von Jürgen Kaube Der Titel dieses Buches stimmt nicht. Es fehlt ein Wort. Wolf Lepenies legt nicht nur eine umfassende intellektuelle Biographie von Charles-Augustin Sainte-Beuve, dem bedeutendsten Literaturkritiker Frankreichs im 19. Jahrhundert vor. Er hat mehr als einen Reiseführer durch ebenso entlegene wie pittoreske Provinzen der französischen Literaturgeschichte verfaßt. Auch die erzählende Soziologie der publizistischen und politischen Öffentlichkeit im Paris des Empire erschöpft sein Interesse nicht. Ja, nicht einmal der Versuch, im Prisma eines Lebens, das von 1804 bis 1869 währte, Züge der entstehenden Moderne zu betrachten, macht das Zentrum des Textes aus. Und davon, daß Lepenies alle Bonmots über jene Zeit und ihre Schriftsteller kennt, und so freigiebig ist, keines für sich zu behalten, lassen wir uns schon gar nicht über die moralischen Absichten seines Buches hinwegtäuschen. Wolf Lepenies errichtet in Sainte-Beuve ein Vorbild. Das Vorbild eines literarischen Charakters. Mehr noch: Er hat eine Verteidigungsschrift zugunsten einer intellektuellen Haltung vorgelegt. Das Buch muß von der zweiten Auflage an "Für Sainte-Beuve" heißen. Hier geht es einem Autor erkennbar darum, einen anderen zu retten. Wovor? Wodurch? Wozu?Wovor? Zunächst einmal vor dem, was schlimmer ist als das Vergessenwerden ­ vor der Unbekanntheit. Denn wer kennt hierzulande Sainte-Beuve? Lepenies schreibt über einen Kritiker, dessen umfangreiches Werk so gut wie nicht übersetzt ist, so gut wie keinen Einfluß außerhalb von Frankreich ausübt und sich zumeist mit Autoren befaßt, die dem deutschen Leser ebenfalls nur wenig sagen. Denn wer kennt hierzulande Doktor Patin, Madame de La Vallière, Pierre-Paul Royer-Collard oder selbst den Abbé Lamenais? Bei Lepenies lernt sie der Leser kennen. Aber auch durch seine Stellung zur eigenen Gegenwart empfahl sich Sainte-Beuve der Nachwelt nicht. Er hat als Kritiker so ziemlich alle großen Schriftsteller, deren Zeitgenosse er war, unterschätzt, mißbilligt, gehaßt oder ihr Werk "einfach abscheulich" gefunden: Baudelaire, Flaubert, Balzac, Stendhal.Wodurch läßt sich solch ein schwieriger Fall retten? Lepenies wendet die Gründe für Sainte-Beuves hiesige Unbekanntheit zu seinen Gunsten. Er schildert ihn als eine genuin französische Erscheinung, eingebettet in die Konversationskultur Pariser Intellektuellenkreise und verpflichtet dem "klassischen Zeitalter" Frankreichs im 17. Jahrhundert. Wer von dieser literarischen Tradition keinen Begriff hat, dem fällt durch die Lektüre eine Überfülle einprägsamer Bilder von ihr zu. Lepenies erkennt in Sainte-Beuve den essayistischen Restaurator all jener untergegangenen Geisteshaltungen, die Frankreich als "Idee" ausmachen. Das Leben im Salon, die Besonderheiten des gallikanischen Katholizismus, die Gepflogenheiten des schreibenden Adels werden ausgeleuchtet. Und er begreift ihn als einen Autor, der zu den ästhetischen Innovationen seiner Epoche kaum ein Verhältnis fand, weil er in der Dichtung Orientierung, Halt und Kompensation gerade für Beschädigung durch die Moderne suchte. Nur der Bereich der Literatur erlaubte Konservativismus als Pflicht und nicht als fixe Idee. Man müsse erst alle alten Bücher lesen, um ein neues vorzuziehen, heißt es an einer Stelle.Dieser Gestus machte aus Sainte-Beuve einen Journalisten gegen den Journalismus. Er führte ein Leben unter Druckfahnen und aufgeschlagenen Büchern. Am 1. Oktober 1849 schrieb es seine erste "Causerie du Lundi" für den "Constitutionnel". In der Folge erschien zwanzig Jahre lang jeden Montag ein literaturkritischer Artikel von bis zu dreißig Buchseiten Umfang. Lepenies fordert eine historische "Zeitbudgetforschung", um zu ermitteln, wie eine solche Produktion durchgehalten werden konnte. Sainte-Beuve diktierte drei Tage lang Entwürfe, redigierte freitags und korrigierte bis Sonntagnachmittag. Daneben gab es umfangreiche Quellenstudien, waren Briefe zu schreiben und Bibliotheken zu besuchen. Im Zeitalter der Industrialisierung ließ Sainte-Beuve die Manufaktur der Kritik heißlaufen. Und doch widerstrebte alles an ihm der "stampomanie", dem Druckwahn und der Sucht nach Neuigkeiten. Sainte-Beuve sah sich in einer Zeit literarischer Demokratisierung, in der alles zu schreiben anfing. Die Ordnungsgewinne, die er sich gerade von der Literatur versprach, führten ihn deshalb zumeist in ihre klassische