Fürs Ladenzentrum am Hansaplatz werden Ideen gesucht: Klassische Moderne in der Krise

TIERGARTEN. Grelles Neonlicht beleuchtet den kleinen Laden am U-Bahnhof Hansaplatz, den sich Papierwarenhandlung und Postbank teilen. "Falls mal was passiert", sagt Inhaber Michael Pieper. "Dann haben die Kameras genügend Licht für die Aufnahme." Pieper weiß, dass sein Geschäft im Gegensatz zur restlichen Ladenpassage fast wie eine Lichtoase wirkt. "Ganz schön dunkel in den Gängen hier", sagt er. "Überhaupt könnte das ganze Einkaufszentrum sinnlicher aussehen." Apotheker Ulrich Greiner, der eine Tür weiter seinen Laden führt, hat für solch diplomatische Formulierungen nicht viel übrig. "Das Zentrum hat einfach den Niedergang gemacht", sagt er ernüchtert.Die Ladenpassage, 1957 zur Internationalen Bauausstellung eröffnet, ist seit Jahren das Sorgenkind des Hansaviertels: Die schmutzig-weißen Kacheln sind mit Graffiti beschmiert, der Rost sitzt dem Stahlbau in allen Ecken. Bei Regen tropft es durch das Flachdach, im Sommer heizt es sich auf. Und in den überdachten Gängen ist es teilweise so dunkel, dass die Anwohner von "Angst-Räumen" sprechen. Butter Lindner, die Parfümerie und die Buchhandlung sind schon in eine vornehmere Gegend gezogen. Vor Kurzem hat auch noch der Fotoladen geschlossen.Damit endlich etwas getan wird, hat Senatsbaudirektorin Regula Lüscher einen Workshop einberufen. Bezirk, Anwohner, Ladenbesitzer, Architekten sowie die Mitglieder des Bürgervereins Hansaviertel trafen sich im Gemeindesaal der Sankt Ansgar Kirche und diskutierten, wie man das Hansacenter verbessern kann. "Wir haben ein Goldstück in der Hand und sind dennoch im Dornröschenschlaf", sagt Stadtplanerin Marlene Zlonicky. "Mir haben sogar schon die Obdachlosen gesagt, dass sie das Gebäude anstreichen würden, wenn man ihnen Geld für die Farbe gibt."Flohmarkt und ParkplätzeVöllig tatenlos ging es im Hansaviertel in den letzten Jahren jedoch nicht zu. Mit der Gründung des Bürgervereins Hansaviertel 2004 kam der kleine Stadtteil zwischen Regierungsviertel, Tiergarten und Zoo wieder in Schwung. Zum 50-jährigen Jubiläum der Internationalen Bauausstellung organisierte der Verein rund 70 Aktionen, darunter Ausstellungen, Fachtagungen und Stadtführungen. Unterstützt wurde das Programm von der Stiftung der Deutschen Klassenlotterie. Auch der Bezirk half: Viele Wohnhäuser bekamen einen neuen Anstrich; die Grünanlagen wurden in Stand gesetzt. Die Restaurierung der Hansa-Bibliothek soll in Kürze beginnen. "Die Bewohner fühlen sich in ihrem Kiez endlich wieder wohl", sagt Vereinschef Thilo Geißler.Nur das schmutzige Geschäftszentrum schadet noch dem Image des Viertels. "Die Anlage ist ein wunderschönes Beispiel der Klassischen Moderne der Nachkriegszeit, aber leider in der Bausubstanz völlig veraltet", sagt Architekt Jochen Köhn. Es gibt viele Ideen und viele Vorschläge. Supermarktinhaber Veysel Senkaya vermisst eine Kundentoilette und Parkplätze. Einen Trödelladen mit einer Antik-Sammlung aus den 50er-Jahren kann sich hingegen Manfred Kühne von der Obersten Denkmalschutzbehörde als Lösung vorstellen. "Dann kommt das Publikum vom Flohmarkt an der Straße des 17. Juni auch hier vorbei und schaut, ob wir eine abgefahrene Eierbecherkollektion haben", sagt er.Der Bezirk unterstützt den Bürgerverein mit 3 000 Euro jährlich. Gabriele Zill von der Abteilung Stadtentwicklung will