NEW YORK. Die Wohnung von Gabriele Hammerstein in Forest Hill, Queens, sieht ein wenig aus wie ein Museum des alten Europa: Biedermeiermöbel, Eichenholzregale voller Buchrücken, Bilder und Fotoalben, Noten und Programmhefte. Sieben Zimmer, voll gestopft mit Erinnerungen. An der Wand ein gerahmtes Bild von Albert Einstein, mit Widmung. Einstein war ein Patient von Gabrieles Eltern, in Schwerin, in den 30er Jahren. Es war Einstein, der den Hammersteins damals eine Bürgschaft ausstellte, die die Familie unbedingt brauchte, um ein Visum für die USA zu bekommen. "Als wir dann in Amerika waren, war Einstein bei uns zu Hause ein häufiger Gast", erinnert sich Gabriele. "Einmal hat er sogar meine Mathe-Hausaufgaben gemacht. Dafür habe ich eine Fünf bekommen."Die Hammersteins sind eine weitverzweigte deutsch-jüdische Familie. Ihr berühmtester Vertreter ist Oscar Hammerstein, der in New York ein Theaterimperium gründete, und sein Enkel, der Musicalkönig, der ebenfalls Oscar hieß. Auch Gabriele Hammerstein liebt die Musik. So sehr, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg nach Berlin zurückging, um Wagner zu singen, und in einem Stasi-Knast landete.Gabriele Hammerstein ist 84 Jahre alt, aber mit ihren langen blonden Haaren sieht sie immer noch ein wenig mädchenhaft aus. Sie wird sich auch nicht so bald zur Ruhe setzen, denn sie hat noch viel vor. Seit 15 Jahren kämpft sie um das Erbe ihrer Familie, ein Schlösschen in Schwerin. Dort will sie irgendwann wieder wohnen.Oscar Hammerstein kam 1863 in New York an, mit 15 Jahren. Erst fegte er Flure in einer Zigarrenfabrik, für drei Dollar die Woche. Dann gründete er das U.S. Tobacco Journal. Mit dem Geld, das er damit verdiente, konnte er es sich leisten, seine große Liebe zu verfolgen: die Oper. In Harlem, damals ein deutsch-jüdischer Vorort, baute er das Kaiser Wilhelm Theatre und das Harlem Opera House. Beide gingen pleite. Dann errichtete er am Times Square das Olympia, mit Louis-XIV-Kronleuchtern, goldenen Spiegeln, einem türkischen Bad, Billardhalle und Ratskeller. Auch das Olympia meldete Konkurs an. "Er wurde mal gefragt, ob denn Geld in der Oper stecke. Er sagte: Ja, meines", erzählt Gabriele.Oscar hatte einen Bruder, der in Berlin geblieben war. Dessen Sohn Jacob heiratete Frieda Wolf. "Friedas Vorlieben waren: "Pferde, Hunde, Männer, in dieser Reihenfolge", erzählt Gabriele. Frieda hatte zwei Kinder: Hans-Ludwig, der nach Venezuela auswanderte, wo seine halbe Familie von Indianern getöten wurde, und Gertrud, die Medizin studierte. "Das war sehr ungewöhnlich für eine Frau, damals", sagt Gabriele. Gertrud heiratete einen Arzt, Erich Rosenhain, das Paar zog nach Bad Landau. Dort wurde Gabriele geboren, 1923.Als Gabriele neun Jahre alt war, zogen ihre Eltern nach Schwerin, wo sie ein Sanatorium in einem Schlösschen eröffneten. Dann kamen die Nazis. "Es gab in Schwerin nur vier Ärzte, und alle waren jüdisch", sagt Gabriele. "Deswegen konnten uns die Nazis nicht einfach das Praktizieren verbieten." Aber zwei Jahre später geschah es doch. Gabrieles Vater tat, was jeder gute Deutsche tun würde: Er zog vor das Verwaltungsgericht und klagte auf Kassenzulassung. Und gewann. "Leider nützte uns das nichts mehr, weil die Stimmung so feindselig geworden war", sagt Gabriele. Sie beschlossen auszuwandern. Nur Frieda Wolf blieb. Sie glaubte, das mit den Nazis gehe bald vorbei. Sie starb 1942, in Theresienstadt.Die New Yorker Hammersteins waren derweil dem Broadway treu geblieben. Als Oscar gestorben war, hatte sein Sohn Arthur ein Theater errichten lassen, das er Hammerstein's nannte. Kurz nach dem Börsenkrach, dem Schwarzen Freitag von 1929, ging es pleite. Oscars Enkel Oscar II hingegen stieg mit "Oklahoma!" und "The King and I" zum Musicalkönig auf, zusammen mit Richard Rodgers. Eines Tages im Jahr 1944 luden Rodgers und Hammerstein zum Vorsingen für ein neues Musical ein, "The Yankee from Connectictut". Eine junge Frau mit blonden Haaren und einer gewaltigen Stimme kam - erhielt die Rolle. Sie wollte sie nicht. "Ich wollte mich nur