Es ist einer der raren sommerlichen Tage in diesem Jahr, und Eva Kretschmer sitzt in einem geblümten Klappstuhl in der Sonne, die bloßen Füße ins Gras gestreckt. Auf ihrem Schoß liegt ein großes Skizzenbuch, in das sie konzentriert mit Bleistift zeichnet. Sie freut sich über Besuch und hüpft gleich in ihren gelben Kleinbus, um Kaffee zu kochen. Das Gefährt, ein rüstiger Mercedes 209D, parkt zwischen Bienenkästen, Apfelbäumen und einem Hühnerstall im Dörfchen Zempow. Im Inneren des Wagens kann man gerade so stehen, bequemer ist es, sich auf das zusammengeklappte Bett zu setzen. "Das hier ist mein Arbeitsplatz, Besprechungszimmer, Küche und Schlafplatz in einem", sagt Eva Kretschmer, während sie in der Kochnische einen Gaskocher entflammt und eine Espressokanne daraufstellt.Seit Ende Juni ist die 29-Jährige mit ihrem Bus im nördlichen Brandenburg unterwegs, im Seengebiet zwischen Rheinsberg und der Müritz. Unter dem Namen Hupe Design bietet sie ihre Dienste als Grafikdesignerin an. Nicht in ihrer Wahlheimat Berlin, sondern im dünn besiedelten Umland, wo professionelle Gestalter Mangelware sind. Die ersten Wochen hat sie in Zempow verbracht, dann einen Monat im zehn Kilometer entfernten Luhme, in einem Ferienland für Kinder. Ein Beschilderungssystem hat sie da entwickelt, das die Regeln auf dem Gelände erläutert, "freundliche, entspannte Piktogramme" statt autoritärer Verbotsschilder. Nun ist sie zurück in Zempow, genauer gesagt, im Garten einer Auftraggeberin. Evelyn Haut ist die Besitzerin des örtlichen Bioladens, für den Eva Kretschmer das Logo und Etiketten entworfen hat und jetzt eine Postkartenserie gestaltet.Wer das Angebot von Hupe Design in Anspruch nimmt, der kann dafür bezahlen, eine Gegenleistung anbieten oder Eva Kretschmer in Naturalien entlohnen. Mit diesem Vorhaben macht sie gerade ihr Diplom an der Kunsthochschule Weißensee. Dazu gehören auch wissenschaftliche Interviews, in denen sie ihre Auftraggeber nach wirtschaftlichen Besonderheiten der Region und ihrer Auffassung von gutem Design befragt. Was sie auf dem Land erlebt, das dokumentiert sie beinahe jeden Tag in einem Blog.Auf http://www.hupe-blog.de lässt sich auch nachlesen, wie es zu alldem kam: Letzten Sommer machte Eva Kretschmer Urlaub auf einem Campingplatz in Brandenburg. Und fand sich bald im Gespräch mit der Besitzerin, die sich ein Logo wünschte. Warum nicht Reisen mit Arbeiten verbinden, dachte sich die angehende Designerin. Es ist ein Konzept, das an die Walz von Handwerksgesellen erinnert. Vom Spätmittelalter bis ins 18. Jahrhundert war es für junge Handwerker nach Abschluss der Lehre Pflicht, sich auf Wanderschaft zu begeben, um Meister in ihrem Beruf werden zu können. So lernt auch Eva Kretschmer wichtiges Handwerkszeug, das sie als freiberufliche Designerin brauchen wird: Kontakte schließen, mit den Wünschen der Kunden umgehen, flexibel sein.Die Idee ist nicht ganz neu. 2005 brachen Benjamin Bartels und Max Kohler unter dem Projektnamen "Gringografico" zu einer Arbeitsreise entlang der Panamericana auf. Zwei Jahre später fuhren Kathrin Wetzel und Johannes Blum mit ihrer "Designwalz" um die ganze Welt, 2008 tauschte der Bremer Student Benjamin Suck auf seiner "Design-Walz" Arbeit gegen Kost und Logis. Allesamt waren es Diplomprojekte - und doch anders als Hupe Design von Eva Kretschmer. Während ihre Vorgänger ausschließlich Agenturen in Städten ansteuerten, sucht sie sich ihre Kunden direkt in einer dörflichen Gegend, etwa hundert Kilometer nördlich von Berlin. Für sie sei eben nicht eine weite Reise das Spannende, sondern das Eintauchen in den "Mikrokosmos Zempow".Nach über zwei Monaten auf der Walz weiß sie allerdings: Das größte Problem scheint die angemessene