Frau Wohmann, Sie feiern Ihren 70. Geburtstag, dabei ist Ihr literarischer Elan ungebrochen. In einem Gespräch haben Sie sich einmal als graphomanisch bezeichnet.Ja, das war ein bisschen missverständlich, weil das sofort als Krankheitsbild gedeutet wurde, sozusagen pathologisch. Das ist Quatsch! Ich habe schon als Kind gern geschrieben, einfach um des Schreibens willen. Aber Schreiben ist eine Tätigkeit, die auch schon allein eine Art psychosomatische Befriedigung ist. Ich schreibe einfach gern viel. So wollte ich das damals nennen.Sie würden sich also heute nicht mehr als graphomanisch bezeichnen?Ich würde es nie wieder tun, weil das immerzu so falsch aufgefasst wurde. Da muss man aufpassen. Sonst sagt man sich: Die ist ein bisschen krank. Das finde ich aber ganz normal. Wer irgendwie künstlerisch etwas macht, bei dem stimmt irgendetwas nicht. Ein bisschen neurotisch muss man sein, sonst würde man etwas Anderes machen.Gibt es Wochen, in denen Sie nichts schreiben?Nein, ich sorge dafür, dass es nicht dazu kommt. Es geht mir nicht gut, wenn ich nicht schreibe. Wahrscheinlich bin ich doch graphomanisch.Rückblickend hat man den Eindruck, dass die Langeweile wie ein unüberhörbares Leitmotiv Ihre Werke prägt. Ist Ihnen aufgefallen, wie oft das Wort in Ihren Büchern vorkommt?Viel zu oft wahrscheinlich. Genau betrachtet kann man sagen, dass im Grunde alles langweilig ist. Man hat eine Weile gelebt, und jetzt kennt man das - aber dazu darf es nicht kommen. Man soll alles tun, um das zu verhindern.Ist Langeweile ein vertrautes Gefühl? Schreiben Sie dagegen an?Unbewusst sicher auch. Ich würde eher von einer Art Schwunglosigkeit dem Leben gegenüber sprechen. Das ist allerdings nicht diese existenzielle Langeweile, bei der man mit sich gar nichts mehr anfangen kann. Es gibt ja bedauernswerte Menschen, die nicht die Möglichkeit haben zu schreiben oder irgendetwas zu tun, womit sie sich gut unterbringen können, sich ihr Gehäuse schaffen, ihre eigene Welt. Die kommen mir so verloren vor.In Ihrem Roman "Schönes Gehege" definiert der Romancier Robert Plath die Gottlosigkeit als Langeweile. In der Erzählung "Das Biotop" heißt es über einen Jungen, er wäre beinahe Rechtsradikaler geworden aus purer Langeweile. In einer weiteren Erzählung begeht ein Mädchen Selbstmord, weil es die endlosen Nachmittage nicht mehr aushalten kann . Ja, in solche Menschen kann ich mich gut hineinversetzen. Ich habe eine Freundin gehabt, die sich quasi selbst umgebracht hat, durch sehr unvernünftiges Leben, durch Alkohol und so weiter. Das ist eine Art von Selbstmord gewesen, weil sie es einfach nicht mehr aushielt. Es war Langeweile, so würde ich das diagnostizieren.Sie bringen den Verzweifelten sehr viel Sympathie entgegen. In dem Roman "Bitte nicht sterben" steht, Gott habe nichts gegen den Selbstmord. Der Roman ist ja stark autobiografisch. Stört der Selbstmord Sie als Christin nicht?Nein, Gott verzeiht doch allen. Der Schwache ist ihm ja lieb, sagt Jesus. Und bei Paulus heißt es: "Ich will mich meiner Schwachheit rühmen." Das gefällt mir am christlichen Glauben, dass der Mensch so schwach sein kann - soll geradezu.Aber das ist, als ob der Glaube nicht die Kraft gäbe, mit dem Leben fertig zu werden.Ja, widerspricht sich das eigentlich? Vom Leben genug haben, sich den Tod wünschen .An vielen Stellen in der Bibel heißt es doch, dass die Freude ein Gebot ist. Und die Theologen bezeichnen die Traurigkeit dem Leben gegenüber als Sünde. Anscheinend ist das für Sie