Periode.Dabei war er weder ein Nostalgiker noch ein Reaktionär. Lepenies zeigt, wieviel Interesse Sainte-Beuve für riskierte Existenzen und Virtuosen des sozialen Protests hatte: für gegenrevolutionäre Katholiken wie Joseph de Maistre oder Anarchisten wie Proudhon. Sainte-Beuve suchte in der Literatur nicht Dichter, sondern Autoren ­ nicht die weltabgewandte Konzentration, sondern die kulturzugewandte Moralistik. Deshalb, so der zentrale Satz des Buches, sehnte er sich auch nicht nach untergegangenen Epochen, sondern nach früheren Haltungen.Darin liegt beschlossen, wozu Lepenies Sainte-Beuve retten will. Er zeigt ihn als einen Autor intellektueller Verhaltensunsicherheit und eines hieraus sich ergebenden Unbehagens in der Moderne. Eben das mache ihn am Ende moderner als viele andere. Nur kurze Zeit schloß er sich, auf der Suche nach einer Zivilreligion der Moderne, intellektuellen Bewegungen an: zunächst dem Positivismus, dann der Romantik, zuletzt den Saint-Simonisten. Doch stets tat er es nur halben Herzens. Sainte-Beuve habe beständig geschwankt und sich darum gehalten. Man könnte die Verteidigung des "bon sens", von Geschmack, Mitte und Maß freilich auch als Programm dessen lesen, der nichts riskieren will. Sainte-Beuve war es stets darum zu tun, sich nicht festzulegen. Auch eine Art von Dogmatismus."Ich schreibe keine Verrisse", erklärte Sainte Beuve. Lepenies beschreibt ihn dennoch als Rächer. Vergeltung, "vengeance", sei das Schlüsselwort zu einem Werk, das die verlorene Ordnung der Gesellschaft in der Literatur wiederherstellen wollte. Nicht die Dichtung, sondern das Feuilleton war für ihn die moralische Anstalt. Die Sehnsucht nach kultureller Wiedergutmachung des modernen Bruchs mit der Tradition machte es zur Vertreterin der Vor- und Nachwelt zu Lebzeiten. Die Wiederherstellung verderbter Texte lag Sainte-Beuve dabei ebenso am Herzen wie das Zurechtrücken anachronistischer Werturteile einer selbstzufriedenen Gegenwart. Lepenies präsentiert eine ganze Fallsammlung solcher literarischen Vergeltungsakte.Sie führt nach dem Wovor, Wodurch und Wozu zuletzt auf das "Wogegen?" des Buches. Denn auch Lepenies nimmt Rache. "Für Sainte-Beuve" muß sein Buch heißen, weil es gegen "Gegen Sainte-Beuve" geschrieben ist. Marcel Proust hat unter diesem Titel die ersten Skizzen zu seiner "Suche nach der verlorenen Zeit" gesammelt; gerade ist im Suhrkamp-Verlag eine neue Übersetzung erschienen. Für Proust war Sainte-Beuve der Kritiker, der über Baudelaire gesagt hatte, er "gewinne, wenn man ihn kennenlerne" und sei "zuweilen recht liebenswürdig". Sein ganzes Werk gründe auf dem Irrtum, die sozialen Rollen des Autors mit dem "wahren Ich" seiner Werke zu verwechseln. Aber das Ich, das Gedichte schreibe, sei nicht dasselbe, das auf die Uhr schaut, Freundschaften pflegt und Geld ausgibt. Für Proust hatte Sainte-Beuve aus allen Dichtern Journalisten gemacht, die stets an ihre Leser und die Gesellschaft denken. Lepenies leidet unter diesem Verdikt wie einer, dessen Lieblingsautor von seinem zweitliebsten als "altes Kamel" bezeichnet worden ist. Immer wieder kommt er auf die Vorwürfe Prousts zurück. Sie seien nicht originell, Proust habe von Sainte-Beuve mehr gelernt, als er zugebe, täusche sich meist und habe ihn nicht einmal ganz gelesen. Wer recht hat, wollen wir nicht entscheiden ­ mit Liebenden kann man nicht diskutieren.Wollte man Lepenies Buch aber Gerechtigkeit nach eigenem Maß widerfahren lassen, müßte man es jedenfalls selbst nach der Methode Sainte-Beuves besprechen. Man müßte dann den Rektor des Berliner Wissenschaftskollegs dafür bewundern, daß er eine solche philologische Leistung seiner bemessenen Arbeitszeit abgezweigt hat. Man würde neben der Eleganz der Darstellung auch das Geschick eines vielbeschäftigten Autors bewundern, sich an die "Lundis" zu halten, die jedes eine Woche brauchten, um zu entstehen, aber jedes nur eine Nachtstunde, um gelesen zu werden. Man müßte darauf hinweisen, daß die Passagen über die Intelligenz und ihre Geselligkeitsformen auch ein wenig pro domo, für das Haus gesprochen ist, dem Lepenies vorsteht. Man müßte schließlich unterstreichen, daß es für Lepenies vermutlich nur einen guten Grund gibt, nicht in Frankreich geboren sein zu wollen ­ nämlich den, daß er nur als Deutscher so bewundernd über einen Franzosen aus dem "juste milieu" schreiben kann, den hierzulande keiner kennt.