Der dickliche, ewig verschwitzte Steini, mit dem sie ihre Kindheit verbracht hat?" Elsa kann es nicht fassen, dass ihr ehemaliger Mitschüler am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Lehrer und Schüler erschossen hat. Sie macht sich auf den Weg in ihre Heimatstadt, um nach Ursachen zu suchen. Die Autorin Ines Geipel hat Elsa, eine ihrer Studentinnen an der Schauspielschule Ernst Busch, zur Protagonistin eines literarischen Sachbuches über das Erfurter Schulmassaker vom 26. April 2002 gemacht. Um Antworten auf offene Fragen zu finden, studierte sie die Vernehmungsakten, den vorläufigen Abschlussbericht des Thüringer Innenministeriums, die Polizeifunkprotokolle.Über den damals 18-jährigen Robert Steinhäuser ist viel gedeutet worden. Ines Geipel analysiert die verhängnisvolle Verkettung, die zum Amoklauf führte. An jeder Stelle hätte sie durchbrochen werden können, stellt Geipel fest. Nichts für sich allein - das Schulversagen Steinhäusers, sein Abtauchen in eine irreale Welt der Strategie- und "Ballerspiele", die Sprachlosigkeit der Erwachsenen oder der im Schützenverein trainierte Umgang mit Waffen - führte zum Massaker. Es war ein Zusammenspiel aller Faktoren. Geipel weist dabei der Direktorin Christiane Alt ein Großteil Mitverantwortung zu. Diese habe Steinhäuser wegen Fehlzeiten und Krankenscheinfälschungen von der Schule geworfen, obwohl das nach Thüringer Gesetz eine Lehrerkonferenz vorausgesetzt hätte. Steinhäuser war, entgegen einer verbreiteten Meinung, kein Einzelgänger. Er pflegte einen "Schluri-Stil". Aber das tun andere auch. "Die Eltern schweigen, die Kumpel finden ihn geil, die Freundin ist verliebt, auf den Schießplätzen gelingt ihm alles, die Lehrer greifen nicht ein", so schildert Geipel die Situation, bevor der Rausschmiss aus der Schule Steinhäusers "Lebensdramaturgie" zerreisst. Nach dem Thüringer Schulgesetz stand er ohne Abitur und Realschulabschluss da, als habe er nie eine Schule besucht.Geipels Buch ist eine harte Kritik an der Gesellschaft. Niemand merkt, dass Steinhäuser ein halbes Jahr lang im Nichts hängt. Niemand nimmt seine Ankündigungen ernst. Die Mutter findet eine Tasche voll Munition und ignoriert es, schreibt Geipel. Die Rekonstruktion des Erfurter Geschehens vom 26. April 2002 ist nicht nur die Wiederkehr eines Albtraums. Sie gibt auch ein Bild des Versagens der Sicherheitskräfte. Es ist Geipels Verdienst, anhand von Originalquellen (allerdings ohne die Herkunft mancher Zitate genau zu benennen) nachzuweisen, dass die Thüringer CDU-Regierung bis heute eine schonungslose Aufklärung verhindert. An substanziellen Ermittlungen habe nie ein Interesse bestanden, sagt ein Anwalt. Der vorläufige Bericht des Innenministeriums behaupte, dass alle Opfer auch bei sofortiger Hilfe keine Chance gehabt hätten, sagt Geipel. Sie nennt jedoch vier Opfer, die noch stundenlang gelebt hätten. Der Bericht behaupte, Hinweise auf einen zweiten Täter seien nicht bestätigt worden. Er ignoriere dabei 86 Stimmen, von Schülern, Lehrern und Polizisten. Kompetenzgerangel, zu spätes Eingreifen des SEK, fehlende Koordination, viel zu viele freiwillige Hilfskräfte, ein wenig professionelles Rettungsteam - all das konstatiert Geipel.Für sie ist Erfurt ein Fall, in dem sich ostdeutsche Nachwende-Mentalität mit westdeutschem Leistungsdruck und Politikstil zu einer ganz eigenen Melange vermischt: Unbewältigte Vergangenheit, die Flucht der Eltern in "eine Fassadenhaftigkeit von Leben" und ein in der DDR geprägtes undemokratisches Verhalten träfen auf die Politik einer Regierung, die die Handschrift Bernhard Vogels trage, der schon 1969 als Kultusminister in Mainz Schülerrevolten abgewürgt und eine Demokratisierung an den Schulen verhindert habe.Der Sprachlosigkeit und dem Identitätsverlust der ostdeutschen Elterngeneration nach der Wende misst Geipel eine besonders verhängnisvolle Rolle zu. Daraus aber zu konstruieren, dass der Amoklauf so nur im Osten Deutschlands, speziell in Erfurt stattfinden konnte - wie es bei Geipel anklingt -, schösse weit über das Ziel hinaus. Amokläufe an Schulen gab es in den letzten Jahren in Brasilien, Japan, Kanada, den USA oder Bayern. Zu kurz kommt bei Geipel das psychisch Kranke, das es braucht, um aus Killerfantasien Taten werden zu lassen. Es war eben kein einfaches "Durchreißen" oder "Austicken", kein krasser Protest gegen ein rigide selektierendes Schulsystem, wie manche Zitate vermuten lassen. Psychologen verweisen auf schwerwiegende seelische Störungen als Mitursache für Amokläufe. Ärgerlich ist, dass Ines Geipel ihr Anliegen, "rückhaltlos und verbindlich aufzuklären", an vielen Stellen selbst verwässert, so dass am Ende der Eindruck eines Buches entsteht, das mit Vorsicht zu genießen ist. Man weiß nicht, wo der Tatsachenbericht endet und die Fiktion beginnt. In der Gedenkstätte Buchenwald entdeckt Elsa, dass die Lagerorganisation der Kommunisten einst Helferin der mordenden SS war, um die eigenen Leute zu schonen. Die Kommunisten "retteten sich, indem sie töteten, und verkauften Mord als Utopie". Elsa stößt auch auf den Fall des Kinderarztes und Jenaer Ehrebürgers Jussuf Ibrahim, der in der Nazizeit an der Kindereuthanasie mitwirkte. Auf die Frage, was Buchenwald, die Euthanasie und der Amoklauf in Erfurt miteinander zu tun haben, antwortet sie: "die Tatsache massenhaften Sterbens: drei große Akte serieller Tötung und wie damit umgegangen wird." Der Umgang mit solchen Geschehnissen ist jedoch kein speziell ostdeutsches Problem, wie auch die Geschichte der Aufarbeitung der Nazizeit im Westen zeigt.Auch aus solchem unhistorischen Herangehen lässt sich wohl der Unmut verstehen, der der Autorin bei einer Lesung in Erfurt entgegenschlug. Wäre sie doch bei der sachlichen Argumentation geblieben! Aber das konnte sie wohl nicht. Die 1960 geborene Dresdnerin gehörte zur Leichtathletik-Nationalmannschaft der DDR, ist ein Doping-Opfer und floh 1989 in den Westen. Erst jüngst habe sie erfahren, so schrieb eine Zeitung, dass ihr Vater Stasi-Agent im Westen war. Die Mauer- und die Wendekinder hätten ihren Streit noch nicht ausgetragen, schreibt sie. Am Fall Erfurt wollte sie wohl auch ihre eigene Vergangenheit abarbeiten.Ines Geipel: "Für heute reicht's. " Amok in Erfurt. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2004. 255 S. , 16,90 Euro.Foto: "Lerne um zu leben": Das Ideal am Gutenberg-Gymnasium trifft auf die Wirklichkeit des 26. April 2002.