G8-Treffen in Oberbayern: Die Ruhe vor dem Gipfel

Elmau - Wenn die Bundeskanzlerin, der US-Präsident und ein paar andere Staats- und Regierungschefs sich in Bademänteln zusammensetzen würden, das wäre doch etwas fürs Auge. Sowieso ganz grundsätzlich, und umso mehr, wenn es die Mäntel in unterschiedlichen Farben gibt: in Hellblau, Pink, Lila, Beige, Aubergine-Grau, Hellgrau, Grün, Rot. Acht Farben, sieben oder acht Staats- und Regierungschefs. Es könnte hübsch bunt werden bei so einem Treffen. Es könnten sich überraschende Annäherungen ergeben, übers Thema Lieblingsfarben – wenn Barack Obama und Wladimir Putin beide zu Grün griffen. Oder auch Verwicklungen: ein hellblauer Staatschef unter lauter aubergine-grauen.

Die Bademäntel gibt es in Schloss Elmau bei Garmisch-Partenkirchen. Und die Mitteilung der Bundesregierung lautet: „Schloss Elmau erfüllt alle logistischen und sicherheitstechnischen Anforderungen an einen G8-Gipfel.“

Nach Bayern werden sie also kommen, Angela Merkel und Barack Obama, François Hollande aus Frankreich und Matteo Renzi aus Italien, die Regierungschefs aus Großbritannien, Japan und Kanada. Vielleicht auch Wladimir Putin, wenn bis dahin die Ukraine-Krise gelöst ist. Bis dahin – bis in einem knappen Jahr, am 4. und 5. Juni.

Deutschland hat dann die Präsidentschaft der G8 oder G7 inne, je nachdem. Das letzte G8-Treffen in Deutschland fand 2007 in Heiligendamm in Mecklenburg-Vorpommern statt, in einem Luxushotel am Ostseestrand. Dieses Mal hat Angela Merkel in den äußersten Süden geladen, in ein Luxushotel in einem abgeschiedenen Bergtal. Nach Elmau im Werdenfelser Land.

Blumenwiesen vor Bergmassiv

Von München aus die Autobahn nach Garmisch, eine enge Landstraße, ein Tunnel, einige Ampeln, eine weitere Landstraße bergauf, Kurven, ein Abzweig. Eine enge Straße, noch ein paar Kurven und Hügel weiter. Ein kleines Holzhaus steht an ihrem Beginn. Hier wird normalerweise abkassiert, vier Euro kostet die Zufahrt für Pkw, mit dem Motorrad ist es billiger. „Krad 1,50 Euro“ steht auf einem Schild.

Merkel, Obama und Co werden mit dem Hubschrauber einfliegen in das Hochtal, das das Kanzleramt als „landschaftlich reizvolle Kulisse“ identifiziert hat. Sanft wellige Blumenwiesen liegen hier vor einer schroffen, steil abfallenden Bergwand aus grauem Fels, dem Wettersteingebirge. Ein mächtiges altmodisch wirkendes Gebäude aus Mauern und Holzschindeln steht mittendrin, mit einem riesigen Turm. Ein bisschen Thomas-Mann-Zauberberg, ein wenig Heimatroman. Wenn man mal absieht von den Pools, dem Parkplatz, dem Tennisplatz, dem Hubschrauberlandeplatz, dem Kran und den Baumaschinen, die gerade die Straße aufreißen.

Fast nebenbei hat die Kanzlerin die Ortswahl Anfang des Jahres nach der ersten Klausurtagung ihrer neuen Regierung verkündet. Mehrere hundert Kilometer südlich saß da Thomas Schwarzenberger vor dem Fernseher und sah sich die Pressekonferenz an. Schwarzenberger ist der Bürgermeister der Gemeinde Krün, zu der Elmau gehört. Jemand hatte ihm gesagt, die Pressekonferenz könnte interessant werden, er hatte auch Gerüchte gehört. Informiert hatte ihn die Bundesregierung nicht. „Unsere Planung für dieses Jahr war eine andere“, sagt Schwarzenberger, ein CSU-Mann Mitte 40. Der Gipfel kam über ihn und seine Gemeinde. Schwarzenberger wusste nicht so genau, ob er begeistert sein sollte. „Wir haben ja die Bilder von Heiligendamm im Kopf“, sagt er. Dort gab es einen langen Zaun um den Gipfelort, mehrere Zehntausend demonstrierten. 17 000 Polizisten waren im Einsatz. Die Staatschefs posierten im großen Strandkorb. Draußen gab es Blockaden, Krawall, Demonstranten, die durch Kornfelder liefen. Der Tagungsort wurde bekannt, das Hotel profitierte kaum. „Das betrifft einen schon“, sagt Schwarzenberger.