kein Problem?Nein, nein. Ich glaube auch nicht, dass es Gott als Sünde empfände. Dann wäre er nicht der Gott, der mir gefallen könnte. Gott, der alles vergibt, das ist meine Vorstellung von Gott. Gott sagt nicht: "Wie bist du denn beschaffen? Ach, du hast diesen Makel, nee, dann gefällst du mir nicht so gut." Aber meine Figuren sind ja nun keine frommen Leute. Höchstens sind es Figuren, die irgendetwas suchen, aber deutlich fromme Menschen möchte ich eigentlich überhaupt nicht, allerhöchstens Kontrastfiguren zu denen, die mehr oder weniger agnostisch sind oder gar nicht daran denken.Bis vor ein paar Jahrzehnten noch durften Selbstmörder nicht kirchlich beigesetzt werden .Ja, schrecklich! Was die Kirche macht, missfällt mir sowieso häufig. Mir fällt gerade der schöne Schluss von Werthers Leiden ein, eine meiner Lieblingsstellen überhaupt in der Literatur: "Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet." Das ist ein wunderbarer, auch sprachlich wunderbarer Schluss, durch den Zeitenwechsel. Imperfekt und dann Perfekt. So traurig wird es dadurch, wie ein Stückchen Schubert.Entschuldigen Sie diese Frage, aber haben Sie selber mit Selbstmordgedanken gespielt?Nein.Das ist also nur literarischer Stoff?Ich denke manchmal daran, wie weit es kommen müsste, dass ich wirklich aufgeben würde, wer tut das nicht? Gibt es Menschen, die sich nicht fragen, wie man das bloß aushalten kann, eine schreckliche, tödliche Diagnose so abwarten, wie meine Schwester das getan hat, bis es dann soweit ist. Fünf Jahre lang mit einem Hirntumor. Und wenn man dann weiß, es geht nichts mehr, Therapieabbruch und trotzdem weitermachen. Allerdings muss man die geeigneten Mittel haben, Selbstmord begehen zu können. Wenn man in einer Klinik lebt, kann man das eben nicht tun. Ich weiß nicht, ich habe mit meiner Schwester nicht darüber gesprochen, so viel ich auch mit ihr sprach. Aber so deutlich wird man dann doch nie, über das Thema zu reden. Und sie hat mich auch nicht gebeten, ihr irgendwie Dinge zu beschaffen. Allerdings war sie in der Schweiz. Dort existieren Gruppen wie Exit, die einem helfen, wenn man nicht mehr will - oder kann.Man hat den Eindruck, dass der Glaube in Ihren Werken einen immer größeren Platz einnimmt. Oder bestreiten Sie das?Das würde ich vielleicht nicht bestreiten können. Ich habe nicht so den Überblick, weil ich mich nie um das, was ich früher schrieb, gekümmert habe. Aber es kann sein, dass es stärker geworden ist.Es scheint, dass der Roman "Schönes Gehege" 1975 sozusagen einen Wendepunkt bildet, weil die Hauptfigur in diesem Buch eine Entscheidung trifft und beschließt, sich Gott zuzuwenden.Aber es gibt viele andere Bücher danach! Damals hieß es, in der deutschen Kritik jedenfalls: Endlich hat die Wohmann das Positive entdeckt. Das hat mich derart schockiert, dass ich sofort wieder dachte: Ich muss ein böses Buch schreiben dagegen. Das ist ja fürchterlich! Das Positive! Quatsch! Es muss ja nicht ein für allemal sein! Es muss dann wieder einen Wechsel geben. Dann habe ich Sachen veröffentlicht, die weniger freundlich waren. Das Buch ist ja ehefreundlich. Aber wenn es keine misslichen Ehen gäbe, wäre ich verloren in bezug auf Schreibstoff, denn sie sind viel reizvoller und wohl leichter zu beschreiben als die gelingenden Ehen, sie geben mehr her. Streit und Unfreundlichkeit sind interessanter zu beschreiben als der in sich ruhende Mensch, der an Gott glaubt, ihm vertraut, der ganz sicher ist, mit sich im Reinen.Man hat den