Ohne Krawatte und mit offenem Hemdkragen haben Barack Obama und David Cameron am Montagabend das erste Erfolgsergebnis am Rande des G8-Gipfeltreffens im nordirischen Städtchen Enniskillen verkündet: Die USA und Europa, vertreten durch den amerikanischen Präsidenten und den britischen Premier, wollen eine transatlantische Freihandelszone einrichten. Allein für die EU könnte das Abkommen 120 Milliarden Euro wert sein.

Doch das Problem, das bei der zweitägigen Konferenz alle anderen Themen überlagert, ist der Bürgerkrieg in Syrien. Trotz aller Tatkraft, die die Regierungschefs der acht wichtigsten Wirtschaftsnationen demonstrierten, gelang es hier nur mühsam, die tiefen Gräben zwischen dem Westen und Russland zu überwinden.

Einigkeit herrscht unter den G8-Nationen offenbar nur darüber, dass Syrien die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart erleidet: Mehr als 93 000 Menschen sind den blutigen Kämpfen zwischen den Regierungstruppen von Präsident Baschar al-Assad und den Rebellen nach UN-Angaben zum Opfer gefallen.

In scharfer Form umriss Cameron zum Auftakt der Beratungen das Ziel aus britischer Sicht: Syrien, sagte er, brauche eine Friedenskonferenz; sodann müsse es eine Regierung geben, „die das Land vertritt, statt es abzuschlachten“.

Vage Übereinkunft

Der russische Gesandte für G8-Angelegenheiten, Alexej Kwasow, ließ allerdings durchblicken, dass Präsident Wladimir Putin seine Haltung nicht ändern wird. Moskau unterstützt das Assad-Regime und hat ihm zuletzt Luftabwehrraketen versprochen. „Wir liefern Waffen an die legitime Regierung Syriens und brechen damit kein Gesetz“, hatte Putin bereits am Sonntag bei einer frostigen Pressekonferenz mit Cameron in London erklärt.

Flugverbotszonen, wie von US-Kreisen in die Diskussion gebracht, hält Moskau für kontraproduktiv.

Doch solange die USA und Russland zu keiner gemeinsamen Haltung finden, wird es keine Friedenslösung geben. Bis spät in die Nacht wurde deshalb am Montag in dem Golf-Hotel am idyllischen Ufer des Lough Erne um eine Annäherung gerungen.

Nach einem Vieraugengespräch der beiden Präsidenten teilte Putin mit, dass es „keine völlige Übereinstimmung der Positionen“ gebe, aber beide Seiten ein Ende des Blutvergießens in Syrien und eine friedliche Lösung wollten, einschließlich einer Friedenskonferenz in Genf. Obama, der ebenfalls angespannt wirkte, erklärte, beide Länder hätten ihren Mitarbeiterstab beauftragt, auf dieses Ziel hinzuarbeiten.

Das Mindestziel muss sein, eine gemeinsame Formel für die Abschlusserklärung des G8-Gipfels zu finden, und so hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel trotz der Uneinigkeit der beiden Großmächte Beweglichkeit angemahnt. „Wir werden sicher nicht alle Meinungsverschiedenheiten überbrücken können“, sagte die Kanzlerin. Sie hofft aber, dass sich Putin in einen Kompromiss einbinden lässt. Eine Bewaffnung der Rebellen lehnt Deutschland strikt ab.

Seit die USA in der vergangenen Woche einen Kurswechsel ihrer Nahostpolitik ankündigten, hat sich das Koordinatensystem im Srienkonflikt verschoben. Washington sieht es nunmehr als erwiesen an, dass das Assad-Regime Chemiewaffen gegen die Rebellen und gegen das eigene Volk einsetzt. Damit sei eine rote Linie überschritten, machte Obamas Regierung klar.

Washington will den Druck auf Assad erhöhen, indem es Kampfflugzeuge und Raketenabwehr-Batterien in Jordanien, an der Grenze zum Bürgerkriegsland, stationiert, wie die New York Times berichtete. Einzelheiten dieser Pläne wurden bis Montag nicht bestätigt.

Russland hingegen ist als Verbündeter Assads unter den G8-Nationen isoliert. Wie verhärtet die Haltungen sind, war am Sonntag bei der Pressekonferenz in London offenkundig geworden. Putin hielt es für notwendig, die britische Seite daran zu erinnern, mit welchen Kräften sie es innerhalb der rebellischen Verbände zu tun habe.

Unter Bezug auf ein abscheuliches Video, das kürzlich kursierte und allem Anschein nach einen Oppositzionskämpfer zeigt, der in die Leber eines gefallenen syrischen Soldaten beißt, argumentierte Putin: „Man sollte kaum jene unterstützen, die ihre Gegner umbringen und deren Organe essen.“

Was die Verhandlungen in Enniskillen weiter verkompliziert, ist die fehlende Einigkeit der westlichen Staaten. Obama ließ bis vor wenigen Tagen wenig Interesse an einer weiteren militärischen Einmischung im Nahen Osten nach dem Irakkrieg erkennen. Großbritannien und Frankreich hingegen haben gerade das Ende des EU-Waffenembargos für Syrien erwirkt – allerdings mit dem erklärten Ziel, Assad auf diese Weise an den Verhandlungstisch zu zwingen.