vor allen Dingen ein einheitliches Werbekonzept. "Es kann nicht sein", sagt sie, "dass jeder Laden seine Schaufenster mit verschiedenfarbigen Folien zuklebt." Senkaya vom Supermarkt lächelt und sagt: "Ich kann gern andere Folien an die Schaufenster kleben". Bei größeren Veränderungen müssten sich jedoch die Eigentümer einigen. In seinem Fall seien das gleich zwei Hausverwaltungen. "Da fängt das Problem doch schon an", so Senkaya.Einig sind sich alle, dass das Geschäftszentrum weder abgerissen noch vergrößert werden soll. Im Februar geht es mit der Planung weiter. Dann sollen die Architekten ihre Visionen vorstellen. Vielleicht sollte auch gleich noch ein Workshop zum Thema Finanzierung einberufen werden. Denn wer den Umbau der Ladenpassage letztendlich bezahlt, weiß niemand. "Sicherlich wird die öffentliche Hand anfangen und damit ein Zeichen setzen", sagt Architekt Jochen Kühn. "Dann aber müssen sich die Vermieter zusammenraufen."------------------------------Bungalows und Hochhäuser unter DenkmalschutzDas alte Hansaviertel entstand nach 1875. Geschlossene Blockrandbebauung und Stuckfassaden prägten das Quartier. Zahlreiche Künstler und bekannte Persönlichkeiten lebten dort, darunter die Bildhauerin und Grafikerin Käthe Kollwitz sowie die Dichterin Else Lasker-Schüler. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Viertel fast vollständig zerstört.Das neue Hansaviertel zeichnet sich durch eine offene Bebauung aus. Der Senat von West-Berlin lobte 1953 einen internationalen städtebaulichen Wettbewerb für den Neuaufbau aus. International bekannte Architekten aus 14 Ländern wurden mit den Entwürfen für 35 individuell zu gestaltende Einzelobjekte beauftragt. Geplant und umgesetzt wurden alle Typen des modernen Wohnhauses vom Einfamilien-Bungalow bis hin zum 17-geschossigen Hochhaus sowie Ladenpassage, Kirchen, Kino (jetzt das Grips-Theater), Bibliothek und Kindergarten.Die Planung der Grünflächen wurde zehn anerkannten Landschaftsgestaltern aus der BRD und Europa übertragen. 1957 wurde das Hansaviertel zum Mittelpunkt der Internationalen Bauausstellung in Berlin. 1995 wurde das Viertel vollständig unter Denkmalschutz gestellt.Das Geschäftszentrum am Hansaplatz wurde Anfang der 50er-Jahre von den deutschen Architekten Hans Rudolph Plarre und Ernst Zinnser entworfen. Es erstreckt sich zwischen Bartningallee und Altonaer Straße. In dem als offene Passage mit Atriumhöfen angelegten Zentrum gibt es 13 Läden - unter anderem Post, Apotheke und Blumenladen. Das Zentrum macht seit Jahren einen ungepflegten und schadhaften Eindruck. Der Senat setzt sich für eine Sanierung ein.Der Bürgerverein Hansaviertel wurde 2004 gegründet. Der Verein hat rund 130 Mitglieder und setzt sich insbesondere für die Sanierung der baulichen Substanz im Quartier sowie die Beschaffung von Investitionsmitteln ein. Seit Mai ist das "Interbau Infobüro" im Einkaufszentrum geöffnet. Sprechzeiten sind Montag bis Sonn- abend von 12 bis 18 Uhr, Telefon 030/60 05 56 71. Treffen finden regelmäßig an jedem dritten Montag im Monat um 18 Uhr in der Hansabibliothek statt.Im Internet: www.hansaviertel.eu------------------------------Foto: Veysel Senkaya ist Leiter des Bolle-Supermarktes und hat wie seine Geschäftsnachbarn viele Ideen.------------------------------Foto: Noch wirkt es düster und wenig einladend. Doch das Geschäftszentrum am Hansaplatz soll schöner werden.