Eindruck, dass bei den anderen Autoren in der heutigen deutschsprachigen Literatur Gott abwesend ist, oder irre ich mich?Nein, das kommt mir auch so vor. Aber ich lese nicht besonders viel, kümmere mich nicht besonders um die deutschsprachigen Kollegen. Für mich ist das aber schwer vorstellbar. Vielleicht ist das auch Kindheitsprägung, da ich mit meinem Vater nie in diesem für Schriftsteller typischen Clinch lag. Die müssen ja alle ihre Väter hinterher noch sezieren oder ihr Elternhaus. Das entfällt bei mir. Ich muss nicht abrechnen, sondern ich fand das alles ideal und richtig. Vielleicht kommt das auch von der toleranten Art, wie ich mit der Religion bekannt wurde.Obwohl Ihre Figuren offensichtlich evangelisch sind, sieht es so aus, als ob der Katholizismus für Sie eine gewisse Anziehungskraft besitzt. Ihre Figuren gehen häufig in katholische Kirchen, und einige scheinen es zu bedauern, dass man in den evangelischen nicht so leicht einen Beichtvater finden kann. Ist die Beichte etwas, das Ihnen im Protestantismus fehlt? Also mir persönlich nicht, denn ich könnte mir nicht vorstellen, dass mir das gut tun würde. Was ich aber beneidenswert finde bei den Katholiken, bei den wirklich fest gläubigen Katholiken, ist, dass sie dieses In-sich-Ruhende haben und dass sie sich nach der Beichte sicherlich erleichtert fühlen, erlöst, wie nach einem Vollbad - jetzt kann ich wieder eine Weile unbeschwert leben. Als hätte man sein Gewissen wirklich durch das Gebet, durch das Sprechen erleichtert. Aber ich glaube nicht, dass ich diese Naivität aufbrächte. Überhaupt nicht. Wenn mir katholische Kirchen besser gefallen als evangelische, liegt es einfach daran, dass sie viel mehr Stimmung hergeben, einen in eine andere Welt versetzen, gefüllter, reicher sind. Das Kahle gefällt mir auch ganz gut, aber das ist dann richtig für den Sonntagsgottesdienst. Ihre Figuren sind ziemlich kritisch gegenüber Menschen, die versuchen, die Bibel auf eine bestimmte Art und Weise zu interpretieren, die zum Beispiel aus der Bibel eine Art soziale Botschaft machen. Was halten Sie von Menschen wie Uta Ranke-Heinemann, die sehr persönliche Positionen zum Evangelium bezogen hat, und von Eugen Drewermann?Beide missfallen mir eigentlich. Der Drewermann säuselt mir zu viel. Er bringt alles auf die Erde runter. Das habe ich nicht so gern. Das ist so weich und verschwommen. Ich kann überhaupt nichts damit anfangen. Ich hätte keine Lust, ein Buch von ihm zu lesen. Ich kenne ihn nur von Fernsehauftritten und vom Flair, das er um sich verbreitet. Und die andere, die ist so wild und schießt übers Ziel hinaus. Was hat sie nur eigentlich? Dauernd schimpft sie, und ich weiß nicht recht, warum. Man weiß nicht, ob nicht irgendwelche feministischen Absichten mit dabei sind. Und feministische Theologie, das finde ich ganz und gar entsetzlich! Absolut schrecklich. Ich kenne mich nicht gut aus, muss ich allerdings sagen. Ich habe auch nicht die Absicht, mich gründlich mit den Feministinnen und ihrer Theologieauffassung zu beschäftigen. Es genügt mir schon, wenn ich weiß, dass es der Gott und der Jesus Christus heißt und dass sie aus alldem Weiber machen wollen. Das ist so unmöglich, einfach lächerlich. Also nein, mit den beiden kann ich nichts anfangen!Was für eine Beziehung hatten Sie zur feministischen Bewegung?Sie wollen nichts von mir wissen und ich nichts von ihnen.Wurden Sie von Feministinnen angegriffen?Ich weiß über andere, dass Alice Schwarzer sich da und dort abfällig