Sein Heimatort Krün lebt vom Tourismus. 2 300 Gästebetten gibt es im dem 1 900-Einwohner-Ort, in dem sich Pension an Pension reiht. Haus Alpenland. Haus Bergfreund. Das Reisebüro heißt „Ferienglück“

Offiziell freut man sich

Schwarzenberger hat sich entschlossen, dem Gipfel das Positive abzugewinnen, was bleibt ihm auch anderes übrig. „Wir bekommen eine Aufmerksamkeit, die wir mit Geld nicht bezahlen können“, sagt er. Er hofft, dass das die in den letzten Jahren sinkenden Besucherzahlen wieder nach oben treiben werde.

Schließlich wird der Ort ja auch ein bisschen aufgemöbelt: Die Bahn renoviert den Bahnsteig des kleinen Bahnhofs, das Krüner Internet wird wegen des Gipfels schneller. Hoch zum Hotel Elmau wird eine neue Wasserleitung gebaut und dafür gibt es Zuschüsse. Natürlich gibt es da oben schon jetzt fließend Wasser, jede Menge sogar, schließlich hat das Hotel mehrere Pools, draußen, drinnen, für Kinder, mit Salzwasser. Aber für den Gipfel muss es eine zweite Wasserversorgung geben, für den Notfall, für den Fall eines Giftanschlags auf einen Tank, für den Fall eines Lecks. Obama soll nicht auf seine Dusche warten müssen.

Es wird also Geld fließen nach Krün, auch Straßen werden erneuert. Vor dem Rathaus, in dem im ersten Stock der Bürgermeister sitzt, reißt ein Bagger den Asphalt auf. Der Vorplatz soll wieder gepflastert werden. Schwarzenberger hat die Fenster seines Büros geschlossen. Er sagt, es gebe langfristig Vorteile für die Gemeinde. Aber nicht alles wird gezahlt. „Wir müssen schon aufpassen, dass wir uns nicht überheben.“ Die Bedenken gibt es auch in der bayerischen Landesregierung. „Es war schon Skepsis da, aber man muss sich arrangieren“, heißt es da. Natürlich nicht offiziell. Offiziell freut man sich. „Wir werden perfekte Gastgeber sein“, hat der Ministerpräsident Horst Seehofer versprochen und behauptet, er sei sofort einverstanden gewesen, als Merkel ihn über ihre Pläne informiert habe. Hätte er Nein sagen können? Oder sollen?

Ja, finden die Grünen. „Elmau ist nicht der richtige Ort für einen Gipfel“, sagt deren Kreissprecher Jörg Jovy. „Hier steht man immer mit einem Bein im Naturschutzgebiet.“ Die hübschen welligen Wiesen um das Hotel herum zum Beispiel: schwer geschützte Buckelwiesen, ein Relikt der Eiszeit. Tausende kleine Hubbel, wie ein etwas unruhiges grünes Meer. Gelbe Trollblumen wachsen hier und blaue Enziane. Trocken sind die Hubbel, sumpfig die Senken, alles zusammen ziemlich empfindlich. Die Bauern dürfen die Wiesen zwar mähen, aber erst spät im Jahr und ohne schweres Gerät. Wenn die Staatschefs ins Tal kommen – und mit ihnen die Sicherheitsleute, die Journalisten, die Demonstranten – besteht eigentlich gerade Betretungsverbot.

Logistische Kraftanstrengung

Seehofer hat im Mai das Tal besucht und versichert, man werde „im Einklang mit der Natur“ das Bestehende optimieren. Sein Innenminister Joachim Herrmann hat erklärt: „Wir sind uns der Bedeutung des sensiblen Naturraums bewusst.“ Aber in der Landesregierung räumt man auch ein: „Natürlich kann es sein, dass etwas zertrampelt wird.“ Als Ausgleich und zur Naturschützer-Beruhigung soll ein ehemaliger Truppenübungsplatz in der Nähe nicht bebaut werden. Und es wird versichert: Die Zufahrtsstraße zum Schloss werde zwar aufgerissen, um die Wasserleitungen zu legen. Aber verbreitert werden solle sie nicht. Und der Hubschrauberlandeplatz, bislang eine Kiesfläche, soll nur vorübergehend asphaltiert werden.

