: Für die Massenhysterie der Hexenverfolgungen gibt es eine eigenwillige Theorie: Die unsichtbare Hand
Eines der ungelösten Geheimnisse der Geschichte ist die Massenhysterie der Hexenprozesse vom Mittelalter bis nach der Reformation. Ganze Dörfer oder Städte scheinen vom Hexenwahn überwältigt worden zu sein. Episoden erzählen, dass Menschen und Tiere von seltsamen und schrecklichen Beschwerden befallen wurden, so dem Veitstanz, der seine Opfer in Krämpfen schüttelte. Die bedrohte Gemeinschaft und die Kirche erklärten diese Erscheinungen als Hexerei. Frauen wurden des Bundes mit dem Teufel bezichtigt, gefoltert und in vielen Fällen hingerichtet. Und es kam vor, dass nach dem Tod der Beschuldigten die Anzeichen der Verhexung verschwanden.Wissenschaftler haben immer wieder versucht, diese Fälle von Massenhysterie zu ergründen, es existieren sowohl freudianische wie feministische Theorien. Eine Antwort auf diese Frage könnte jedoch auch aus Forschungen kommen, die sich mit Klimakunde, Getreideanbau und den Drogenträumen der Hippies beschäftigen. So glaubt die amerikanische Psychologin Linda Carporael, dass sich die Symptome von LSD und denen, die zu Hexenverfolgungen führten, vergleichen lassen. Sie hat sich besonders mit der Geschichte der Salem-Prozesse in Massachusetts beschäftigt. Es fiel ihr auf, dass die Symptome, die von den kranken Mädchen beschrieben worden waren, denen ähneln, die sie bei Freunden in einer Hippie-Kolonie während eines LSD-Trips beobachtet hatte.Der Salem Witch Trial ist der wohl am besten dokumentierte Hexenprozess in der Geschichte. Er endete 1692 in Neuengland mit der Hinrichtung zahlreicher Menschen. Der amerikanische Dramatiker Arthur Miller hat die Gerichtsprotokolle im Museum der Salemer Historischen Gesellschaft studiert. Aus dem Stoff entstand 1953 sein Anti-McCarthy-Stück "Hexenjagd", bald verfilmt mit Simone Signoret und Yes Montand, nach einem Skript von Jean-Paul-Sartre.Im Dezember 1691 waren in Salem acht Mädchen von einer rätselhaften Krankheit befallen worden. Sie sprachen wirr, bewegten sich seltsam, wanden sich in Krämpfen und behaupteten, Tiere und Dämonen zu sehen. In den folgenden Winterwochen häuften sich die Fälle. Einige der Betroffenen begannen, Männer und Frauen des Dorfes als Hexen anzuklagen. Mehr als hundert vermeintliche Hexen wurden ins Gefängnis geworfen, neunzehn von ihnen mussten sterben. Andere zum Tode Verurteilte wurden nicht mehr hingerichtet, als die unerklärlichen Symptome bei den erkrankten Mädchen verschwanden. Ähnliche Fälle gab es in England, Frankreich, Deutschland und in der Schweiz.Die europäischen Hexenprozesse erreichten zwischen 1590 und 1630 ihren Höhepunkt und kosteten zehntausende Menschen das Leben. Sie wurden hingerichtet, weil Schuldige dafür gesucht wurden, dass sich Vieh oder Menschen rätselhaft verwirrt verhielten.Linda Carporael hat in Salem nach Ursachen für die unerklärlichen wirren Zustände bei Menschen und Tieren geforscht. Ihre Untersuchungen führten sie zu dem Schluss, dass das so genannte Mutterkorn eine Rolle spielen könnte. Hebammen wussten seit langem, dass einige wenige "Mutterkörner" - schwarz verfärbte Roggenähren - eine Geburt wesentlich leichter machen konnten. Das