Am Mittwoch vergangener Woche faßte das Bundesverwaltungsgericht einen knappen Beschluß. Es verwarf das Rechtsmittel der Revision und bestätigte so ein Urteil, das die 2. Kammer des Verwaltungsgerichts Greifswald im August 1997 gefällt hatte. Obsiegt hat das Landesamt für offene Vermögensfragen Mecklenburg-Vorpommern, unterlegen ist die Muttland Aufbaugesellschaft mbH, Gewinner sind die öffentliche Hand und eine Vielzahl kleinere wie größere Liegenschaftsinhaber. Sie können nun endgültig zu Eigentümern werden bauen, verkaufen oder beleihen.Zu diesem ja nicht ungerechtfertigten Zweck aber kränkten die Verwaltungs- und Bundesrichter die antifaschistische Ehre eines Mannes, der im Februar 1945 im KZ Sachsenhausen gewaltsam zu Tode gekommen war, nachdem er zuvor unter unklaren Vorwürfen in den Gestapogefängnissen Stralsund und Stettin inhaftiert gewesen war seit dem 21. Juli 1944. So sehr die Greifswalder Richter der Rechtssicherheit und einer Gerechtigkeit dienten, die sich als Verteilungsgerechtigkeit verstand, so wenig sahen sie sich der historischen Wahrheitsfindung verpflichtet. Im entscheidenden Punkt ihres Urteils verstiegen sie sich zu Sätzen, die den Tatbestand der Verdrehung erfüllen: "Es fragt sich", so wanden sie sich, "ob von einer politischen Gerichtetheit der Verfolgung gesprochen werden kann und ob Malte zu Putbus etwa wofür Anhaltspunkte bestehen wegen einer regional beschränkten Verfolgung dieser durch Aufsuchen einer Fluchtalternative hätte begegnen können." Das Bundesverwaltungsgericht schloß sich dieser opportunitätsgeleiteten, wirklichkeitsfremden, geradewegs widerwärtigen Definition des Begriffes "NS-Verfolgung" an. Es sprach sein Urteil im Namen und unter dem Beifall des Volkes. Likedeeler unter sichDie Begründung der Greifswalder Richter umfaßt 214 Seiten. Streitgegenstand war ein Sechstel der Fläche Rügens, genauer gesagt: die Begüterung Putbus. Sie umfaßte bis 1945 exakt 44 Güter, 152 Bauernhöfe und sieben gewerbliche Betriebe die Kreidebrüche und -schlämmereien in Jasmund, Mönkendorf, Sehlitz, Dumsevitz, Dubnitz, Groß-Volksitz und Poissow. Gemäß dem letzten Betriebsprüfungsbericht vom 31. Juli 1940 handelte es sich um 18 360,47 Hektar Land. Dazu gehörten Schloß Putbus und Park, Seebad Lauterbach, kleine Sommerresidenzen und Förstereien; den Mittelpunkt bildeten die repräsentativen, im klassizistischen Stil gebauten Beamten- und Handwerkerhäuser der Stadt Putbus, der Marstall, das Pädagogicum, die Christuskirche. Schließlich das Jagdschloß Granitz wie das Theater von Putbus, beide von Friedrich Schinkel entworfen. Fast alles ist gut erhalten, vieles renoviert. Nur das Schloß selbst fehlt, es wurde 1960 kurzerhand abgerissen, nicht aus dem antifeudalen Furor der frühen DDR-Jahre, sondern weil das Geld für die schon begonnen Erhaltungs- und Sanierungsarbeiten ausgegangen war.Kein Zweifel, die fürstlich Putbussche Herrschaft paßte schon lange nicht mehr ins Bild des modernen Staats, sei er nun demokratisch, nazistisch oder volksdemokratisch verfaßt. Die Bewohner seiner aufgeklärten, selbstverliebten Stadtneugründung hatte sich Fürst Wilhelm Malte I. im Jahre 1806 mittels einer Zeitungsannonce gesucht; sie sollten, so stand im Text, "hinlängliche Beweise eines ordentlichen und stillen Betragens" beibringen. Noch 1944 entrichteten die Bauern ihre Pacht in Form von Naturalien, sie lieferten ein Teil ihrer Roggenernte an die fürstlichen Rentämter ab.Hätten die Gerichte den in Sachsenhausen ermordeten Malte zu Putbus als Opfer des Nationalsozialismus, also als Opfer politischer Verfolgung anerkannt, wäre die Regelung