Es kann sein, dass der Naturschutz den Sicherheitsleuten in die Hände spielt. Die Grünen jedenfalls werden auf größere Veranstaltungen in der Nähe des Schlosses verzichten, weil sie nicht schuld sein wollen am Zertrampeln. „Das Demonstrationsrecht wird durch die Hintertür in Mitleidenschaft gezogen“, beklagt sich Jovy. Eine Groß-Demonstration ist in München geplant. Ob es alle so machen wie die Grünen, ist offen.

Es ist ja auch eine Frage, wie eng das Sicherheitsnetz gezogen wird um den Tagungsort. Das Konzept wird noch beraten, gut 150 bayerische Beamte sind damit gerade befasst. Eigentlich lässt sich so ein Tal ganz gut abriegeln, zumindest große Menschenmassen kommen nicht so einfach über die Berge wie über die Felder um Heiligendamm. Aber unübersichtlich sind die Berge auch für die Sicherheitskräfte. Was tun mit einem Drachenflieger, der von einem der umliegenden Gipfel startet? Wie gut lässt sich eine Ferienregion kontrollieren, noch dazu mitten in den bayerischen Pfingstferien? Umleitungs-Tipps will das bayerische Innenministerium geben. Aber da sind dann auch noch die traditionellen Fronleichnams-Umzüge, ausgerechnet am ersten Gipfel-Tag. Vielleicht tragen die Gipfel-Gegner ja ausnahmsweise mal Dirndl und Lederhosen.

„Ich will nicht verhehlen, dass der Elmauer Gipfel die gesamte bayerische Polizei vor eine personelle, logistische und taktische Kraftanstrengung stellt“, sagt der bayerische Innenminister Herrmann.

Alles kein Problem, sagt der Hotelchef, Dietmar Müller-Elmau, der beim Tee auf seiner Hotelterrasse sitzt. Den Kiesboden durchziehen hier sorgfältige Rechen-Rillen, die Sonnenschirme und die Sitzkissen sind orangefarben. Der Tagungsort sei sicher, sagt Müller-Elmau. Um das Tal herum gebe es ein großartiges Forstwege-Netz, auf dem sich die Polizei bewegen könne. „Man muss hier keinen Baum umsägen, keinen Halm knicken.“ Der Naturschutz, sagt er, sei seine Existenzgrundlage. Allerdings hat er für einen Hotelanbau gerade eine geschützte Wiese planieren lassen, für die Baumaschinen. Genehmigt war das nicht.

Müller-Elmau hat mit einer Computerfirma viel Geld verdient. Vor ein paar Jahren hat er das Hotel übernommen, das sein Großvater einst gegründet hat, das im Zweiten Weltkrieg Erholungsheim der Wehrmacht war und danach eine Weile Gefangenenlager. Im Foyer hängen Porträts von Kaiser Wilhelm II. und vom bayerischen König Ludwig III.

Pools, Saunen, Yogaräume

Der Enkel, der gerade auch am Berliner Oranienplatz ein Hotel in einem leerstehenden Kaufhaus plant, trägt Elmau nun im Namen, er hat Pools, Saunen und Yogaräume bauen lassen. Er sagt, sein Haus zeige, dass „der Geist der Freiheit kein Widerspruch ist zur Geborgenheit“. Die bunten Bademäntel seien ein Zeichen für „unangepasste Individualität“.

Regelmäßig lädt Müller-Elmau Politiker, Philosophen und Wissenschaftler zu Konferenzen. Auch Angela Merkel ist einmal hier gewesen, vor gut zehn Jahren, bevor sie Kanzlerin wurde. Damals hat sie darüber gesprochen, warum die Türkei nicht in die EU dürfe. Die Staatschefs werden im großen Saal tagen, ein hoher Raum mit Parkettboden, die Fensterbänke niedrig und mit rotem Stoff bespannt. Vor 100 Jahren haben hier Tanzveranstaltungen stattgefunden.

Die prächtige Kulisse draußen wird Merkel ihren Gästen nicht unbedingt präsentieren können. 40 Prozent betrage die Regen-Wahrscheinlichkeit, sagt der Hotelchef. Das wäre eine Gelegenheit für die Bademäntel.