vorstellen", sagte sie zu Oscar. "Ich bin Gabriele Hammerstein aus Schwerin. Deine Nichte. Aber ich interessiere mich nicht für Musicals. Ich will Wagner singen." Nach dem Krieg meldete sie sich zur US-Truppenbetreuung, wo sie mit dem jungen Geiger Isaac Stern in Guam und auf den Philippinen auftrat. Später gab sie Konzerte in Frankfurt und Wien und hatte einmal sogar eine Audienz beim Papst in Rom.Als sie nach New York zurückkehrte, feierte Oscar Hammerstein seinen letzten Erfolg: "The Sound of Music". Ein halbes Jahr später starb er, am 23. August 1960. Die Lichter des Broadway wurden eine Minute lang abgedunkelt. Und Gabriele beschloss, endlich ihren Traum zu verwirklichen und Wagner-Sängerin zu werden. In Berlin.Aber das war im Kalten Krieg nicht so einfach. An der Deutschen Oper bekam sie kein Engagement. "Und an der Staatsoper durfte ich nicht singen, weil die USA die DDR nicht anerkannt hatten", sagt sie. So kam sie auf die Idee, bei der Sowjet-Botschaft zu fragen, ob sie im Rahmen eines Kulturaustauschs auftreten könne. "Als ich dort in einer Limousine mit US-Flagge vorfuhr, starrten alle Männer mich an. Und der Botschafter fragte, ob ich mir eine weitergehende Zusammenarbeit vorstellen könne." Gabriele fuhr nach West-Berlin und fragte die US-Botschaft, was sie tun solle. Die rieten ihr zu kooperieren.Nun sang Gabriele im sowjetischen Offiziersclub in Karlshorst. "Dort verliebte ich mich in einen jungen, gutaussehenden Russen, der einen Chrysler mit New Yorker Nummernschild fuhr." Sie begann eine Affäre. "Der war natürlich vom KGB, aber ich war zu dumm, das zu merken." 1962 wurde sie verhaftet. Sie wurde erst nach Moskau und dann nach Hohenschönhausen geschafft, wo sie wochenlang von der Stasi verhört wurde. "Schließlich tat ich so, als sei ich verrückt geworden: Ich setzte meinte Zelle unter Wasser und sang. Wagner." Die Stasi brachte sie in eine geschlossene Anstalt in Sachsen. "Dort traf ich einen Nazi-Arzt, der die Kommunisten hasste. Der brachte mir ab und an etwas zu essen". Warum? "Er mochte Amerika, und meine Eltern waren ja Kollegen von ihm." Nach zweieinhalb Jahren gelang es der US-Regierung, Gabriele aus dem Knast zu holen.Gabriele betrat die DDR erst wieder, als die Mauer gefallen war. Nun, beschloss sie, wollte sie die Familienvilla in Schwerin zurückhaben. Aber das war nicht so einfach. Es gab einen langen Rechtsstreit zwischen ihr, der Bundesregierung und der Stadt. Auch die Jewish Claims Conference, eine jüdische Organisation, erhob Anspruch auf die Immobilie. Das ließ sich Gabriele nicht gefallen. Sie zog vor Gericht, die Claims Conference machte einen Rückzieher.Es war ein spektakulärer Prozess, der ihren Namen in die Zeitung brachte. Auch Oscar Hammerstein III, der Enkel des Musicalkönigs, las darüber. Sie trafen sich, in einem Restaurant am Broadway, wenige Schritte vom alten Hammerstein's entfernt, wo heute der TV-Talker Dave Letterman auftritt. "Kurz darauf fuhren wir auf ein Hammerstein-Treffen nach Berlin, wo James Hammerstein Oklahoma! aufgeführt hat", erzählt Gabriele.Seitdem ist sie oft in Berlin, schon deshalb, weil da noch ein paar Prozesse laufen. Nach dem langen Hin und Her ist die Schweriner Villa baufällig, und Gabriele Hammerstein streitet sich mit der Bundesregierung, wer die Renovierung zahlen muss. "Trotzdem liebe ich Berlin", sagt sie. "Ich liebe die Berliner Oper. Vor allem Wagner."------------------------------Off und Off-OffDer Broadway ist eine Straße in Manhattan. Man versteht darunter aber auch das Theaterviertel am Times Square zwischen der 41sten und 53sten Straße sowie zwischen der Sixth und Ninth Avenue. In diesem Viertel gibt es etwa 40 große Theater mit je 500 oder mehr Plätzen.Off-Broadway werden Theater mit weniger als 500 Sitzplätze genannt; Off-Off-Broadway heißen diejenigen mit weniger als 100 Plätzen. Ursprünglich entwickelte sich Off-Broadway 1958 als mehr künstlerisch ausgerichtetes Gegenmodell zu den rein kommerziellen Broadway-Produktionen.------------------------------Foto: Gabriele Hammerstein auf dem New Yorker Broadway