dieser immerhin beachtlichen offenen Vermögensfrage rechtstechnisch so nicht möglich gewesen. Das aber verlangte die Raison der Wiedervereinigung, das wollten CDU, SPD und PDS gemeinsam. Die Unsicherheit vieler und ein Investitionshindernis mußten beseitigt werden. "Gesprengte Ketten" heißt das Störtebeker-Historical, das derzeit auf Rügen gegeben wird. "Ein neuer, vier Jahre andauernder Zyklus über das Leben des Robin Hood der Meere", der, so will es die Legende, den Reichtum der Pfeffersäkke in das Kleingeld der Massen verwandelte. Aus einem Alteigentümer lassen sich viele Neueigentümer machen, Freibeuter und Likedeeler unter sich. Es waren die kleinen Leute, andere gab es kaum, die ihren Fürsten an den SS- und Polizeiapparat denunzierten, recht bald nachdem er sein Erbe 1935 angetreten und ihnen zunächst die gewissenhafte Lektüre von "Mein Kampf" anempfohlen hatte. Natürlich ging es dabei auch um die Höhe der Pachten. Die Preisstoppverordnungen Görings sollten die Junker Ostelbiens nachhaltig treffen und taten es auch. Zu Putbus, der den Weltkrieg mitgemacht, danach in den Freikorps gegen die bolschewistische Gefahr, gegen Pöbel und Gosse, so wird er sich ausgedrückt haben, gekämpft hatte, war der NSDAP bereits 1932 beigetreten. Als Nationalist und Antidemokrat gewiß, doch auch deshalb, weil er zumindest einen Teil seines Herrendünkels in den Schützengräben gelassen hatte. Anreden allerdings ließ er sich nicht als Parteigenosse, sondern als Rittmeister, wahlweise als Herr zu Putbus. Rasch zerstritt er sich mit den kleinen örtlichen Funktionären: "... das merke er sich, Fähnleinführer", so protokollierte das Gaugericht Pommern der NSDAP seine Tonlage. Als zu Putbus sich weigerte, an den nationalen Beflaggungstagen ausschließlich die Hakenkreuzfahne zu hissen, und deshalb vom Bürgermeister und Ortsguppenleiter Schröder, dem örtlichen Bäcker, zur Rede gestellt wurde, beschied er den nationalsozialistischen Funktionär, "daß er zu dem alten Ärger noch jeden Augenblick neuen hinzufügt". Einen anderen Vorfall im März 1939 protokollierten die Parteirichter so: "Zu Putbus hat versucht, auf seinen Angestellten Jahn, Zellenleiter und Betriebsobmann seiner Verwaltung, einzuwirken, sein jüngstes Kind taufen zu lassen. Dessen Ablehnung hat er mit den Worten beantwortet, er sei genau so verrückt wie der Kreisleiter und die ganze Partei. Im Verlauf des Gesprächs hat er zur Judenfrage Stellung genommen und in seiner Erregung geäußert, er könne die Juden verstehen, sie würden sich an Deutschland einmal rächen, sie hätten ihre Ehre und verteidigten sie. Es sei ungerecht, sie aus Deutschland zu verweisen, Gott werde Deutschland durch die Juden strafen. Er hat weiter erklärt, das deutsche Volk sei das dümmste Volk auf der ganzen Erde und seine Führung treibe heute eine Politik, als ob ein Elefant im Porzellanladen trample."Wenig später notierte der Putbuser Ortsgruppenleiter: "Die Bewegung steht im scharfen Gegensatz zu Herrn Malte zu Putbus." Außerdem sorgte der Ortsgruppenleiter dafür, daß der Fürst für drei Tage in Schutzhaft genommen und in Putbus Plakate angeschlagen wurden, die ihn als "Judenfreund", "Saboteur Hitlers" und "Landesverräter" bezeichneten. Trotz einiger verteidigenden Einlassungen - die zitierten die Greifswalder Richter im Jahre 1997 gern - wurde Malte zu Putbus aus der NSDAP ausgeschlossen. Ein Verfahren vor dem Sondergericht Stettin wegen "Heimtücke" nach einer Intervention des Reichsjustizministeriums mit einer Verwarnung eingestellt.Gewissensfester ReaktionärInsofern ist es durchaus richtig von "regionaler Verfolgung" zu