geäußert hat, ich würde männerfreundlich schreiben und nicht frauenfreundlich, und was weiß ich! Das tangiert mich wirklich nicht. Ich habe nie Emanzipationsprobleme gehabt. Als Kind war ich selbstbewusst genug. Das liegt sicher an ermutigenden Eltern, die nicht gesagt haben: Du bist bloß ein Mädchen. Du kannst nichts! Man muss von sich aus Selbstvertrauen haben. Es klappt sowieso nicht, wenn jemand sagt: Sei doch stolz, dass du eine Frau bist! Stolz ist sowieso Quatsch!Das wäre also vielleicht ein Unterschied zwischen Ihrem Werk und dem von Ingeborg Bachmann. Ingeborg Bachmann zeigt immer wieder die Frau als Opfer, bei Ihnen ist das differenzierter.Männer können auch Opfer sein.Und bei Ihnen können Frauen ganz schön pervers sein.Oh ja! Ja!Wenn Sie das Etikett "christliche Autorin" ablehnen, mit welchem deutschen Schriftsteller der Gegenwart fühlen Sie sich dann von der Sensibilität her verbunden?Ich habe schon gesagt, dass ich mich nicht gut genug mit meinen Kollegen beschäftige. Warum, das weiß ich auch nicht. Vielleicht ist es natürliche Abwehr gegen Konkurrenz, Neid. Na also, ich habe da gar keine Nähe-Empfindung zu irgendwem. Ich finde eigentlich eher, dass auch meine Art von Humor - das sagte mir auch mal eine Freundin, eine Anglistin, - ins Angelsächsische passt und eigentlich überhaupt nicht deutsch ist. Darüber bin ich beinahe auch froh.Mir fällt da David Lodge ein. Er spottet gern über die Schrullen von Akademikern. Das findet man auch bei Ihnen.Jaja, wunderbar.Marcel Reich-Ranicki war einer der ersten, die Ihr Werk gelobt haben. Vermissen Sie sein Literarisches Quartett?Nein. Absolut nicht. Ich habe bei mir festgestellt, dass das die niedrigsten Instinkte weckt, weil ein Verriss einen plötzlich doch schadenfreudig amüsiert, und das ist natürlich nicht schön. Man müsste dauernd denken: der Arme! oder die Arme!, die da jetzt dermaßen seziert oder exekutiert wird. Selbst dem alten Dürrenmatt ist es noch passiert! Dämonisiert haben sie sein Buch. Das war eine Exekution. Das passiert Menschen in diesem Beruf bis an ihr Lebensende.Aber Sie persönlich hatten nie besondere Probleme mit der Kritik, oder?Es gab schon auch schlechte Kritiken. Es ist vielleicht auch ganz gut, wenn nicht alles gelobt wird. In Ihren Romanen erwähnen Sie einige Trostquellen wie die Musik und auch die Literatur, aber ziemlich selten die Malerei.Ach ja? Eigentlich ein Versäumnis, denn die ist auch eine Trostquelle.Welche Maler gefallen Ihnen besonders?Hopper ist mir weniger ein Trostmaler als ein mich neugierig machender Künstler. Ich sehe auch gewisse Ähnlichkeiten in der Auffassung. So wie er das Trostlose, das Öde zeigt, so ähnlich möchte ich es auch machen. Tröstlich sind für mich dann schöne impressionistische Dinge. Aber Trost hat viele verschieden gefärbte Konnotationen: Ruhe, Befriedigung, Freude, Glücksgefühl. Hopper, das ist aber auch Amerika, das ferne Amerika, das mich da immer wieder anzieht. Das ist ja die Amerika-Affinität von diesen Kindheits- und Jugenderlebnissen her. Dass sie uns von den Nazis befreit haben. Deswegen bin ich ihnen nie böse. Deswegen interessiert mich alles Amerikanische. Wenn ich dort im Land bin, ärgert mich natürlich auch vieles, an der amerikanischen Unterhaltung sowieso und manches andere. Aber insgesamt finde ich es interessant. Auf die Frage nach den militärischen Leistungen, die Sie am meisten bewundern, haben Sie einmal geantwortet "die Alliiertenbefreiung von den Nazis". Mit welchem Blick verfolgen Sie