In Leverkusen sprechen sie ehrfurchtsvoll von der "Ranch". So richtig wissen sie nicht, was sich dort abspielt. Aber wissen möchten es alle. Gemeint ist das Anwesen des Fußballstars Bernd Schuster in 51515 Kürten bei Bergisch-Gladbach, nur runde dreißig Kilometer vom Ulrich-Haberland-Stadion, der Heimstätte der Fußball-Profis von Bayer 04 Leverkusen, entfernt.Ein privates Waldstück gehört dazu. Eine großzügige Tennishalle, natürlich Schwimm- und Reithalle. Dazu gepflegte Stallungen, in denen zuletzt dreizehn Pferde standen. Zwei Hengste und acht Stuten hatten die Schusters schon aus Madrid mitgebracht, als sie sich 1993 nach 13 Jahren Spanien im Bergischen Land feudal niederließen.Zur "Ranch" gehören noch fünf Rottweiler, die jeden Besucher, der sich zu nahe an die "Trutzburg" im Bauernhofstil wagt, in Angst und Schrecken versetzen. Außerdem soll Bernd Schuster an die zehn Bodyguards beschäftigen, die auch seine Frau Gaby (41) und die Kinder Benjamin (15), David (14), Sara (12) und Rebecca (7) rund um die Uhr bewachen.Derzeit ist der Hausherr öfter zu Hause anzutreffen als an normalen Tagen. Das Tischtuch zwischen dem Verein Bayer 04 und seinem Weltstar und ehemaligen Mannschafts-Kapitän ist zerschnitten. Vereinsführung, Trainer Erich Ribbeck, der von Beginn an Schwierigkeiten im Umgang mit seinem alternden Star hatte, und Bernd Schuster fanden keine Basis mehr. Ribbeck hatte den fast 36jährigen zunächst auf die Ersatzbank und später sogar auf die Tribüne verbannt. So etwas läßt sich eine Fußballdiva nicht gefallen. Faxe mit bösem Inhalt gingen hin und her. Perfekte Bewegungen Bernd Schuster hat schon bessere Zeiten erlebt. Seine attraktive Spielweise inspirierte einst ganze Heerscharen von Fußballreportern zu ungewöhnlichen Schilderungen. "Langsam und perfekt waren die Bewegungen seines Körpers, bevor der geniale Maestro des blauroten Orchesters (FC Barcelona/d.A.) mit seinem rechten Fuß gegen den Ball stieß und den Höhepunkt der Nacht herbeiführte. Ein Tor in adagio "Spaniens Presse bejubelte den Mann viele Jahre, der im berühmten vielstöckigen Stadion "Nou Camp" zu Barcelona, einer wahren Kathedrale der Ballartisten, oder im "Estadio Santiago Bernabeu" zu Madrid die heißblütigen Fans oft mit millimetergenauen Pässen, trickreichen Dribblings oder donnernden Weitschüssen elektrisierte. Als einziger ausländischer Spieler spielte er bei den "großen drei" - Real und Atletico Madrid sowie dem FC Barcelona - eine wichtige Rolle und wurde in Spanien dreimal Meister sowie sechsmal Pokalsieger.Wie muß er sich gefühlt haben, als er vor zwei Wochen die kleine, bescheidene Arena namens "Wilhelm-Helfers-Kampfbahn" zu Stendal in Sachsen-Anhalt, im Volksmund "Hölzchen" genannt, verließ! Beinahe hätten die Stendaler Amateure die großen Bayer-Stars im Viertelfinale aus dem deutschen Pokalwettbewerb geschossen. Am Anfang tobte die Masse der 12 000 Fans, als der "blonde Engel auf den Rasen lief, und skandierte freundlich "Bernd, Bernd!" Das ließ schnell nach, denn Schuster bot eine müde Vorstellung. Sein Auftritt beschränkte sich mehr oder weniger auf das nach wie vor raffinierte Ausführen von Frei- und Eckstößen. Der Rest war lustloses Gekicke. Poker um Geld Ahnte Schuster, daß es womöglich sein letzter Auftritt für Leverkusen ist? Der Bruch mit dem Trainer