Für die Freunde des Weltbürgerkriegs hatte das Literaturhaus in der Fasanenstraße am Donnerstag abend einen besonderen Leckerbissen parat: Vera Oelschlegel, die ebenso legendäre wie zwischenzeitlich verhaßte ehemalige Prinzipalin des "Theaters im Palast" (dem der Republik nämlich) gestaltete einen halbszenischen Ernst-Jünger-Abend. Der Abend sollte, laut Einladung, Jünger als "einen großen Denker und Menschen" präsentieren, so wie Frau Oelschlegel dies in ihrem vor allem in der ehemaligen Bundesrepublik tournierenden "Theater des Ostens" zuvor schon mit Nietzsche getan hatte.In DDR-Zeiten hat Vera Oelschlegel dieses Genre rezitativer Klassikerfeier an progressiven Autoren wie Marx und Heine entwickelt. Vielen ist ihr Marx-Abend ("Salut an alle - Marx") noch in lebhafter Erinnerung. Daß Frau Oelschlegel nun die Denker der anderen Seite, unter Überspringung der liberalen Mitte, inszeniert, hat eine gewisse Logik - nicht nur, weil sich die Extreme berühren, sondern auch, weil sich aus den Klassikern des Liberalismus nur schwerlich Gesangs- und Vortragsabende gestalten ließen ("Salut an alle - Erhard" klänge, trotz seines Buchs "Wohlstand für alle" eher unüberzeugend). Es gibt eine Affinität von Totalitarismus und Kunst, an der auch ausübende Künstler offenbar nicht vorbei können.Oelschlegel, als Frau der Typus elegante Schlange, trat in einem stilisierten Armeemantel auf und trug zu passender Musik- und Geräuschuntermalung geschickt ausgewählte Passagen aus Jüngers autobiographischen Werken seit den "Stahlgewittern" vor. Wer Regietheater und "kritisches" Inszenieren ungenießbar findet, kam auf seine Kosten. Zu den "Stahlgewittern" erklang Maschinengewehrfeuer, Granaten wurden durch Zischgeräusche versinnlicht, und zu dem Satz "Die Jagd ist der Kern ernster Spiele" wurde der Hörnereinsatz zum "Freischütz"-Jägerchor eingespielt. Eine "kleine Kassiererin", die Jünger in Paris in ein Lichtspielhaus führt ("ich berührte ihre Brust"), rief den Rosenkavalierwalzer hervor (hätte man da nicht besser die bei Jünger-Lesern auch sehr beliebte "kleine Modistin" unter seinen Pariser Amouren bevorzugen sollen? Frage eines zuhörenden Bourgeois).Kurz, der Abend hielt, was er versprochen hatte. Eine Erschießungsszene aus den "Strahlungen", die sich detailliert bei den physischen Reaktionen des erschossenen Deserteurs aufhält, wurde von Frau Oelschlegel zu symphonischer Begleitung in einer Art von monotonem Sprechgesang dunkel-schön rezitiert. Am Anfang zündete Vera Oelschlegel eine Reihe von Windlichtern an, wie sie in Schützengräben verwendet wurden. Plötzlich war er wieder da, der lange vergessene Name: Hindenburglicht. Jetzt blaken sie wieder, die Hindenburglichter, die kaum auszublasenden. +++