Sie heißen Paul, Paddy oder Dolly und sehen aus wie handliche Pop-Art-Skulpturen von Raupe, Pinguin und Delfin: Die Rede ist von Sextoys der Marke Fun Factory. Auf der Venus-Messe in Berlin hat die Firma ihr Sortiment ausgestellt. Dass es dabei um Erotik geht, fällt erst auf den zweiten Blick auf: Mit ihren knallbunten Farben und tierähnlichen Formen erinnern die Vibratoren aus medizinischem Silikon eher an Kinderspielzeug. "Unsere Produkte sind bewusst keine Abbildungen von Körperteilen, sondern Lifestyle-Objekte", erklärt Konzernsprecherin Noell Brandl. Und dass ihre Familie immer sage, die Mama arbeite da, wo die verrückten Würmer gebaut würden.Die Idee, die Lustspender salonfähig zu machen, hatte Firmengründer Dirk Bauer 1995. Seine damalige Gattin besaß ein Erotikgeschäft für Frauen, doch die Kundinnen bemängelten, dass kein Produkt wirklich ihren Wünschen entspreche. So entwarf der gelernte Elektroingenieur am heimischen Küchentisch mit Knetgummi die Vorlage für den ersten Fun-Factory-Dildo "Paddy Pinguin". Das Ziel: eine perfekte Mischung aus Funktionalität, Material und ansprechender Optik. "Es geht auch darum, die Hemmschwelle zu senken und eine offene Auseinandersetzung mit Sexualität zu ermöglichen", sagt Bauer.Für den 43-Jährigen hat sich die mutige Idee ausgezahlt. Mit seinem Geschäftspartner Michael Pahl führt er inzwischen eine Mannschaft von 105 Mitarbeitern und verbuchte 2008 einen Jahresumsatz von 18 Millionen Euro. Allein im letzten Quartal sei der Umsatz um zehn Prozent gewachsen, sagt Bauer, der bereits Tochterfirmen in Manchester und Los Angeles aufgebaut hat. 2010 soll Südkorea folgen. Zwar liegt der deutsche Hauptsitz von Fun Factory mit der Produktionsstätte in Bremen. Für den Sitz der entscheidenden Verkaufsabteilung hat der Unternehmer jedoch Berlin gewählt: 2008 wurde der erste Fun-Factory-Flagshipstore in der Gipsstraße eröffnet. Hinter großen Glasscheiben lagern hier Gleitgel, beckenbodenfreundliche Liebeskugeln und Körperfarben mit Schokoladengeschmack - von Schmuddelecke keine Spur. "Für uns als Marktführer ist die Hauptstadt ein wichtiger Standort", sagt der Unternehmer. "Berlin ist jung, weltoffen und voller Touristen." Um diese Zielgruppe noch besser zu erreichen, lässt Bauer in der Oranienburger Straße gerade einen neuen Laden bauen, der den alten Standort ab Januar ersetzen und vier weitere Arbeitsplätze schaffen soll. Auf Erotik müsse man aufmerksam gemacht werden, sie suche man nicht gezielt wie einen Schirm oder neue Socken, meint er.Als Innenarchitekt wurde der internationale Stardesigner Karim Rashid engagiert: Auf zwei Etagen will er die Besucher in eine Erlebniswelt aus organischen Formen und Sechzigerjahre-Mustern entführen. Sogar eine Tapete mit kopulierenden Paaren, das Modell "Karim Sutra", hat der Kanadier für Fun Factory entworfen."Der Laden soll alle Sinne ansprechen, also Einkaufen mit Vorspiel, Höhepunkt und Nachspiel bieten", sagt Bauer. So wird das alte Konzept um eine Bar und eine Dessous-Abteilung erweitert: Etwa mit Stücken des Berliners Lederdesigners Daniel Rodan, der bereits eine von Fun-Factory-Produkten inspirierte Kollektion kreiert hat."Spätestens seit unser Vibratormodell ,DeLight' den renommierten red dot design Award gewonnen hat, melden sich Designer aus aller Welt, die für uns arbeiten möchten", berichtet Noell Brandl. Auch Character-Designer Boris Hoppek, Erfinder der Puppen-Band aus der Opel-Corsa-Werbung (2006), gehört dazu.150 Modelle umfasst die Produktpalette von Fun Factory inzwischen. Das neueste ist speziell für Männer: "Cobra" ist dem gleichnamigen britischen Sportwagen der Sechzigerjahre nachempfunden und sieht aus wie ein High-Tech-Spielzeugauto."Solche Toys sind auch für Paare gedacht, sie dienen nicht als reiner Partnerersatz", erklärt Brandl. Oder, wie Raupenvibrator "Patchy Paul" in seinem Twitter-Acount einen französischen Schriftsteller zitiert: "Die Liebe, die wahre Liebe, die vollständige und einzige, die zählt: das ist die mit Leidenschaft schamlos genossene."------------------------------5 500 Erotikspielzeuge produziert Fun Factory pro Tag."Mut bedeutet, seine eigenen Pläne ohne jegliches Zögern und Zaudern umzusetzen." Dirk BauerFoto: Patchy Paul (grün) und seine Freunde: Toys von Fun Factory haben schon so manchen Designpreis abgeräumt. Karim Rashid baut ihnen jetzt einen Laden.DIENSTLEISTUNG UND HANDELKeinem Staatsmann, sondern dem Buchdrucker Ernst Litfaß sind in Berlin die meisten Denkmäler gewidmet: Etwa 4 000 Litfaßsäulen stehen noch in der Stadt. Zwar gehört auch jene Wildplakatierung wieder zum Straßenbild, die seine Erfindung von 1854 einst beenden sollte. Doch erst durch Litfaß wurde das Werbeplakat zur Massenware. Einige Plakate verdecken heute ganze Gebäude. Das ermöglicht unter anderem die 1999 gegründete Berliner Firma 3ker (Foto), deren Industriekletterer auch schon am Hauptbahnhof oder in der Reichstagskuppel hingen. Ihre Montage- und Reinigungsarbeit ist eines von unzähligen Serviceangeboten der Region. Berlin gilt als Dienstleistungshauptstadt Deutschlands. Mehr als 600 000 Menschen arbeiten in der umsatzstärksten Branche der Stadt, rund 134 000 sind im Handel beschäftigt. Vor allem der Tourismus boomt. Mit 17,8 Millionen Hotelübernachtungen im Jahr 2008 lässt Berlin andere deutsche Großstädte weit hinter sich.

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