Ruth Misselwitz ist seit mehr als 20 Jahren Pfarrerin in der Kirche "Zu den vier Evangelisten" in Pankow. Sie gründete 1981 den Pankower Friedenskreis, moderierte zu Wendezeiten den Runden Tisch in Pankow und seit zwei Jahren ist sie die Vorsitzende der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste. Die 50-Jährige hat die Veränderungen von der oppositionellen Kirche in der DDR zur staatsnahen Kirche der Bundesrepublik in ihrer Gemeinde miterlebt. Frau Misselwitz, wissen Sie, wer zuerst vom "gottlosen Berlin" gesprochen hat? Nein. Wer denn?Goethe. Er schrieb vor gut 200 Jahren, es gebe in Europa keinen gottloseren Ort. Ist da was dran? Na ja, hochheilig geht es hier nicht gerade zu. Aber ich hatte auch noch nie das Gefühl, unter gottlosen Menschen zu leben. Nicht mal zu DDR-Zeiten. Aber da waren Sie doch von Kommunisten umzingelt. Nach meinem Verständnis ist niemand von Gott verlassen, auch nicht Atheisten oder Kommunisten. Alle Menschen sind Geschöpfe Gottes, ohne Ausnahme. Wenn jemand von einer Sehnsucht erfüllt ist, dann hat das ja durchaus etwas Religiöses. Denken Sie manchmal mit Wehmut an die Ostzeiten, als die Kirche noch oppositionell war - und nicht staatstragend wie heute? Wir hatten einen wichtigen Platz in der DDR, das stimmt. Und ich habe es sehr bedauert, dass wir nach der Wende nicht mehr Fantasie hatten und eigentlich nur das alte System aus dem Westen übernommen haben. Das war fast überall so.Ja, und dann gab es eine heftige Kirchenaustrittswelle im Osten gleich nach der Wende. Das hatte so kaum jemand erwartet. Woran lag das? Es gab mehrere Gründe: Zum Beispiel die Kirchensteuer, die in der DDR freiwillig war. Auf einmal musste die jedes Kirchenmitglied zahlen. Und dass der Religionsunterricht plötzlich in den Schulen stattfand, hat viele gestört. Dazu kam der Vertrag für die Militärseelsorge, der Pfarrer zu Beamten bei der Armee machte. Da haben viele gesagt, das ist jetzt keine kritische Kirche mehr, sondern eine konservative Staatskirche - die wollen wir nicht. Dagegen müssen Sie doch heftig protestiert haben. Viele haben das so empfunden. Gerade dieser Streit um den Religionsunterricht ist sehr misslich. Unsere Landeskirche hat da zu sehr aufs verfassungsmäßige Recht gepocht, mit dem Argument, wir dürfen uns nicht zurückdrängen lassen. Das kannte ich aus der DDR gar nicht. Wir hatten damals etwas anzubieten, nach uns wurde gefragt. Da ging es nicht darum, eine Stellung zu verteidigen. Kommen die Menschen heute mit anderen Sorgen? In der DDR gab es nicht diese totale existenzielle Verunsicherung. Da ging es oft um Wut, Ärger, Zorn über den Staat. Heute kommen sehr viele, die im ständigen Kampf um Posten und Ressourcen stark verunsichert sind. Die sich in ihrer Würde verletzt fühlen, die sich fragen, wo kriege ich meinen Wert als Mensch wieder her, wenn meine alltägliche Erfahrung mir sagt, dass ich eigentlich gar nichts wert bin. Und Sie? Haben Sie darauf andere Antworten als früher? Unsere Inhalte haben sich nicht verändert. Die Frage ist, ob es uns gelingt, eine Gemeinschaft zu bilden, in der sich Menschen aufgehoben fühlen, ihre Würde wiedererlangen und aufgerichtet werden. Das ist eine sehr wichtige Aufgabe von Kirchengemeinden. Aber die Politik ist Ihnen doch allmählich abhanden gekommen bei all der Seelsorge.Nein, ich verstehe mich nach wie vor als politische Frau. Als vor ein paar Jahren die Republikaner ihre Bundeszentrale nach Pankow verlegten, in eine ehemals jüdische Villa, da hat sich eine Bürgerkommission gegen Rechts gebildet, in der ich die Vertreterin der Kirchengemeinde bin. Sonst sind da CDU-Leute, Grüne, Antifa, PDS und Lehrer aus Pankow bunt gemischt. Wir organisieren jedes Jahr zum Holocaust-Gedenktag eine Lichterkette und eine ökumenische Andacht. Und auch der drohende Irak-Krieg stellt die Kirche vor eine besondere Herausforderung. Wir haben eine gewaltlose Konfliktlösung auf der Grundlage des Völkerrechts gefordert. Denn wir ordnen uns als Christen nicht Machtinteressen unter, sondern der Botschaft des gerechten Friedens. Finden Sie es eigentlich schade, dass die Menschen vor allem in der Not zu Ihnen kommen? Nein. Die Leute kommen, wenn es ihnen schlecht geht. Das ist so. Kirche ist nun mal für die Mühseligen und Beladenen da. Jesus sagt, die Gesunden brauchen keinen Arzt. Aber die Kranken. Und sobald es denen besser geht, bleiben sie weg. Das passiert schon hin und wieder. Manche brauchen nur dringend mal ein Gespräch. Aber der größte Teil unserer Gemeinden fühlt sich ja nicht nur in schwierigen Situationen mit der Kirche verbunden, auch Höhepunkte des Lebens gehören dazu, wie Taufe, Konfirmation, Hochzeit. Als Sie zu Weihnachten vor einer vollen Kirche standen, wussten Sie genau, dass 90 Prozent der Leute am nächsten Sonntag woanders sind. Das muss doch frustrierend sein. Ich weiß, dass es Kollegen manchmal so geht. Aber ich freue mich sehr, wenn die Kirche voll ist. Das nehme ich als Gelegenheit zu sagen, dass jeder hier willkommen ist. Auch wenn er nur einmal im Jahr kommt.Das Gespräch führte Jan Thomsen.BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Seit 20 Jahren in Pankow Pfarrerin: Ruth Misselwitz.