sprechen. Das Sondergericht Stettin leitet der notorische Blutrichter Johannes Paulick. Er hatte es soweit getrieben, daß er später nicht einmal mehr in den bundesdeutschen Justizdienst übernommen wurde. Paulick war in Stettin Gaurechtsberater gewesen. "Er galt", wie es in einer Urkunde der Ludwigsburger Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen heißt, "als rechte Hand des Gauleiters von Pommern Schwede-Coburg." In den letzten Kriegswochen leitete er das Standgericht und sorgte dafür, daß sämtliche Akten des Sondergerichts am 28. April 1945 in Greifswald, wohin sie verlagert worden waren, verbrannt wurden. Anfang Februar 1945 leitete er als kommissarischer Richter des Volksgerichtshofs mindestens eine Verhandlung in Stettin. Diese Verhandlungen fanden in der letzten Kriegsphase auch außerhalb von Berlin statt. Paulick leitete die Räumung der pommerschen Gefängnisse, entschied täglich über Leben und Tod. Gefangene aber, die aus geringfügigen Gründen inhaftiert waren, ließ er laufen.Bis zum Tag der Überstellung nach Sachsenhausen besaß dieser Mann die Gewalt über den Untersuchungsgefangenen Malte zu Putbus. Daß der am 21. Januar 1945 an seinen Sohn schrieb, er erwarte seinen Prozeß in Berlin, dieses Wort dann strich und Greifswald dahinter setzte, paßt zu dieser Gesamtsituation. Paulick war, auch das ist in Ludwigsburg aktenkundig, ein erklärter persönlicher und politischer Gegner des Fürsten zu Putbus. Alle diese Fakten hat das Greifswalder Gericht ignoriert. Nicht die geringste Anstrengung hat es unternommen, die Szene und die handelnden Personen zu beleuchten. Die Inhaftierung des Malte zu Putbus wird in der Tat "regional" gewesen sein. Sie wird auf das Betreiben Paulicks zurückgegangen sein und auf das des Gauleiters Franz Schwede, eines Mannes von reinstem deutschem Arbeiterblut aus dem Memelländischen und gelernten Maschinenschlossers, seit der gemeinsamen Kampfzeit in Bayern eng mit Heinrich Himmler verbunden. In Schwedes Gau wurden die Geisteskranken zu allererst, schon im Oktober 1939, durch die SS ermordet; die Stettiner und Schneidemühler Juden schon im Februar 1940 in die Region Lublin deportiert. Schwede war der Inbegriff des sozialen Nazis Malte zu Putbus, ein weltläufiger, gelegentlich starrsinniger und gewissensfester Reaktionär, sein natürlicher Feind. Die Erste Deutsche Republik versäumte in den zwanziger Jahren den sozialrevolutionären Akt durchgreifender Fürstenenteignung, der dieser Art von überkommener Herrschaft ein Ende gesetzt hätte. Schon deutlich weniger als die Republik war das Dritte Reich ein Staat der Junker. Und 1942 schien eines der großen Ziele des Sozialpolitikers Heinrich Himmler zum Greifen nah: "Gelöst ist auch das Problem der Klassen und Stände. Nicht Stand und Abstammung sind entscheidend, sondern die Leistung", erklärte er seinen SS-Fahnenjunkern. Sie stammten aus allen Schichten der deutschen Bevölkerung und deshalb mehrheitlich aus den unteren. Jeder träumte vom Siedlungshof im annektierten deutschen Osten oder im Schwarzerde-Gebiet. Die Fläche sollte 20 bis 50 Hektar betragen, aus ökonomischen Gründen, der Großgrundbesitz nach dem Sieg aus denselben Gründen aufgelöst und umverteilt werden. Hier liegen die historischen Gründe dafür, daß die sozialen Schranken in der Bundesrepublik weit niedriger sind als im benachbarten Frankreich, die Möglichkeit sozialer Aufwärtsmobilisierung weit höher. In diesen Kontext gehört auch das KdF-Bad Prora, dessen Grund zu Putbus zur Verfügung stellte. Die Grundlagen des heutigen deutschen Massentourismus wurden hier von Robert Ley, dem Chef der Deutschen