. Es gab kein Angebot, das ihn lockte. Es war eher ein Traum, der ihn in die Hauptstadt zog. Weber hoffte auf Erfolg, auf den großen Durchbruch als Schauspieler. "In Berlin wird immer so viel gedreht, da wird mich bestimmt jemand entdecken", dachte er damals. Immerhin war es im Saarland gar nicht so schlecht für ihn gelaufen. Bekannt wurde er 1992 an der Seite des Kabarettisten Gerd Dudenhöffer. In der ARD-Fernsehserie "Familie Heinz Becker" spielte er den Sohn eines kleinkarierten Saarländers und auch danach gab es ein paar Engagements in verschiedenen Serien. Der große Erfolg als Fernsehstar blieb in Berlin aus. "Es ist überhaupt nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte", sagt Weber. Das wichtigste Angebot für ihn kam 2001, ausgerechnet aus dem Saarland. Er wurde der Assistent von Tatort-Kommissar Max Palu (Jochen Senf). Dennoch habe er oft am Rande des Abgrunds gestanden und nicht gewusst, wie er mit der Familie über die Runden kommen soll, sagt er. Er ist trotzdem in Berlin geblieben. Weil es hier vielen so ging wie ihm. "In keiner anderen Stadt darf man so ungeniert so wenig Geld haben." Die Art, wie manche Menschen hier mit wenig auskommen, beeindruckt ihn.Nein, Gregor Weber ist kein Draufgänger und auch kein Stinkstiefel, wie sein Kommissar Deininger im Tatort. Er wirkt eher schüchtern mit seiner Designerbrille und dem roten Bart, an dem er ständig zupft, während er erzählt. Der Vater von zwei Kindern kennt inzwischen fast jeden Spielplatz in seinem Pankower Kiez. Er kümmert sich um die zehnjährige Tochter und den achtjährigen Sohn, wenn seine Frau, eine Drehbuchautorin, arbeitet. Er räumt auch zu Hause auf, putzt und kocht. Vor allem letzteres kann er gut, was vielleicht daran liegt, dass er wie die meisten Saarländer gutes Essen schätzt. Mit 36 Jahren hat er in einem Berliner Gourmet-Restaurant noch eine Lehre als Koch gemacht. Er tat es weniger aus Freude am Essen als vielmehr aus Angst um seine Existenz. "Im Saarland hätten sie mich gefragt, ob ich noch alle Latten am Zaun habe."In der dampfenden Küche, erzählt er, habe er gelernt, wie man sich unter Berliner Köchen Anerkennung verschafft. "Zurückschnauzen ist definitiv der beste Umgang. Dann merken die, der Mann ist auf Gesprächsniveau, und begegnen einem auf Augenhöhe." Nachts, wenn er nach einer 14-Stunden-Schicht mit dem Fahrrad über den Schlossplatz nach Hause fuhr, war er zwar geschafft, "aber glücklich". Vorbei an geschichtsträchtigen Häusern wie dem Palast der Republik oder dem beleuchteten Dom, und überall waren noch Menschen unterwegs. Da dachte er: "Irre Stadt - und ich gehöre dazu!"Als Koch arbeitete er dann aber nicht, die Ausbildung gibt ihm vor allem die Sicherheit, nicht von der Schauspielerei abhängig zu sein. Inzwischen schreibt er Serienkonzepte fürs Fernsehen und an einem Buch über Küchen. Darin beschreibt er, wie es in großen Gourmet-Küchen zugeht. Und auch im Tatort spielt er immer noch gern. Nachdem Chef-Ermittler Palu 2006 in Rente gegangen ist, wurde Deininger zum Kommissar befördert. Jetzt ist er nicht mehr nur der "Harry, der den Wagen holt". Gregor Weber hat sich nochmal ins Zeug gelegt und für seine Figur eine Biografie geschrieben. Jetzt ist er endlich wer, der Deininger. Am 14. September wird die neue Folge "Das schwarze Grab" in der ARD gezeigt, wo Deininger im Bergbau-Milieu ermittelt.Wenn er im Saarland dreht, besucht Weber auch seine Mutter, und wenn es mit den Ferien passt, nimmt er seine Kinder mit in die alte Heimat. "Die beiden berlinern total heftig", erzählt er, "und wenn ich mit meiner Mutter nur 'en bissel saarländisch schwätz', sagen sie, diese komische Sprache möchten wir auch mal lernen." Wenn der "Kommissar" nach Berlin zurückfährt, hat er mindestens fünf Ringe Lyoner von seinem Lieblingsmetzger im Gepäck. Seine Familie mag die Würste, "die sind schnell alle". Zu Hause im grünen Pankow versucht er