BERLIN. Der Reflex ist seit Jahren bekannt. Sobald sich im deutschen Fußball beängstigende Szenen abspielen, reagieren Funktionäre und Politiker seltsam erschrocken. Nachdem am vergangenen Wochenende mehr als achtzig Menschen bei schweren Ausschreitungen in drei Stadien verletzt wurden, berief Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), einen so genannten Gewaltgipfel ein. In Frankfurt diskutierten am Dienstag Präsidiumsmitglieder des DFB und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) über die jüngsten Krawalle. Die erste Konsequenz soll die Bildung einer gemeinsamen Task Force sein, um das Informationssystem zu verbessern. Auch Politiker verschiedener Parteien haben sich nervös zu Wort gemeldet, sie fordern höhere Sicherheitsvorkehrungen und drastischere Strafen für Gewalttäter.Bei all dem Trubel drängt sich der Eindruck auf, als hätte es Randale vor dem vergangenen Wochenende niemals gegeben. "Gibt es eine neue Dimension?", fragte Theo Zwanziger am Dienstagnachmittag auf einer Pressekonferenz. Die Antwort lautet: Nein. Stattdessen muss die Frage gestellt werden: Warum bilden DFB und DFL erst jetzt einen Arbeitskreis? Zwanziger äußerte explizit seine Sorge über die vielen gewaltbereiten Fans des Regionalligisten Dynamo Dresden, die am Freitag im Berliner Jahn-Sportpark randaliert hatten. Auf Grund dieses Vorfalls wurde die Forderung gestellt, die Sicherheitsstandards und das Netz der Fanprojekte auf die unteren Ligen auszudehnen. Dass es im Umfeld von Dynamo Dresden, des BFC Dynamo Berlin oder von Lokomotive Leipzig fernab der Profiligen seit der Wende regelmäßig zu Krawallen gekommen ist, schienen die meisten vergessen zu haben. Warum wurde damals keine Task Force gebildet?Beschimpfungen gegen YeboahDas 1993 verabschiedete Nationale Konzept Sport und Sicherheit (NKSS), in dem Richtlinien für Fanarbeit, Stadionverbote und bauliche Maßnahmen festgeschrieben worden sind, hätte längst umgeschrieben werden müssen. Auch die nun geplanten Einstellungen eines hauptamtlichen Sicherheitschefs und eines Integrationsbeauftragten sind seit Jahren überfällig. Sie kommen ebenso spät wie die Einfügung eines Antirassismus-Paragrafen in die Satzung des DFB im Jahr 2000 oder die Rote-Karten-Aktion vor zwei Wochen. Schließlich gibt es rassistische Schmähungen nicht erst seit den Vorfällen gegen den Schalker Asamoah oder den Leipziger Ogungbure. Schon Anfang der neunziger Jahre wurde der Ghanaer Anthony Yeboah regelmäßig beschimpft.An der plötzlichen Panik zeigt sich abermals die kurzsichtige Sicherheitspolitik des DFB. Stets wird reagiert und selten agiert. Ob sich unter Theo Zwanziger daran etwas ändern wird? Sein Vorgänger Gerhard Mayer-Vorfelder hatte mit den einflussreichen Fan-Aktivisten einen peinlichen Streit geführt, weil sie ihn für seine verharmlosende Politik kritisiert hatten, es herrschte eisiges Schweigen. Zwanziger hat einiges nachzuholen. Er wolle künftig die Fanarbeit in den Vordergrund rücken, betonte er am Dienstag in Frankfurt. Werner Hackmann, Präsident der DFL, rühmte indes die Arbeit der Fanprojekte, für die sein Verband eine Million Euro pro Saison zahlen würde. Angesichts der hohen Millionenetats der Klubs und der absurden Fernseh-Einnahmen ist das eine geringe Summe. In England investiert selbst die Spielergewerkschaft einen Millionenbetrag in Fanarbeit. In Deutschland hingegen werden die meisten Projekte geduldet, nicht gefördert. Laut Michael Gabriel, dem Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), seien höchstens fünf der 35 Projekte wunschgemäß ausgestattet.Oft scheitert eine Förderung an jenen Politikern, die nun wortgewaltig Kritik üben. Das Land Sachsen zum Beispiel beteiligte sich bis 2005 nicht an der Drittelfinanzierung der Fanprojekte. Diese besagt, dass DFB und DFL einen fünfstelligen Betrag für ein Projekt zahlen, wenn das Land und die Kommune das gleiche leisten. In Dresden können erst seit einem Jahr drei Sozialpädagogen auf jugendliche Fans einwirken. Das Gewaltpotenzial aber ist historisch gewachsen. So wie in Leipzig, wo sich ein Sozialarbeiter um die zwei rivalisierenden Gruppen des FC Sachen und von Lokomotive kümmern muss. Auch in Lübeck wurde vor kurzem ein Fanprojekt mangels Finanzierung geschlossen.In diesem Bereich liegt für DFB und DFL der größte Nachholbedarf. Immerhin haben beide Verbände in diesem Jahr erstmals einen hauptamtlichen Fanbeauftragten eingestellt. Zudem wollen sie Anfang des kommenden Jahres zu einem großen Fankongress laden. Auch hier die Frage: Warum erst jetzt? Dass in diesen Tagen von allen Seiten Bedenken geäußert werden und populistisch die Rückkehr der Hooligans beschworen wird, könnte einen enormen Einfluss auf die Fanszene haben. Viele Anhänger von Dynamo Dresden artikulieren in Internetforen ihre Wut über die plötzliche Stigmatisierung. Am Sonnabend empfängt Dynamo in einem brisanten Ostderby den 1. FC Union Berlin - eine passende Plattform für die bekannten Reflexe.------------------------------"Wir wollen einen Fußball, in dem diese Dinge keinen Platz haben." Theo Zwanziger------------------------------Foto: Was tun, wenn's brennt? Gewalt in Fußballstadien ist kein neues Phänomen - auch wenn mancher so tut.