Arbeitsfront, gelegt. "Wir müssen die ganze freie Zeit nach der Arbeit ausbauen", begründete er sein "Kraft-durch-Freude"-Projekt, "zu einem gigantischen Werk, es wird das Größte sein, was diese Revolution vielleicht hervorbringt." Dauerhaft wurde es jedenfalls.Längst schon angefeindet, von einem Betriebsführer verwaltet, hielt sich die Begüterung Putbus bis 1945 in der Rechtsform des Familienfideikommisses. Sie war also unverkäuflich, ihren Besitzern kamen nur die Erträge aus den Länderreien zu, gegebenenfalls die Schulden. Der Code Nopoléon, der diese Form feudaler Bodenordnung in Frankreich und in den westlichen Gebieten Deutschlands aufgehoben hatte, konnte nach Mecklenburg-Vorpommern nicht durchgreifen; kaum mehr Wirkung hatte die Weimarer Verfassung, deren Artikel 155 diese Form feudaler Besitzstandswahrung ausdrücklich verbot. Selbst das entsprechende Reichsgesetz vom 6. Juli 1938, das der republikanischen Verfassungsnorm endlich zur Geltung verhelfen sollte, drang zunächst nicht durch bis es 1947 vom Alliierten Kontrollrat ausdrücklich als geltendes deutsches Recht bestätigt und endgültig durchgesetzt wurde.Die Enteignung der Putbusschen Ländereien durch die sowjetische Besatzungsverwaltung im September 1945 lag in der geschichtlichen Logik des zwanzigsten Jahrhunderts. Großgrundbesitz stört die Entwicklung der Märkte, die Flexibilität der Arbeitskraft und die Akkumulation des Kapitals. Die postmittelalterliche Art der Bodenordnung stand, so idyllisch die Verhältnisse im Einzelfall sein mochten, für den Stillstand und Niedergang ganzer Regionen, sei es im Ungarn der Zwischenkriegszeit, dessen unproduktive Besitzverteilung Hitler immer wieder beklagte.Folgen der SED-GeschichtspolitikSelbst wenn es nicht nachweisbar ist, daß Malte zu Putbus noch von den Behörden Hitlerdeutschlands enteignet wurde, wie es sein Sohn Franz den Greifswalder Richtern erklärte, so sprechen alle historischen Fakten dafür, daß diese Enteignung vorgesehen war. Seine politische Verfolgung, sein gewaltsamer Tod sollten die Verfügung über seinen Besitz ermöglichen. Im Winter 1944/45 waren die Neusiedler bereits im Anmarsch. Heinrich Himmler hatte schon im August 1944 durchgesetzt, daß sie auf den enteigneten Gütern der "Verbrecher des 20. Juli" angesiedelt werden sollten. Zu Putbus unterhielt zu den Verschwörern lockere, vielleicht nur verwandtschaftliche Beziehungen. Ob er als Mitwisser oder einfach im Schatten der großen Razzia am Tag nach dem gescheiterten Attentat verhaftet wurde, ist unklar.Diese und andere Unklarheiten sind aus mehreren Gründen schwer zu klären. Zwar wurde Stettin schwer bombardiert, ein großer Teil der Dokumente am Ende des Krieges von den Deutschen vernichtet. Darin aber liegt nach aller Erfahrung kein wirkliches Hindernis für die NS-Forschung. Daß im Gegensatz zu westdeutschen Städten und Regionen selbst die einfachsten lokalgeschichtlichen Grundlagen fehlen, ist vielmehr Folge einer bewußten Geschichtspolitik der SED.Sie hatte die Erforschung des deutschen Alltagsnazismus in seinen regionalen Ausprägungen sorgsam vermieden. Sie beschränkte sich auf die Strukturen des Großkapitals, der Kriegsmaschinerie, der Partei- und Regierungsspitzen, auf Industrielle und eben Junker. Sie schonte den kleinen deutschen Mann, das eigene Staatsvolk; alle Schuld mußte bei Leuten wie zu Putbus liegen. Dafür, um dieser Selbstrechtfertigung willen, schuf sie ein Zerrbild des Dritten Reiches, das die wichtigste Einsicht verstellte: Nie gab es in der deutschen Geschichte eine höhere Übereinstimmung zwischen Volk und Führung als in jenen zwölf Jahren.