Eine "Langscherie-Budige" aufmachen, das wäre es doch, denkt sich Martha im Geheimen und meint damit eine Lingerie-Boutique. Seit nämlich ihr Gatte verstorben ist, weiß die 80-jährige mit ihrem Leben nichts mehr anzufangen. Auch im einst gemeinsam geführten Kolonialwarenladen sausen nur noch die Fliegen herum, und selbst die langweilen sich. Da brächte so eine Boutique doch etwas Abwechslung in den Alltag. Findet Martha. Finden, nach anfänglichem Zögern, auch ihre Freundinnen. Finden allerdings weder Marthas Sohn Walter, der als Dorfpfarrer über die guten Sitten wacht, noch Fritz Bieri, der sich als Dorfpolitiker überall wichtig macht. Insbesondere den Hetzreden dieser beiden Scheinheiligen ist es geschuldet, dass der Plan der alten Dame auf wenig Gegenliebe trifft und die Kundschaft ausbleibt. Hinter vorgehaltener Hand tuschelt man stattdessen über die verrückt gewordene Alte und ihr sündiges Geschäft, ja, man kippt ihr sogar Mist in die Auslage. Mit einem Mal geht es im idyllischen Trub im idyllischen Schweizer Emmental gar nicht mehr sehr idyllisch zu.Doch glücklicherweise ist "Die Herbstzeitlosen" von Bettina Oberli eine Komödie, eine sehr warmherzige zumal, und so wird schließlich doch noch alles gut. Alle lernen etwas aus den Ereignissen, und Trub ist am Ende ein besserer Ort, als er zu Anfang war. Von dieser Harmonieseligkeit aber darf man sich nicht täuschen lassen. Und auch nicht davon, dass "Die Herbstzeitlosen" geradezu perfekt auf jenes Publikum jenseits der 50 zugeschnitten zu sein scheint, das die Lichtspielhäuser so gern als neue Besucherschicht gewinnen möchten.Zwar mag Oberlis Inszenierung sich wie harmloses Bauerntheater gängiger Vorurteile über die vermeintliche Rückständigkeit der Landbevölkerung bedienen und so manchen Witz auf deren Kosten machen. Im Kern jedoch trifft ihre Geschichte vom getrübten Altweibersommer einen wenig schmeichelhaften und weit generelleren Sachverhalt: Das gestörte Verhältnis zwischen den Generationen und die Entmündigung und Verdrängung der Alten. Dabei verstärkt der seltsam idealisiert-entrückte Handlungsort sogar noch den Konflikt zwischen der Wunschträumerei der alten Damen und der Verständnislosigkeit ihrer Umgebung. Denn der Weg aus einem abgelegenen Tal kann ebenso weit und beschwerlich sein wie die Befreiung aus eingefahrenen Verhaltensmustern und traditionellen Rollenerwartungen. Die Aussicht jedoch, die sich dabei gewinnen lässt, ist mitunter sehr beflügelnd.Die Herbstzeitlosen Schweiz 2006. Regie: Bettina Oberli, Drehbuch: Sabine Pochhammer, Bettina Oberli, Kamera: Stéphane Kuty, Musik: Luk Zimmermann & Stubemusig Rechsteiner, Darsteller: Stephanie Glaser, Annemarie Düringer, Heidi Maria Glössner u. a.; 86 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: So schöne Damenwäsche macht junge wie alte Menschen glücklich!

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