und seinem Verein schien innerlich schon hundertprozentig vollzogen. Ironische "Schuster-für-Deutschland-Rufe" von den überfüllten Rängen beantwortete Trainer Erich Ribbeck nur mit dem beliebten Zeichen gestreßter Autofahrer.Seit drei Tagen gehört Schuster nicht mehr zum Spielerkreis des Vereins. Die Leverkusener Vereinsführung hat ihn entlassen. Anwälte spielen sich jetzt die Bälle zu. Es geht wieder um viel Geld. Schuster hat einen gültigen Vertrag bis zum 30. Juni 1997, einen hochdotierten. Den Vertrag aufzulösen lehnte er erst einmal ab. Der Poker ist in vollem Gange, und die ganze Fußballnation will dabei zuschauen.Wer im Konflikt Schuster-Ribbeck-Verein letztendlich der negative Held ist, wird wohl endgültig nicht zu klären sein. Selbst Publikumsliebling Rudi Völler, der "mit dem Bernd sehr gut konnte" war hin- und hergerissen. Fest steht aber, daß die Schusters, die immer darauf achteten, nie zu kurz wegzukommen, schon ähnliche Situationen wie die momentane hinter sich gebracht haben - meist mit Erfolg.Bernd Schuster, der seine sechs Jahre ältere Frau Gaby mit 19 Jahren in Köln kennenlernte, ließ die resolute Frau schon damals sehr bald die wichtigsten Vertragsverhandlungen führen. "Ich bin ja nichts Außergewöhnliches", hat er einmal in die Mikrofone gesprochen, "aber meine Frau ja. Wenn sie etwas macht, dann richtig, dann hundertprozentig." Sehr zäh, sehr konsequent, sehr hart soll sie für ihren Mann verhandeln. Selbst der mit allen Wassern gewaschene Bayer-Manager Reiner Calmund mußte das kürzlich anerkennen.Meist wechselte Schuster ablösefrei und konnte dementsprechend große Summen selbst einstecken. Vorsichtige Schätzungen des Schuster-Vermögens schwanken zwischen 25 und 50 Millionen Mark. Eines scheint sicher: Der unrühmliche Schustersche Abgang in Leverkusen wird den Verein teuer zu stehen kommen.Gaby Schuster war übrigens auch im Spiel, als der Jung-Nationalspieler Bernd 1981 Krach mit Bundestrainer Jupp Derwall hatte. Nach dem in Stuttgart verlorenem Länderspiel gegen Brasilien (1:2), Filigrantechniker Schuster wurde gegen den Duisburger "Eisenfuß" Bernhard Dietz ausgewechselt, zog er es vor, mit seiner Gaby essen zu gehen. Den gemütlichen Mannschaftsabend im schwäbischen Haus von Teamkamerad Hansi Müller ließ er dafür sausen.Drei Jahre später sagte Schuster ein EM-Qualifikationsspiel in Albanien ab. Seine Frau bekam ihr drittes Kind, und Schuster blieb deshalb bei ihr. Die Presse und der Trainer nahmen ihm das krumm. Schuster zog sich aus der Nationalmannschaft zurück, machte nie wieder ein Länderspiel. Offenbar hat ihn das all die Jahre nie besonders gestört. Bernd Schuster ist ein Einzelgänger. Nur die Familie zählt für ihn. Nicht seine Teamgefährten, die er achtet, mit denen er aber nicht ständig irgendwelche Grillabende veranstalten will. Respekt reicht ihm Da spielt er lieber zu Hause Klavier. "Ich bin kein Typ zum Anfassen", sagt er von sich selbst und hält das alte Herberger-Wort "Elf Freunde müßt ihr sein" für antiquiert. "Respekt voreinander reicht."Jetzt vertreiben sich die Schusters erst einmal den Tag auf der Ranch. Bernd Schuster hat sich zurückgezogen, wie schon oft. Aussitzen und Abwarten ist die Devise. Den Ruf des unbequemen Einzelgängers und ewigen Querulanten zumindest hat er wieder einmal bestätigt. +++