Mutterkorn enthält einen Pilz, der zu Empfindungsstörungen führt. Die Psychologin Carporael stellte bei ihren Forschungen fest, dass die Wachstumsbedingungen für diesen Pilz in Neuengland 1691 ideal gewesen waren, und dass der Roggen, der das Hauptgetreide um Salem war, mit großer Wahrscheinlichkeit von dem Pilz durchsetzt war. Die meisten der Opfer lebten auf der Ostseite des Dorfes, nahe den tiefer gelegenen, feuchteren Feldern, von denen sie vermutlich das Korn für ihr Mehl bezogen. Die ersten Fälle wurden im Dezember 1691 bekannt, also kurz nachdem die neue Ernte gedroschen und als Mehl verwertet worden war.Der Schweizer Chemiker Albert Hofmann hat den spektakulären Effekt dieser Körner 1938 entdeckt. Er versuchte, das traditionelle Wissen der Hebammen wissenschaftlich zu reproduzieren und konzentrierte sich auf Ergotoxin, den Wirkstoff des Pilzes. Er isolierte Lyserg-Säure aus dem Pilzmaterial und produzierte nach einer Serie von weiteren Experimenten eine Substanz namens 25 Lyserg-Säure-Diethylamid. Während seiner Arbeit schüttete er irrtümlich etwas davon über seine Hand. Auf dem Heimweg spürte der Wissenschaftler seltsame Symptome. Er konnte sich plötzlich nicht mehr auf seinem Fahrrad halten, hatte Visionen mit fantastisch anmutenden Gestalten und kaleidoskopischen Farben. Weitere Eigenexperimente erbrachten dann andere Symptome: Paranoia, der Glaube, von Dämonen besessen zu sein, Halluzinationen, er erlebte immer wieder Farbexplosionen, erblickte Objekte, die ihre Form veränderten. Dreißig Jahre später wurde 25 Lyserg-Säure-Diethylamid unter seiner Abkürzung besser bekannt: LSD.Joseph Bayley, Bauer in Salem, verbrachte 1692 eine Nacht in einem Haus, in dem eines der "verhexten" Mädchen lebte, er aß mit der Familie. Auf dem Weg zurück nach Hause fühlte Bayley einen "harten Schlag" auf der Brust, obwohl niemand in der Nähe war. Als er einen weiteren Schlag verspürte, fiel er vom Pferd und sah eine Frau auf sich zukommen. Als er wieder auf dem Pferd saß, erblickte er anstelle der Frau eine Kuh. Er hatte den Eindruck, von unsichtbarer Hand in die Haut gestochen zu werden. Der Mutterkornpilz kommt auch in anderen Getreidesorten vor, befällt aber Roggen wesentlich stärker. Besonders nach kalten Wintern und in nassen Jahren hat er ideale Bedingungen, um sich in feuchten, niedrig gelegenen Feldern zu verbreiten. Starke Vergiftungen treten nur selten auf, und oft sind einzelne Felder befallen, während benachbarte Parzellen verschont bleiben. Schon ein relativ geringer Anteil von Mutterkornpilz genügt, um einen Effekt zu zeigen. Drei Körner pro tausend Körner Roggen gelten für das Vieh bereits als gefährlich. Der Effekt der Vergiftung ist kumulativ, auch in gemahlener Form dauert es zwei Jahre, bis der Pilz die Hälfte seiner Wirksamkeit verliert. Ein durchsetzter Mehlvorrat bewirkt also eine schleichende Vergiftung. Besonders Kinder, Frauen und Menschen mit geringer Immunresistenz werden leicht Opfer von Mutterkornpilz-Vergiftungen. Tiere, denen wilder Roggen oder Brot gefüttert wird, können ebenfalls betroffen sein. Die Symptome zeigen sich entweder als Halluzinationen oder Durchblutungsstörungen, Vergiftungen mit Gefäßkrämpfen, Brand oder schmerzhaften