seinen Kindern "Geheischnis" zu geben, das ist ein saarländischer Ausdruck für heimatliche Geborgenheit. Das ist ihm wichtig, weil er sich lange Zeit fremd in Berlin fühlte. Bis zu jener Nacht, als er von einem Taxifahrer an den Ostbahnhof gebracht wurde. Die beiden unterhielten sich über Familie und Arbeit. "Sind Sie Berliner?" wollte der Taxifahrer wissen. "Nee", antwortete Weber, "ich bin erst ein paar Jahre hier". "Dann sind Se ja doch eener von uns", entgegnete der Fahrer, "Sie haben zwee kleene Berliner in die Welt jesetzt, Sie wohnen hier, und wer hier wohnt und sich abplagt, der jehört dazu. Det war schon immer so!" Seitdem fühlt Gregor Weber sich hier heimisch. "In Berlin habe ich viel Neues gelernt", sagt er, "aber auch, wie man glücklich scheitern kann." Dass er auf der Straße selten erkannt wird, ist ihm ganz recht. "Ich bin ja auch nicht Götz George." So viel Ruhm braucht er nicht mehr.------------------------------Bisher erschienen: Bayern (18.7.), Rheinland-Pfalz (19./20.7.), Nordrhein-Westfalen (23.7.), Thüringen (26./27.7.), Niedersachsen (29.7.), Baden-Württemberg (31.7.), Bremen (2./3.8.), Hessen (4.8.), Mecklenburg-Vorpommern (6.8.), Brandenburg (9.8.), Sachsen-Anhalt (11.8.), Sachsen (13.8.), Hamburg (16./17.8.), Schleswig-Holstein (18.8.).------------------------------Saarland. Schön, dass du da bist.Offizieller Werbespruch - erdacht zum 50-jährigen Bestehen des Saarlandes.------------------------------Sei OstenSei WestenSei SüdenGregor Webers Spruch für Berlin------------------------------Dippelabbes und HoorischeNeu-Berliner: Im vergangenen Jahr zogen laut Statistik 421 Menschen aus dem Saarland nach Berlin. Das Saarland ist nach den Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin mit 2 586,40 Quadratkilometern das kleinste Bundesland. Dort leben rund eine Million Menschen, Hauptstadt ist Saarbrücken.Alt-Berliner: Der ehemalige DDR-Staatschef Erich Honecker ist in Neunkirchen im Saarland geboren und aufgewachsen.Küche: Dibbelabbes (Topfkuchen) ist ein landestypisches Gericht aus fein geriebenen Rohkartoffeln, die mit Speck und Lauch gebraten werden. Hoorische sind Klöße aus gestampften Kartoffeln.Fußball: Saarland hat 1954 im Qualifikationsspiel der Fußball-WM gegen Deutschland gespielt - und 1:3 verloren. Nach dem Krieg war das Saarland bis 1956 autonome Region. 1957 wurde es nach einer Volksabstimmung an die Bundesrepublik angegliedert.Musik: Zusammen mit sechs anderen Bundesländern veranstaltet die Landesvertretung des Saarlandes in den Ministergärten am 24. Oktober ein Jazzfestival. Infos unter www.jazzland.deKunst: Die Saarländische Galerie im Palais am Festungsgraben zeigt noch bis zum 5. 10. die Ausstellung "Schattenlinie". (Am Festungsgraben 1, Tel. 20 07 72 58, geöffnet Di-So 15-19 Uhr, Eintritt frei)Verständnishilfe: Unn? - Wie geht es Dir. Ei Joo, ei Sescher! - Na klar. Ich gehn emool gugge - ich sehe mal nach. Isch hann kald - mir ist kalt. Ei geh ma fort - lass mich in Ruhe. Schwätz kenn Fubbes - rede keinen Unsinn. Das do is meins - das ist meine Ehefrau.------------------------------NachgefragtHerr Weber, was haben Sie mitgebracht?Viel Hoffnung und etwas Panik.Was haben Ihnen die Berliner gebracht?Den Spruch: Ey, heute is' Dienstag, du Flitzpiepe und et jibt n Arsch voll zu tun!Was vermissen Sie am meisten?Lyonergrillen und "Dummschwätze".Woran gewöhnt man sich in Berlin nie?Den eigenwilligen Fahrstil der Berliner.Was tun Sie bei Heimweh?Ich setze mich mit einem saarländischen Adventskranz (Ringel Lyoner und vier Flaschen Pils) in den Keller und singe traurig "Glück auf, Glück auf".------------------------------Foto : Der Schauspieler Gregor Weber hätte gerne einen Ring saarländische Lyoner in die Kamera gehalten, aber der Vorrat ist bereits "aufgegess'".------------------------------berliner-zeitung.de/neuberlinerHier finden Sie alle bisher veröffentlichten Folgen der Serie.