Erschöpft, aber triumphierend trat der Hausherr am Ende vor die Presse. Wladimir Putin war der Gastgeber eines Gipfeltreffens, das durch den Bürgerkrieg in Syrien tief gespalten war und auf dem man ergebnislos bis tief in die Nacht diskutiert hatte. Aber der Einladende sah sich in diesem Streit bestätigt. Sichtlich zufrieden zählte Russlands Präsident auf, wie viele seiner Gäste sich gegen die Militärintervention ausgesprochen hätten, die US-Präsident Obama plant – China, Indien, Brasilien und Südafrika, die gesamten Brics-Staaten also, dazu Indonesien, Italien und der Generalsekretär der Vereinten Nationen. Nicht zu vergessen der Papst, der zwar nicht beim Treffen war, aber einen Brief an Putin geschickt hatte.

Aufseiten der Vereinigten Staaten dagegen zählte Putin die Türkei, Frankreich und Kanada. „Aber selbst in den Ländern, die für eine Ausweitung des Konfliktes eintreten, ist die Mehrheit der Bevölkerung laut Umfragen dagegen“, sagte Putin. Auch die deutsche Bundeskanzlerin, fügte er hinzu, „agiert ja sehr vorsichtig“. Mit dem US-Präsidenten habe er im übrigen ein 20 bis 30 Minuten dauerndes, „konstruktives“ Treffen geführt, auch wenn man einander nicht überzeugt habe. Putin beschuldigte erneut die syrischen Rebellen, sie hätten die Giftgasanschläge inszeniert.

Zu dieser Zeit zog hundert Meter weiter auch Barack Obama eine Bilanz des Treffens. Wie immer sei das Gespräch mit Putin direkt gewesen. Dieser werde es aber schwer haben, seine Position zu vertreten, wenn der Bericht der UN-Beobachter erscheine. Obama verteidigte abermals sein Vorgehen. „Ich würde es vorziehen, multilateral und im Rahmen der Vereinten Nationen zu handeln“, sagte er. Dann reiste er ab, nicht ohne am Flughafen noch russische Bürgerrechtler zu treffen – darunter auch einen Vertreter von „Wychod“ (Coming Out), einer lokalen Initiative für die Rechte Homosexueller.

So ist man sich in Petersburg einig geblieben, uneins zu sein, und anderes war kaum zu erwarten. Wie gering der Spielraum war, hatte Kanzlerin Angela Merkel schon vorab erklärt. „Deutschland versteht seine Rolle so, dass wir versuchen wollen, auch die kleinste Möglichkeit eines politischen Prozesses zu nutzen“, sagte sie gleich nach ihrer Ankunft. Zu diesen Versuchen gehörte der neuerliche Vorstoß von Außenminister Guido Westerwelle, Giftgaseinsätze in Syrien vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu bringen – wozu ein Mandat des Sicherheitsrats nötig ist. Dazu gehörte offenbar der Versuch, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zur Eile zu treiben. Je eher die UN-Beobachter erste Ergebnisse ihres Syrienbesuchs vorlegen, desto wahrscheinlicher kann ihr Bericht noch politische Früchte tragen.

Schwieriges Thema

Dass Syrien ein schwieriges Thema war, zeigte schon der Zeitplan des Gipfels. Gastgeber Putin hatte das Thema Syrien für das Abendessen vorgesehen. Entsprechend lange saß man am Donnerstagabend zu Tisch. Weit nach Mitternacht machte sich alle Teilnehmer noch auf zu einem Konzert im Petershofer Park. Da saßen sie dann alle, die Kanzlerin in eine Decke gehüllt neben Putin, und sahen zu den Klängen von „La Traviata“ bunte Lichter über Barockfassaden und Wasserspiele huschen. Wenn man sich auch in der Syrien-Frage nicht einig geworden ist, so zeugt dieses Durchhaltevermögen doch immerhin vom Bemühen, den Streit nicht eskalieren zu lassen. Selbst Präsident Obama hielt das Konzert bis zum Ende durch. Dabei hätte er die Zeit sicher lieber genutzt, um noch ein paar Senatoren daheim anzurufen und ihre Stimmen für seinen Interventionskurs zu gewinnen.

Um zwei Uhr morgens, die Show war zu Ende, trafen sich noch David Cameron und Wladimir Putin zu einem bilateralen Gespräch. „Offene Diskussion zu Syrien. Ich habe auch die Rechte Homosexueller angesprochen“, twitterte der Brite. Anschließend zog man sich in die Gästehäuser zurück, während die Journalisten versuchten, über die nächtliche See zurückzufahren in die Stadt und in ihre Quartiere – kein einfaches Unterfangen, denn Petersburgs Brücken werden nachts hochgezogen.

Auch aus Sicherheitsgründen hatte man entschieden, die Presse jeden Morgen auf Tragflügelbooten zum Tagungsort brausen zu lassen – oder neben den Tagungsort, der Konstantinpalast war nämlich vom Pressezentrum aus nur fern zwischen Baumwipfeln zu erspähen. Dafür konnten die Journalisten in einem Zelt Russlands Prestige-Projekte anschauen: die Olympiade in Sotschi, die Fußball-WM 2018 und – wenn die Stadt denn den Zuschlag bekommt – eine künftige Weltausstellung in Jekaterinburg.

Am Ende passt auch der G20-Gipfel in diese Reihe. Er hat schöne Bilder geliefert, er war professionell organisiert, man hat die wirtschaftspolitische Agenda abgearbeitet, und der Gastgeber konnte sich in einem guten Lichte zeigen. Ein gelungenes Treffen, nach den Maßstäben solcher Wirtschaftsgipfel – wäre da nicht der Bürgerkrieg in Syrien und der Eindruck, dass die Weltgemeinschaft wenig Ehrgeiz zeigt, dem Leid ein Ende zu setzen. Sie hofft offenbar, dass das Problem von selbst verschwindet. Auf einen Wirtschaftsgipfel kurzerhand noch eine Syrienkonferenz aufzupfropfen, scheint jedenfalls kein zukunftsträchtiges Konzept zu sein.