G20 in Hamburg: Anti-G20-Protest sorgt für massive Ausschreitungen in Hamburg

Hamburg - Es hatte ruhig und friedlich begonnen, doch die antikapitalistische G20-Welcome-to-Hell-Demo, die am Donnerstagabend vom Fischmarkt in St. Pauli über die Landungsbrücken in Richtung des Tagungsorts Messehallen laufen sollte, kam keinen Meter weit.

Kurz vor acht Uhr eskalierte die Situation völlig. Laut Polizei hatten sich rund 1000 Menschen vermummt und zu einem „schwarzen Block“ formiert, nur weniger legten nach Aufforderung der Polizei ihre Gesichtstücher, Kapuzen und Sonnenbrillen ab. Eigentlich hätte der Demozug schon um 19 Uhr starten sollen.

Nachdem die Polizei versucht hatte, die Linksautonomen von den anderen Demonstranten zu trennen, flogen Flaschen, Steine und sogar Fahrräder und innerhalb weniger Minuten war die vorher so friedliche Veranstaltung chaotisch und unübersichtlich. Massenpanik breitete sich aus.

Hamburger Polizeisprecher verletzt

Die Hamburger Polizei setzte Wasserwerfer, Schlagstöcke und Tränengas ein, es gab Verletzte und unübersichtliche Tumulte. Kurz nach acht Uhr erklärte die Hamburger Polizei über Twitter, dass die Demonstration vom Anmelder beendet sei. Auch der Hamburger Polizeisprecher Timo Zill wurde verletzt, als er an der Hafenstraße in St. Pauli ein Interview gab.

Schon Tage vor Beginn des G20-Gipfels war die Stimmung in der Hansestadt geladen: Neben den vielen bunten Protesten, kam es zu Ausschreitungen. Das harte Vorgehen der Polizei im Protestcamp in Entenwerder, das Schlafverbot im Protestcamp, das am Donnerstag dann doch aufgehoben wurde, der Einsatz von Wasserwerfern und Pfefferspray hatte die linke Protestszene aufgeheizt.

Von den Organisatoren der Demo hieß es Tage zuvor, dass man das Bündnis zu einer Gefahr für Hamburg stilisiere. „Es macht mich sprachlos und es ist erschreckend, wie die Hamburger Polizei sich in den letzten Tagen verhalten hat und massive Gewaltexzesse herbeigeredet hat – zum Beispiel, dass sich die Demonstranten mit Waffen gegen die Beamten bewaffnen wollten. Das ist Propaganda“, sagte der Organisator und langjährige Rote-Flora-Aktivist Andreas Blechschmidt am Nachmittag dieser Zeitung.

Demoveranstaltung begann friedlich

„Wenn es strafrechtliche Straftaten gibt, werden wir natürlich intervenieren“, sagte Blechschmidt. Aber die Polizei sollte auch Verhältnismäßigkeit bewahren. Es wundere ihn zudem, dass bei der Anmeldebestätigung der Demo dann auch keine besonderen gefahrenabwehrenden Maßnahmen getroffen wurden, wenn die Hamburger Polizei doch von so einer Gefahr ausgehe, sagte Blechschmidt.

Dabei hatte es entspannt begonnen. Rund eine Stunde vor der Eskalation warteten die rund 12.000 Demoteilnehmer am proppenvollen Fischmarkt auf den Beginn der Demo: Pink kostümierte Samba-Tänzer („Wir wollen Farbe in die Demo bringen“) genauso wie Eltern mit kleinen Kindern, Trommler, Paare, Anwohner, die zur Musik tanzten, standen auf der Straße am Hafen.

Vorgehen der Hamburger Polizei steht in der Kritik

Auch in den Stunden zuvor feierten die Demonstranten friedlich auf dem Fischmarkt. Gegen halb vier trudelten die ersten gut gelaunten Besucher ein, sonnten sich mit Bier in den Händen auf dem Fischmarkt vor der hanseatischen Hafenkulisse zwischen Hundertschaften, Wasserwerfern und Polizeiautos, während laut hupende Schiffe durch den Hafen schipperten.

Pünktlich um 16 Uhr startete dann die Auftaktveranstaltung mit der Hamburger Punkband die Goldenen Zitronen. „Die Gemütlichkeit der einen ist die Hölle der anderen“, sagte Schorsch Kamerun, Sänger der 80er-Band.

Redebeiträge, die sich um Kapitalismus-, Globalisierungs- und Konsumkritik, Menschenrechtsverletzungen, G20- und Flüchtlingspolitik bis hin zu Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung drehten, wurden von „A-Anti-Anticapitalista-Gesängen“ begleitet. Immer wieder wurde auch das Vorgehen der Hamburger Polizei in den vergangenen Tagen kritisiert. „Passt auf Euch auf, seit wachsam und solidarisch“, dröhnte aus den Boxen auf dem Fischmarkt, der sich bis zum Abend immer weiter füllte.

„Gut, dass es eine Gegenbewegung gibt“

„Es ist gut, dass es eine Gegenbewegung gibt", erklärte Feuerwehrmann Jörg Weiland am Nachmittag. „Ich bin natürlich absolut gegen Gewalt, aber ich denke, es wird heute eskalieren, prognostiziert er. Der Hamburger findet es jedoch unmöglich, dass der G20-Gipfel in einer Stadt wie Hamburg stattfindet. „Die ganze Stadt ist deswegen lahmgelegt. Das kann man doch irgendwo anders machen. Was das auch für ein Geld kostet", kritisiert er.

Viele Hamburger hatten genau deswegen am Donnerstag das Weite gesucht. Viele Eltern nahmen ihre Kinder an diesen Tagen aus der Schule oder aus der Kita. Arbeitgeber gaben ihren Angestellten frei. Sie verließen die Stadt, verreisten, flüchteten – vor den Demos, dem Trubel in ihrer Stadt, die am Donnerstag teilweise wie ausgestorben wirkte, wäre da nicht das unaufhörliche Surren der Helikopter gewesen.