Spione sind zuvörderst ein Fall für das Finanzamt. Bündelweise schleppen die Beamten des Bundesnachrichtendienstes am Kassentag Geld aus dem Hauptquartier in Pullach, um ihre Quellen zu bezahlen aus Sicherheitsgründen ohne Quittung. Ein Fall staatlicher Begünstigung von Steuerhinterziehung meint Gabriele Gast. Trotz dieses geschärften Rechtsbewußtseins wurde sie 1991 zu sechs Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Verrat aus den eigenen Reihen hatte sie nach der Wende als Doppelagentin enttarnt; siebzehn Jahre lang stand sie im Dienste des westdeutschen BND und war zugleich wichtigste Agentin der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) im Ministerium für Staatssicherheit.1994 vorzeitig aus der Haft entlassen, hat Gabriele Gast jetzt die Autobiographie ihrer Doppelexistenz vorgelegt. "Kundschafterin des Friedens" schon der Titel führt in eine Welt, in der die Agenten Karl-Heinz und Cordula heißen, Vaterländische Verdienstorden in Jagdhütten verliehen werden und der Führungsoffizier nach der Ehrung "Plauen bleibt Plauen" zum Schifferklavier singt. "Eine musikalische Stimmungskanone", schreibt der Agentinnenbesuch aus dem Westen bewegt, "der es diebischen Spaß machte, seine Zuhörer mitzureißen." Es ist, wieder einmal, die menschliche Wärme, die die ehemalige DDR für Gabriele Gast verführerisch machte. Auf die 25jährige Doktorantin setzt die HVA 1968 einen Charmeur mit dem Decknamen Karl-Heinz Schmidt an. Schon der erste Abend in Karl-Marx-Stadt, wo die Politologin zu Zwecken der Forschung über die Rolle der Frauen in der DDR weilt, endet mit einem Kuß. Doch in ihrem Buch weigert sich Frau Gast noch immer, in ihrem Karl-Heinz nur den "Romeo" zu sehen, den von Staats wegen zum Zwecke der Anwerbung engagierten Verführer. Daß ihre Liebe die wenigen Begegnungen der ersten Jahre nicht übersteht und Freundschaft, ja "Kameradschaft" an ihre Stelle treten, wertete sie jahrelang als menschlichen Soliditätsnachweis, des größtes Plus des Ostens gegen den Westen. Wie aber aus dem banalen Anfangsgeschäft ein paar Informationen aus dem westlichen Hochschulleben gegen regelmäßige Nächte mit Karl-Heinz unbehindert von Einreisebeschränkungen zu einer der größten deutsch-deutschen Agentenkarrieren werden konnte, bleibt auch nach der Lektüre von Gasts Memoiren erkärungssbedürftig. Politik alleine kann es nicht sein. Ihr zauderndes Abwägen von Vor- und Nachteilen zwischen Ost und West klingt wenig überzeugend im Vergleich zu den Gräben, die sie zu überwinden hatte. Gabriele Gast ist als brave Studentin aus konservativem Elternhaus gleich CDU-Mitglied geworden und der Warschauer Pakt hatte sich zur Zeit ihrer Anwerbung mit dem Einmarsch in die Tschechoslowakei ein denkbar schlechtes Zeugnis ausgestellt. Erst nach dem Nachrüstungsbeschluß der Bundesrepublik 1980 beantragt Gast insgeheim die Mitgliedschaft in der SED. Es dauert sechs Jahre, bis man ihr in Mielkes Gästehaus das Parteibuch überreicht - versehen mit dem Status Kandidat. Erzürnt gibt sie, die schon jahrelang ihre Existenz für die DDR aufs Spiel gesetzt hatte, das Buch zurück.Gabriele Gast ist ein Profi, die für gute Arbeit gute Anerkennung braucht; sie ist hüben so ehrgeizig wie drüben, ärgert sich über Laufbahnhindernisse für Frauen im BND ebenso wie über zermürbende Umständlichkeiten in der HVA. Schlampereien sind ihr zuwider, egal auf welcher Seite der Front. Der Dilettantismus ihrer Vorgesetzten im Westen stößt sie ab, gleichwohl er ihr, unterstellt man einseitige Parteinahme für die DDR, gerade recht sein müßte. Die korrekte Beamtin mit dem Geheimfach in der Aktentasche präsentiert sich als Hüterin ausgleichender Gerechtigkeit. Bis zur Erschöpfung verteilt sie Erkenntnisse gleichermaßen diesseits und jenseits der Grenze eine tragische Inkarnation der gemeinsamen Informationsutopie beider Dienste, ihres Glaubens, nur umfassende Lagekenntnis könne den Frieden sichern, den beide Seiten auf ihre Fahnen geschrieben haben. Dabei geht der Ertrag ihrer Informationen selten über das der legalen Nachrichtenagenturen hinaus, sind doch Auslandskorrespondenten immer noch wichtigste Quelle der Dienste. Spektakulärere Informationen werden den Berichterstattern in Bonn ohnehin nicht geglaubt, oder sie werden, wie beim Einmarsch der Russen in Afghanistan, aus politischen Rücksichtnahmen nicht zur Kenntnis genommen. So bleibt als vorherrschende Geheimdiensttätigkeit die konspirative Selbsterhaltung: als bedeutsamsten Verrat ihrer Laufbahn empfindet Gast die rechtzeitige Meldung der bevorstehenden Verhaftung eines sowjetischen Kollegen an die HVA.Leicht fällt dem Leser die Lektüre der Memoiren nicht; das jahrzehntelange Verfassen von Lageberichten im umständlichen Beamtenton haben den Stil der Autorin nachhaltig vergiftet. Umso berührender ist die Darstellung der Ereignisse nach 1989, der Verrat der Agentin durch den Obersten der HVA Karl-Christoph Großmann, die zu ihrer Verurteilung notwendige juristische Konstruktion der DDR als fremde Macht, die monatelange Isolationshaft im Untersuchungsgefängnis, die Abkehr des scheinbaren Freundes Karl-Heinz und des Vertrauten Markus Wolf. Die menschliche Wärme der Genossen entpuppt sich als Illusion. Übrigbleibt eine traurige, ausgenüchterte Geschichte aus einem engherzigen, kalten Land, durch das einmal eine Grenze ging, ein Informationshindernis. Gabriele Gast: Kundschafterin für den Frieden. Eicborn Verlag, Frankfurt am Main 1999. 352 S., 44 Mark.