die Tendenzen eines neuerwachten Nationalismus oder gar Nazismus in Deutschland?Mit bösem, mit bitter-bösem Blick. Ich kann das nicht ausstehen. Man kann doch nicht gleichzeitig jetzt von Europa reden und dann wiederum so nationalistisch. dieses Gefühl ist mir so fremd! Wenn ich im Ausland bin, merke ich manchmal, dass bei uns irgendetwas auch ganz gut ist, aber zur Zeit missfällt mir bei uns beinahe alles.Glauben Sie, dass es mit dieser Bewegung weitergehen wird, oder ist das für Sie eher eine Modeerscheinung?Die Schwierigkeit, die NPD nun endlich zu verbieten, ist ja im Grunde auch was Makabres und Groteskes. Vor allen Dingen für Leute wie mich, die Alten, die die Nazis erlebt haben. Deswegen ist das Lebensgefühl derer, die da über Amerika rummäkeln, völlig anders als meines, weil sie gar nicht erlebt haben, wie der Krieg war, wie die Nazis waren und wie grauenhaft es war. Ihr Franzosen seid ja auch etwas zurückhaltend geworden auf dem Gebiet Amerika, alliiert zu sein und so weiter. Europäer sagen überhaupt nichts. Außer den Briten. Die muss man ausnehmen.Ich glaube, die Franzosen sind nie sehr zuverlässig.Nein? Oh, dass ich ein bisschen französisch bin, wissen Sie ja wahrscheinlich. Ich stamme väterlicherseits von den Waldensern ab. Damit habe ich wagemutig in der Nazizeit geprahlt. Die Lehrer haben meinen Namen "Guyot" grundsätzlich deutsch ausgesprochen. "Gujott!" sagten die. Die Gujott-Mädels - meine Schwester und ich - haben wieder den Arm nicht gehoben! Schrecklich. Furchtbare Erinnerungen. Wenn man diese Erinnerungen hat, dann jetzt diese Idioten zu sehen, die eigentlich überhaupt kein Hirn haben . Wie die auf die Nazis kommen, weiß ich gar nicht.Sie erwähnten das Ausland. Reisen Sie noch viel?Nein. Reisen ist ja auch so eine Sache gegen die Langeweile. Immer wieder wollen die Leute reisen, reisen und was sehen. Es interessiert sie einfach alles oder vieles. Doch so spannend ist das Leben nicht.Sie bleiben also lieber zu Hause?Ja. Immer mehr. Immer lieber zu Hause. Ich bin sehr froh, dass ich gereist bin, und in der Theorie würde ich sofort wieder reisen wollen. In der Theorie finde ich vieles sehr interessant. Kaum stelle ich mir aber die Praxis vor, vergeht es mir wieder. Trotzdem habe ich im Kalender ganz gern so ein paar Daten, Lesungsdaten und ähnliches, wo ich weiter nichts Interessantes erlebe, aber ich steige in den Zug, ich will ganz unbedingt einen guten Platz haben, ich will meine Ruhe haben, ich will lesen . Dass mein Hotel gut ist, finde ich interessant, wie viele Kopfkissen ich habe .Ihre Figuren reisen gern nach Holland. Und was ist mit dem Süden? Sind Sie selber vielleicht lieber in sonnige Länder gereist?Sonnige Länder interessieren mich nicht. Aber gar nicht! Deswegen lieber Holland. Ich würde nie irgendwo an so einen Strand wollen. In Italien war ich ein Jahr, in Rom. Da ist es mir im Hochsommer auch zu heiß gewesen. Irgendwie reagiert meine Zirbeldrüse darauf. Meine Zirbeldrüse ist pervers. Sie wissen, dass die Menschen wie die Vögel auf die Sonne reagieren, wegen der Zirbeldrüse irgendwo im Kopf. Deswegen werden sie fröhlich, wenn sie nur das Sonnenlicht sehen. Die Sonne! Darüber wird bei jedem Wetterbericht geschwafelt. Die Sonne hat eine Chance! Wenn ich das schon höre! Und Sonne, Sonne pur! Da empfinde ich Schaudern. Das macht mir Lebensangst. Dann fühle ich mich ausgenommen von der übrigen Menschheit. Ich bin nicht so scharf auf die Sonne wie andere Leute.Bei Ihnen kommen sehr viele