Was spielt sich hier eigentlich ab? Seltsame Wesen mit hohlen Schädeln - Munchs "Schrei" lässt grüßen - stehen vor einer Art Turnstange, auf der irgendein Federtier sich den Rücken verbiegt. Alles verschwimmt in düsterer Farbmasse. Das Bild, jetzt eines der großen Schaustücke bei Barbara Thumm, heißt "The Art of Watching Birds" (Die Kunst des Vogel-Beobachtens), aber so richtig hilft uns der Titel auch nicht weiter. Eine typische Szene von Valérie Favre, irgendwo in einem Niemandsland angesiedelt, die Figuren eher an der Oberfläche angelegt als mit individuellem Tiefgang.Favres Bilder lassen szenische Momente aufblitzen; sie wirken wie eingefrorene Filmstills, befinden sich zugleich aber in ständiger vibrierender Bewegung. Das fällt überhaupt immer wieder auf und trägt zum Reiz dieser Malerei entscheidend bei: der unbestimmte Zustand, dieser unstete expressive Pinselstrich, der alles schwammig und fließend macht, wie unter Salzsäure auflöst, am Ende das Ganze aber doch zusammenhält. Selbst wenn man gar nicht auf den Inhalt achtet, sondern sich einfach in die dichten, mal brodelnden, mal träge wie ein giftiger Sumpf dahinfließenden Farbflächen vertieft, bietet das einen großen Kunstgenuss.Das Zerfressene, Aufgelöste, das nicht Greifbare ist bei Favre nicht nur Ästhetik, sondern auch Thema. Sie gibt uns motivische und stilistische Anhaltspunkte, doch am Ende bleibt alles ahnungsvoll, mehr Andeutung als konkreter Verweis.Ihre Malerei habe keine Botschaft, betont Favre gerne und wird doch selbst am besten wissen, dass man gerade in ihren motivreichen Bildern besonders intensiv danach sucht. Seit Jahren etwa schickt sie ihre "Lapines" - die Häsinnen, die zugleich auf ein französisches Slang-Wort "la pine" für Penis anspielen - über die Bilderbühnen: Ein surreales, erträumtes Treiben, voll von artistischen Verrenkungen, merkwürdigen Requisiten, kunsthistorischen und psychoanalytischen Andeutungen. Oder die Serie der "Autos in der Nacht" - ort- und zeitlose Arrangements, entrückte Szenen irgendwo zwischen deutschem Wald und Science-Fiction-Stadt.Favre lässt Bewusstseinsströme aus inneren Visionen auf die Leinwand fließen, Vorzeichnungen gibt es bei ihr nicht. Auch wenn die Gemälde mit ihrem gestischen Stil nicht so aussehen, arbeitet Favre nicht selten zwei bis drei Jahre an ihnen. Mit lustvollem Kalkül legt sie es darauf an, den Betrachter zu verwirren, sein inneres Auge zu aktivieren.Galeristin Barbara Thumm zeigt nun die neuesten Resultate aus Favres Seelenzirkus. In Berlin gehört die 51-Jährige längst zum inneren Zirkel der Künstlerprominenz. Sie wurde in der französischen Schweiz geboren und ging blutjung nach Paris, um Theater zu spielen. Auch im Film war sie aktiv, ehe sie sich auf die bildende Kunst konzentrierte. Seit 1998 lebt Favre in Berlin. Ein konsequenter Schritt, denn die gegenständliche Kunst hat es in Frankreich schwer. In Deutschland dagegen gibt es Richter und Polke, Baselitz und Immendorff, seit den Sechzigern eine neue Figuration, wie sie in Paris nach dem Krieg nie mehr heimisch wurde. Gewiss ein Einfluss für Favre waren auch Neo Rauch und die jungen Leipziger, ansonsten schweift sie unbefangen durch die Kunstgeschichte zwischen Watteau und Munch. An Monets Seerosen denkt man vor einem breiten, grün-gelb flirrenden Weide-Panorama, das Favre nach der Schluss-Szene eines John-Huston-Films anlegte.Konsequent arbeitet Favre in Serien. So imaginierte sie auf über 70 kleinen Tafeln ebenso viele Arten, sich das Leben zu nehmen. In der Ausstellung paraphrasiert sie berühmte Suizid-Fälle von Romeo und Julia bis Ulrike Meinhof. Die schmalen Bildstreifen der "Shorts Cuts" beziehen sich natürlich auf Robert Altmans berühmten Film, abgewandelt in Favre-Manier: Auch hier sind es burleske Versatzstücke aus ihrem Welttheater, über deren Sinn man lange grübelt. Aber man kann es auch lassen und hat trotzdem seine Freude an dieser Malerei.-----------------------Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstraße 68 (Kreuzberg) . Bis 21. April, Di-Sa 11-18 Uhr.------------------------------Mit lustvollem Kalkül aktiviert Valérie Favre das innere Auge des Betrachters.------------------------------Foto: Ein Bildertraum, an dem Doktor Freud eine Nuss zu knacken hätte. Valérie Favre jedenfalls liefert keine Erklärungen mit: "Die Antwort der Zwerge", 2010/11.