Fußballmanager Reiner Calmund belastet Christoph Daum im Koblenzer Kokain-Prozess: Eine Probe, zwei Aussagen

KOBLENZ, 5. März. Reiner Calmund war exakt um 9. 47 Uhr vorgefahren. Recht spät für jemanden, den das Gericht für 9. 30 Uhr vorgeladen hatte. Dabei war der Bayer-Tross schon um 7. 30 Uhr in Leverkusen aufgebrochen, aber "um Köln war alles zu", wie Klubsprecher Uli Dost berichtete. So begann "die Zeugenvernahme Calmund" (Richter), wegen der die Tribünen im Koblenzer Landgerichtssaal 128 dichter gedrängt waren als die am Abend in der BayArena gegen den 1. FC Köln, eben erst verspätet um kurz nach 10 Uhr.Auftritt Calmund. Freundliches Grüßen im Gerichtssaal, kurzes Nicken zu Daum, der dem Blickkontakt aber ausweicht. Und als wolle er den Zeitverlust aufholen, bricht Calmund sogleich in einen Redeschwall aus, der alles übertrifft, was man sonst von ihm gewohnt ist.Kurzatmige, krächzende Stimme Ohne Punkt und Komma berichtete der 53-jährige Bayer-Manager vom Oktober 2000. Dass die "Kopfhaare, 10 Zentimeter lang, bleistiftdick" abgegeben worden seien und dass Daum "sich die Schamhaare selbst aus der Unterhose entnommen" habe. Dass nachher "alle Ergebnisse negativ waren, nur kokainpositiv". Dass Daum sich die exorbitant hohen Werte auch nicht erklären konnte, weil er doch die Haare seines Bruders abgegeben habe.Dass der Kölner Gutachter Professor Herbert Käferstein ihm, Calmund, unter vier Augen gesagt habe, Daum müsse "dringend inne Klinik rein": Dass man noch in der Nacht einen Platz in der Entgiftungsstation der Uniklinik Bonn besorgt hätte, Daum aber "wegen des Medienspektakels" lieber nach Florida flüchten wollte. Und zu guter Letzt: Dass das Kokaindrama für Daum dessen "11. September gewesen" sei, und ihm, Calmund "nicht nur unter die Haut, sondern in die Knochen gegangen sei".Bis zur kurzen Pause für Calmunds kurzatmige und krächzig-erkaltete Stimme um 11. 19 Uhr hatte ihn das Gericht sieben Mal mit dem Wunsch um Wesentlichkeit unterbrechen müssen. Für die achte Unterbrechung sorgte der Staatsanwalt mit der Bitte "das Mikrofon näher heranzuschieben". Den Rhein entlang war es am Dienstag sehr neblig. Das ideale Wetter für diesen Prozess. Und auch zu Calmunds Weitschweifigkeiten. Seine Aussagen verwirrten den verworrenen Prozess noch mehr, zumal er zwei enge Mitarbeiter (Co-Trainer Roland Koch und Dieter Trzolek, den Physiotherapeuten des Vereins) der Mittäterschaft bezichtigte, weil diese bei der angeblichen Haarvertauschung beteiligt gewesen wären.Was Calmund nicht kannte, war die Aussage der Anwälte Daums vor seinem Auftritt: Es bestünde "kein Zweifel", dass die Testate von Daums Haar stammen. Und warum sollte Daum auch Haare eines Dauerkonsumenten abgeben? Oder hatte er, vielleicht bedröhnt, die Proben selbst vertauscht beim Griff in die Unterhose?Exakt 111 Minuten netto dauerte die Befragung Calmunds. Der 20. Verhandlungstag war der erste der Verlängerung. Mittlerweile ist das Verfahren bis in den Juni terminiert, ab dem 11. März mit zwei Sitzungen pro Woche. Was Christoph Daum endgültig zu einem Teilzeittrainer bei Besiktas Istanbul macht. Kein Wunder, dass es in diesem immer undurchschaubareren Strafprozess neue Anläufe von Daums Anwälten gibt, das Verfahren gegen den ehemaligen Bundesligatrainer abzuspalten. Grund: Es stelle sich heraus, dass alle Anschuldigungen auf dauerhaften Drogenkonsum und erst recht auf Anstiftung zum Handel auf Aufschneidereien der mutmaßlichen Dealer beruhen.Dann wäre auch der Weg frei für einen schlichten Strafbefehl. Bei dem nicht die Höhe der Tagessätze entscheidend wäre, sondern die Anzahl der Tage. Die Anklage besteht, so Insider, auf mindestens 180. Dann wäre Daum vorbestraft und verlöre womöglich seine deutsche Trainerlizenz. Am Dienstag trug Daums Anwalt Nikolaus Schmitte vor Gericht erneut vor, man habe den Wunsch, "die Verständigungsgespräche fortzusetzen", um das Ganze "zu beschleunigen". Damit Staatsanwalt und Gericht einwilligen, müsste sich Daum klarer als bislang zum Kokainkonsum bekennen. Und er müsste glaubwürdig sein. Zu seinen Spielern pflegte der 48-Jährige zu sagen: "Wenn ihr in die Zeitung schaut, braucht ihr nicht zu glauben, was ich da erzähle. Nur, was ich euch sage. " Wer Aufklärung hätte bringen können, war Professor Herbert Käferstein. Doch er sprach vor Gericht nur kurz. Daums Anwälte entbanden den Rechtsmediziner nur partiell von seiner ärztlichen Schweigepflicht. Dennoch gelang dem Arzt die prägnanteste Aussage des Tages. Käferstein erzählte knapp und trocken, wie ihn Calmund telefonisch mit dem eiligen Test von Daums Kopf- und Schamhaaren beauftragte: "Herr Calmund hat das als Sackhaare bezeichnet. Aber wir wussten schon, was gemeint war. "Umstrittene Analyse // Der Fußballtrainer Christoph Daum muss sich seit Oktober vergangenen Jahres vor dem Koblenzer Landgericht wegen unerlaubten Erwerbs von Kokain in 63 Fällen sowie Anstiftung zum Erwerb von 100 Gramm Kokain verantworten.Die Staatsanwaltschaft wirft Daum regelmäßigen Kokainkonsum vor. Sie stützt sich dabei auf ein Gutachten des Rechtsmediziners Herbert Käferstein von der Universität Köln. Er hatte in einer von Daum abgegebenen Haarprobe den Rekordwert von 72 Nanogramm Kokain festgestellt.Dieser Wert liegt um das 60-fache über dem eines Menschen, der keine Drogen konsumiert. Die Anwälte Daums zweifeln das Käferstein-Gutachten an.AP/HERMANN J. KNIPPERTZ Reiner Calmund, Manager des Fußballvereins Bayer Leverkusen, sagte vor Gericht gegen Christoph Daum aus.