eingebildete Kranke vor. Ist diese Hypochondrie etwas, was Sie bei anderen oder an sich selbst beobachtet haben?Ich finde schon, dass es zu denken gibt, wie abhängig wir vom Körper sind. Wie uns körperliche Gebrechen zu schaffen machen und allein die Möglichkeiten, krank zu sein. Medizinisch hat mich das schon als Kind interessiert. Es ist einfach eine furchtbare Last, eine Plage, den Körper, wenn irgendetwas nicht mehr funktioniert oder vorübergehend nicht funktioniert wie es soll, zu empfinden. Der Geist ist gestört, alles ist durcheinander durch den blödsinnigen Körper. Natürlich kann ich mich sehr gut in eingebildete Kranke hineinversetzen. Ich aber bin eher schluderig im Umgang mit meiner Gesundheit, siehe Gauloises und so weiter.Haben Sie keine Angst vor Krebs?Doch, aber jeder meint, er kommt irgendwie so weg. Ist auch keine Zwangsläufigkeit. Ich tarne meine Willensschwäche.Frau Wohmann, was wünschen Sie sich zum 70. Geburtstag?Was ich mir nicht wünsche, ist körperlicher Abstieg, aber das ist banal. Früher habe ich mich immer mokiert über Geburtstagswünsche wie "Bleib schön gesund". Das fand ich geistlos, aber mittlerweile weiß ich, dass es wirklich eine Art Basis ist. Spätestens seit der Krankheit meiner Schwester weiß ich, dass es die Basis ist, um überhaupt zu denken, irgendetwas zu wollen, im Sinn zu haben. Aber ich finde es äußerst wichtig, über dieses Leben hinauszudenken! Unbedingt zu wissen, das hier kann nicht alles sein.Trotzdem hat man beim Lesen Ihrer letzten Bücher den Eindruck, als hätte der Tod an Schrecken nichts verloren.Jaja, das ärgert mich, das ist eine furchtbare Paradoxie, dass man einerseits wirklich glaubt, weil man es dringend will und muss und braucht. Aber dennoch ist da diese - na ja, es ist einfach eine kreatürliche Angst. Es ist ja eher die Angst vor der Art und Weise, wie man stirbt. Jeder - es ist banal - möchte gern im Schlaf oder ganz schnell sterben, ohne es zu merken. Allerdings hat Kierkegaard mal gesagt, er will längere Bedenkzeit haben - aber das war vielleicht auch Theorie.Das Gespräch führte Benoît Pivert.Benoît Pivert ist Privatdozent an der Universität Paris XI. 1999 veröffentlichte er eine das Gesamtwerk von Gabriele Wohmann umfassende Studie.Gabriele Wohmann // AM 21. MAI 1932 wurde sie in Darmstadt als drittes von vier Kindern des Pfarrerehepaars Guyot geboren.NACH STUDIEN DER GERMANISTIK, Romanistik, Anglistik, Philosophie und Musikwissenschaften war sie in Langeoog als Internatslehrerin tätig, gab Sprachunterricht an der Volkshochschule Darmstadt und an einer Handelsschule.IHRE ERSTE ERZÄHLUNG, "Ein unwiderstehlicher Mann", kam 1957 heraus, seither publizierte sie mehr als achtzig Werke, darunter Erzählbände, Romane, Gedichtsammlungen, Fernseh- und Hörspiele und Essays . 2001 veröffentlichte sie als vorläufig letzte Arbeit "Abschied von der Schwester".ZWISCHEN 1960 UND 1967 nahm Gabriele Wohmann an den Tagungen der legendären Gruppe 47 teil.MIT VIELEN LITERATURPREISEN ausgezeichnet, zählt sie zu den erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit. Gabriele Wohmann ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt.Genau betrachtet kann man sagen, dass im Grunde alles langweilig ist. Man hat eine Weile gelebt, und jetzt kennt man das - aber dazu darf es nicht kommen.Ich lese nicht besonders viel, kümmere mich nicht besonders um die deutschsprachigen Kollegen. Warum, das weiß ich auch nicht. Vielleicht ist es natürliche Abwehr gegen Konkurrenz, Neid.ANDREAS REEG