Vergütung zu sein. Was sind Geschäftskarten wert, was ein neues Logo? "Es ist bisher ein Verlustgeschäft", sagt sie, "ich bin einfach nicht so gut darin, über Geld zu verhandeln." Für den Entwurf von Visitenkarten gab es Reitstunden, einige Male Bargeld, hin und wieder Naturalien wie Honig, Eier und Sirup. Glücklicherweise kommen die Auftraggeber für Kost und Logis auf. Evelyn Haut, die Bioladen-Besitzerin in Zempow, lädt Eva Kretschmer jeden Abend an den Familientisch ein.Bei Sonnenschein fehlt der Frau hinter Hupe Design sowieso nichts, hier am Rande der Mecklenburgischen Seenplatte. Über den Baumwipfeln liegen flauschige Wolken, der Blick ruht sich aus bei Wäldern, Seen und Pferdekoppeln. "Das liegt aber heute auch am Wetter", relativiert Eva Kretschmer, "es gab durchaus deprimierende Tage, als es einfach nicht aufhören wollte zu regnen, und der Bus dann auch noch undicht wurde."Eigentlich ist sie nur zufällig hergekommen. Von diesem Ort hat sie das erste Mal bei ihrem Abschiedsfest gehört, vor dem Aufbruch aus Berlin. Eine Freundin erzählte ihr von einem alten Autokino in Zempow, seinerzeit das einzige in der DDR. Eva Kretschmer war danach wild entschlossen, ihre Hupe-Tour dort zu beginnen. Ohne Auftrag oder festen Kontakt. "Zu meinem Konzept gehört es, nichts vorher zu planen", sagt sie. Nun, nach zwei Monaten in Zempow und Umgebung, hat sie sich schon ein richtiges kleines Netzwerk aufgebaut.Die 140-Seelen-Gemeinde erwies sich nämlich als echter Glücksgriff: Im Autokino wurde ein Kulturfestival veranstaltet, bei dem die Designerin den Besuchern mit Kugelschreiber abwaschbare Tattoos aufmalte. Sie hat Briefbögen, Visitenkarten und Flyer entworfen. Und die zufriedenen Kunden empfehlen Hupe Design an Freunde und Nachbarn weiter. Oder Eva Kretschmer geht auf Akquise bei einem Dorfspaziergang beziehungsweise einem Bier in der Kneipe: "Mein Vorhaben braucht Zeit, da muss man schon eine Weile vor Ort sein, damit das funktioniert. Und viel schnacken."Die Leute, sagt sie, hätten hier größeren Redebedarf als in der Stadt. Deshalb entwickelten sich einige der Interviews schon mal zu psychologischen Gesprächen. Ursprünglich hatte sie vor, Auszüge auf ihrem Hupe-Blog zu publizieren. "Aber viele haben mir so viel Persönliches anvertraut, das kann ich nicht veröffentlichen."Auch bei den Gesprächen mit den Auftraggebern habe sie festgestellt, dass die Uhren auf dem Land anders ticken als in Berlin. "Man trifft sich, redet erst mal über alles Mögliche, und irgendwann geht's dann vielleicht um den Auftrag. Oder auch nicht, und dann trifft man sich eben an einem anderen Tag noch mal ..." Sie selbst ist in der DDR geboren, nach der Wende in die westdeutsche Provinz übersiedelt, später zum Studieren nach Berlin gegangen und immer mal wieder für Praktika in andere Städte. Genug Wechsel also, um feinfühlig zu werden für unterschiedliche Lebensweisen und Eigenheiten der Menschen. "Ich will hier nicht als Entwicklungshelferin auftreten und den Leuten sagen, wie ihre Sachen auszusehen haben", erklärt Eva Kretschmer sehr entschieden. Lieber möchte sie mit den Auftraggebern gemeinsam Ideen entwickeln.Ob es weitergeht mit Hupe Design nach ihrem Diplom, das weiß sie noch nicht. "Aber ich will auf jeden Fall weiterhin Reisen mit Arbeiten verbinden", sagt sie. Klingt nach einem neuen Abenteuer.------------------------------"Mein Vorhaben braucht Zeit, da muss man schon eine Weile vor Ort sein, damit das funktioniert. Und viel schnacken.""Es gab durchaus deprimierende Tage, als es nicht aufhören wollte zu regnen, und der Bus dann auch noch undicht wurde."Foto: Eva Kretschmer vor dem gelben Bus von Hupe Design. Er ist Arbeitsplatz, Besprechungszimmer, Küche und Schlafplatz in einem.