Was die Mitarbeitermotivation betrifft, liegen wieder die Schweden vorn. "Die Welt von Vattenfall soll nicht an der Stempeluhr enden", sagt Michael Blaß. Um die Kollegen auch am Abend zusammenzuschweißen, hat Blaß bei Vattenfall ein EM-Tippspiel eingerichtet, abteilungs- und länderübergreifend. Hauptgewinn: eine Reise nach Schweden.Eine Idee, die im Energiekonzern Vattenfall das Tippfieber hat ausbrechen lassen. Rund 2 600 Fußballfans geben ihre Tipps ab. Mit dabei sind Polen, Dänen, Schweden oder Finnen. Dreiviertel aller Tipper sitzen in Hamburg und Berlin. Noch am selben Abend trägt Blaß die Spielergebnisse ein - für die Männer von der Produktion, die Nachtschicht schieben. "Die wollen abends schon wissen, wo sie stehen." Noch eine Stunde vor Anpfiff kann getippt werden, da bleiben Kollegen gerne länger im Büro.EM-Tippspiele wie dieses gibt es erfahrungsgemäß in vielen Unternehmen, doch sprechen wollen darüber nicht alle Firmen in Berlin. Wett-Gemeinschaften in den Büros? Viele Pressestellen reagieren auf Anfrage verhalten. Zwar sei bekannt, dass "viele tippen", heißt es zum Beispiel bei den Verkehrsbetrieben und der Stadtreinigung, doch wie und wo, das wisse man nicht so genau. Woanders heißt es, das sei Privatsache der Mitarbeiter.Offenbar gibt es eine große Verunsicherung darüber, ob diese Wetten überhaupt erlaubt sind. Entwarnung für alle Besorgten: Tippspiele unter Kollegen sind unbedenklich, wenn es nicht darum geht, dass die Organisatoren Geld verdienen, sondern bei denen das Ziel der "sportliche" Wettstreit ist.Die Redakteure der Berliner Zeitung wissen da nicht zufällig recht gut Bescheid - schon frühzeitig haben sich darüber informiert, einfach weil seit Jahren ein Redaktionstippspiel zu jedem WM- oder EM-Turnier gehört. Der Gewinn wird dabei stets unter den besten Drei aufgeteilt, der Letztplatzierte bekommt seinen Einsatz zurück. Auch in den Abgeordnetenbüros des Bundestags gibt man sich beim Thema EM-Tipp gelassen. Schon vor Wochen gingen erste Rundmails von Kollegen ein, Fußballfans für den Wettstreit zu gewinnen. Täglich werden auf Fluren und in Fahrstühlen Punktestände ausgetauscht. Wer liegt beim Wetten vorn, was gibt es zu gewinnen? Wer konnte punkten? "Ich beobachte eine wachsende Gruppendynamik", sagt Ilona Laschütza, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Landesgruppe Bayern. "Über das Tippen habe ich intensiveren Kontakt zu den süddeutschen Kollegen", sagt sie. Einsatz für jeden: Fünf Euro. Getippt wird ganz professionell getrennt für die Vorrunde, das Viertel- und das Halbfinale und dann das Endspiel.Auch beim Musiksender MTV schickte Mitarbeiter Holger Schurmann Wochen vor der EM eine Rundmail an die Kollegen. Rund 50 Fußballfans konkurrieren um die beste Voraussage zu Sieg oder Niederlage. Dabei sorge die alte Rivalität zwischen "Fußballexperten" und "ahnungslosen Glücksrittern" mal wieder für Erheiterung, erzählt Schurmann. Bei einem Tippspiel zur WM vor zwei Jahren habe eine Kollegin nach Schönheit der Trikots getippt. Sie lag am Ende ziemlich weit vorn.Die Vermutung, dass Expertentum vielleicht nicht der einzige Weg zum Erfolg ist, ist wissenschaftlich sogar bestätigt. Mitarbeiter der Forschungsstelle Glücksspiel der Uni Hohenheim veranstalteten vor zwei Jahren ein Experiment. Ein Jahr tippten zehn Teilnehmer die Spiele der Fußball-Bundesliga nach bestem Wissen. Ein Mitarbeiter würfelte die Ergebnisse. Am Ende war er nicht schlechter als die Experten. Beim Redaktions-Tippspiel der Berliner Zeitung teilen sich derzeit zwei Kollegen die Tabellenspitze. Der eine hat nach eigener Aussage eigentlich weder Interesse an noch Ahnung von Fußball. Der andere ist immerhin für die EM-Berichte aus Berlin zuständig. Den ersten Platz finden beide gut.------------------------------Gut, wenn der Chef mittipptEM-Tippspiele sind nicht strafbar, weil sie kein unerlaubtes Glücksspiel sind.Bei Fußballwetten, wie sie in vielen Büros zu WM- und EM-Turnieren organisiert werden, geht es zwar meist auch um Geldeinsätze. Aber bei einer bloßen Wette steht nicht das Erzielen von Gewinn im Vordergrund. Zweck ist vielmehr der Spaß an der "Erledigung eines Meinungsstreits".Bei einem Glücksspiel hingegen setzen die Organisatoren darauf, möglichst hohen Gewinn zu erzielen. Deshalb gehören auch Renn-. oder Sportwetten zu den Glücksspielen.Arbeitsrechtlich können Tippspiele nur ein Problem werden, wenn dafür Arbeitszeit in großem Umfang aufgewendet wird. Die Vorgesetzten sollten davon Kenntnis haben.Unbedenklich ist es, wenn nur in den Pausen am Tipp getüftelt wird. Oder wenn der Chef mitspielt.