Muskelkontraktionen. Das Mittelalter kannte diese Phänomene als Veitstanz und als Sankt-Antonius-Feuer.Der Effekt, den der Mutterkornpilz in bestimmten Jahren auf eine ganze Gemeinde haben kann, wurde 1951 im südfranzösischen Dorf Pont-Saint-Esprit deutlich. Pilzdurchsetztes Mehl in einer einzigen Bäckerei führte zu zweihundert Vergiftungsfällen und zweiunddreißig Einweisungen in psychiatrische Krankenhäuser. Was sich in dem Dorf 1951 abspielte, illustriert, wie beängstigend eine solche Erfahrung in früheren Jahrhunderten sein musste: Viele Opfer in Pont-Saint-Esprit glaubten, von Tigern und Schlangen angefallen zu werden. Ein elfjähriger Junge versuchte, seine Mutter zu erwürgen, eine ältere Frau starb, weil sie glaubte, sie könne fliegen - sie warf sich aus einem Fenster. Ein Hund biss sich an einem Stein, den er wild attackierte, alle Zähne aus und brach sich schließlich den Kiefer. Vier Einwohner starben. Obwohl die Wirkungen des Mutterkornpilzes 1951 längst bekannt waren und er auch sehr schnell als Auslöser der Erkrankungen in Pont-Saint-Esprit erkannt wurde, ist die Bäckerei von einem Priester exorziert worden. Könnte es also sein, dass viele der Hexenverfolgungen im späten Mittelalter und in der Renaissance auf Vergiftungen durch den Mutterkornpilz zurückzuführen sind? Die Wissenschaftlerin Mary Matossian hat nachgewiesen, dass die Zentren der Hexenverfolgung, im Voralpenland, dem gesamten Rheintal, in Ostfrankreich, England und Nordspanien, mit den Hauptregionen der europäischen Roggenproduktion zusammenfallen. Außerhalb dieser Gebiete, in Gegenden, wo die Ernährung nicht auf Roggen, sondern auf Weizen oder Hirse aufgebaut war, in Südspanien und Süditalien zum Beispiel, oder in Schweden, wo die Sommer häufig zu trocken sind, um gute Bedingungen für den Pilz zu bieten, waren Hexenverfolgungen seltener.Sicherlich bietet das Mutterkorn nicht die einzige Erklärung für Hexenverbrennungen: Aberglaube, der Wille der Kirche, ihr Monopol auf Spiritualität aufrechtzuerhalten, und die kleinen Machtkämpfe, die in jeder Gemeinschaft ausgetragen werden, haben eine wichtige Rolle gespielt. Es ist jedoch durchaus wahrscheinlich, dass der Mutterkornpilz für viele Fälle von scheinbarer Verhexung von einzelnen Menschen, auch ganzen Gemeinschaften, verantwortlich war.Nicht jede mutmaßliche Mutterkorn-Vergiftung wurde allerdings Hexen zugeschrieben. Die Halluzinationen und "Verzückungen", die 1534 in epidemischen Ausmaßen unter den Wiedertäufern in Münster auftraten, fallen ebenfalls mit einem Wetterverlauf zusammen, der ideal für die Entwicklung des Pilzes im Roggen war. In Münster wurden die Symptome allerdings als Anzeichen göttlicher Begnadung angesehen. Mehr als vier Jahrhunderte später entdeckte eine neue Generation diesen Zustand der "göttlichen Begnadung" für sich. Dieses Mal allerdings war es eine Verzückung epidemischen Ausmaßes im Dienste von Peace and Love und keine Hexerei.Die "verhexten" Mädchen in Salem sprachen wirr, bewegten sich seltsam, wanden sich in Krämpfen und behaupteten, Tiere und Dämonen zu sehen.CINTETEXT Die schöne Abigail (Mylene Demongeot) wird zur Anführerin der Hexenjägermeute von Salem, in einem Film nach Arthur Millers Bühnenstück "Hexenjagd" (1957).