FUSSBALL-WM 2006 - Die Innenminister legen ihr Sicherheitskonzept für das Turnier vor und kündigen ein hartes Vorgehen gegen Hooligans an. Fan-Vertreter indes rügen die Null-Toleranz-Taktik der Polizei.: "Die Welt zu Gast, fühl' dich wie im Knast"

Herr Stender, Sie sind Sprecher des Bündnisses Aktiver Fußballfans (Baff), wie bewerten Sie das WM-Sicherheitskonzept?Die überzogenen Maßnahmen passen ins Bild: Schon seit langem werden Fans pauschal kriminalisiert. Für andere gilt die Unschuldsvermutung, wir stehen unter Generalverdacht. Der Slogan "Die Welt zu Gast bei Freunden" gehört in Schilys Sinne eigentlich geändert in: "Die Welt zu Gast - fühl' dich wie im Knast."Aber bei der WM soll's doch friedlich bleiben?Keine Frage. Aber nehmen Sie die EM in Portugal: Dort traten die Sicherheitskräfte sehr defensiv auf. Man fühlte sich nie von der Polizei beobachtet. Alles blieb friedlich. In Deutschland aber wird Schilys Null-Toleranz-Taktik die Stimmung abtöten.Sie halten Maßnahmen wie Videoüberwachung, Stadionverbote und Sicherheitsgewahrsam für überzogen?Keiner hat etwas dagegen, wenn Gewalttäter wie jene, die bei der WM 1998 am Angriff auf den Polizisten Daniel Nivel beteiligt waren, vorsorglich in Gewahrsam genommen werden. Doch derzeit wird der Eindruck erweckt, als müsse sich Deutschland vor einem Überfall schützen. Darunter werden alle Fans leiden, die im Grunde friedlich sind, aber eben leider in der bundesweiten Datei Gewalttäter Sport erfasst sind. Und in dieser Datei landen Sie schon für Lappalien.Zum Beispiel .... wegen Schneeballwerfens im Stadion, wegen Pinkelns an einen Baum ... Es herrscht eine gewisse Hysterie. Ich kenne viele, auf die eingeprügelt wurde, weil sie zufällig am falschen Ort standen. Das passiert auch, weil mit Blick auf die WM vom Einsatzleiter bis zum kleinen Beamten alle unter Druck stehen und sich profilieren müssen.Die Innenminister sind doch aber auch aufgeschreckt durch Ausschreitungen deutscher Krawalltouristen wie im März in Slowenien.Das war nicht schön - aber ich behaupte: Alles, was rund um den Fußball passiert, wird als staatstragend überinterpretiert. Das Ganze hatte im Kern auch keinen anderen Charakter als manche Schlägerei in der Düsseldorfer Altstadt.Viele Fans kritisieren polizeilichen Dilettantismus. So wurden beim Spiel Hertha BSC gegen Schalke panikartige Situationen verursacht, weil Schalke-Fans nur einen Eingang nutzen durften - im Stadioninnern aber trafen beide Fangruppen wieder aufeinander.Das ist kein Einzelfall. Ich habe Ähnliches beim Spiel Mainz gegen Lautern erlebt. Das Problem, auch bei der WM: Wenn die Fans zu sehr drangsaliert werden, schürt das Aggressionen, die vermieden werden könnten.Inwiefern ist denn der Konföderationen-Cup im Sommer eine Generalprobe für die WM?Die Veranstaltung wird überschätzt - von Polizei und Innenministern. Da kann man höchstens mal testen, ob die Stadionbeschallung funktioniert. Bei der WM werden sich die Fans ganz anders verhalten. Ich denke auch weitgehend friedlich - wenngleich derzeit in Deutschland ein Bedrohungsszenario aufgebaut wird.Das Interview führte Matthias Wolf.