Der Westen hat noch immer keine Strategie gegen den „Islamischer Staat“ (IS). Er realisiert nicht, dass seine Kriege gegen die muslimische Welt den IS erst gezüchtet haben. Der Islam ist nicht Ursache des Terrorismus im Mittleren Osten. Er ist nur Maske. Wenn der Westen die Volksrepublik China während der letzten 14 Jahre mit denselben barbarischen Kriegen überzogen hätte wie den Mittleren Osten, hätten wir heute in China ähnliche Terror-Probleme.

Terror-Ursachen beseitigen

1.) Die Gründung der Vorgänger-Organisation des „Islamischen Staats“ 2003 durch Al Zarkawi war die Antwort extremistischer Fanatiker auf 200 Jahre Unterdrückung und Erniedrigung, die im US-Bombenterror des Irakkrieges ihren dramatischen Höhepunkt fanden. Zarkawis terroristische Antwort war zwar rechtswidrig und unmoralisch. Das Recht auf Widerstand ist schließlich kein Freibrief für Terrorismus und für die Ermordung Unschuldiger. Und auch nicht für die Errichtung mittelalterlicher Staatsstrukturen, die die überwältigende Mehrheit der Muslime nicht will.

Aber keiner der Kämpfer Al Zarkawis war als Terrorist zur Welt gekommen. Unsere Kriege haben sie dazu gemacht. Das Terror-Monstrum IS ist Bushs Baby. Vor dessen Antiterror-Kriegen gab es ein paar 100 internationale Terroristen im Hindukusch, heute sind es weltweit über 100.000.

2.) Eine weitere Terror-Ursache ist die Behandlung der Muslime des Westens als Menschen zweiter Klasse. Unsere Innenminister sollten aufhören, unsere muslimischen Mitbürger unter terroristischen Generalverdacht zu stellen. 99,99 Prozent der deutschen Muslime lehnen den IS entschieden ab. Sie sind unsere wichtigsten Verbündeten.

Seit 1990 wurde kein einziger Deutscher in Deutschland durch muslimische Terroristen getötet. Aber bis 2013 mindestens 184 Menschen durch deutsche Rechtsradikale, darunter 29 Muslime und zumindest ein jüdischer Mitbürger. Der Rechtsradikalismus ist ein Feind unserer Gesellschaft, der Islam nicht. Selbst in den USA wurden seit 9/11 fast doppelt soviel Menschen von Rechtsradikalen getötet (48), wie von sogenannten islamistischen Tätern (26). Trotzdem hat noch nie ein deutscher Innenminister „Rechtsradikalen-Alarm“ ausgerufen. Anti-muslimischer Terror-Alarmismus ist populärer. Obwohl er sich in Deutschland fast immer als Fehlalarm herausstellte.

Und noch zwei Zahlen, die nachdenklich stimmen sollten: Al Qaida und die aus ihm entstandene Terror-Missgeburt IS morden vor allem im Mittleren Osten. Zigtausende. Auf widerliche Weise. Auch im Westen töteten sie 3 500 unschuldige Menschen. Dafür darf es nie eine Entschuldigung geben. Der völkerrechtswidrige Irakkrieg der USA tötete jedoch laut „Ärzte gegen den Atomkrieg“ über 1 Million Iraker. Sie litten genauso wie die Terroropfer in westlichen Ländern. Im selbstgerechten Westen interessiert das kaum jemanden.

Terrorismus besser bekämpfen

3.) Wir müssen dem IS die islamische Maske vom Gesicht reißen, die ihm zur Zeit den Nachschub aus extremistisch-salafistischen Kreisen sichert. Ideologien kann man nicht erschießen, man muss sie widerlegen. Das ist beim IS nicht schwer.

Der Islam verbietet konsequent Angriffskriege, die Tötung Unschuldiger, die Zerstörung religiöser Stätten und jeden Zwang im Glauben. Genau das aber praktiziert der IS jeden Tag. Der IS handelt anti-islamisch. Außerdem tötet er mehrheitlich Muslime. Der Islam ist erkennbar nur Maske der religiös degenerierten Führungsclique des IS.

4.) Nur die sunnitischen Iraker können den IS besiegen. Konventionelle Armeen des Westens haben gegen die Guerilla-Armee des IS keine Chance. Der Westen unterschätzt die Stärke der fanatisierten und dennoch militärisch disziplinierten Kämpfer des IS nach wie vor. Die gemäßigte sunnitische Bevölkerung des Irak hingegen könnte dem IS ein schnelles Ende bereiten, indem sie ihm, wie 2007, ihre Unterstützung entzieht.

Zur Zeit können sich die IS-Kämpfer noch in den sunnitischen Bevölkerungsmassen des Irak bewegen wie Fische im Wasser. Die irakischen Sunniten betrachten die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad als Feind, der sie 2003 aus dem politischen Leben des Irak ausschloss. Im IS sehen sie den Feind ihres Feindes. Also tolerieren sie ihn. Die Tolerierung des IS werden sie erst aufgeben, wenn sie wieder gleichberechtigte Mitglieder der irakischen Gesellschaft und des inneren Zirkels der Entscheidungen im Irak werden. Wenn es im Irak zu einer echten Aussöhnung zwischen Sunniten und Schiiten kommt.

Auch Syrien braucht eine nationale Aussöhnung, bei der alle Bevölkerungsgruppen tiefgreifende Zugeständnisse machen müssen. Auch Assad. Darauf sollte der Westen drängen, statt mit Hilfe von Terroristen die Spaltung und Zerstörung Syriens zu betreiben.

Die USA hingegen scheinen neben einer Spaltung Syriens nun auch bereit zu sein, eine Spaltung des Irak in einen kurdischen, einen schiitischen und einen sunnitischen Staat hinzunehmen. US-Verteidigungsminister Ashton Carter hat die Idee eines irakischen Einheitsstaats vor kurzem öffentlich aufgegeben. Dass ein sunnitisch-irakischer Staat am Ende möglicherweise vom IS geführt würde, interessiert ihn offenbar wenig. Wir sollten das nicht hinnehmen.

5.) Gegenüber deutschen „Dschihadisten“ müssen wir verstärkt die klassischen Methoden der Terrorbekämpfung anwenden – Überwachung, Unterwanderung, Bekämpfung des Rekrutierungs-Netzwerks.

Staunend habe ich auf meiner Reise in den „Islamischen Staat“, festgestellt, wie unbewacht die bekannten türkischen Grenzpfade in den „Islamischen-Staat“ sind. Warum patrouillieren dort nicht ständig verdeckt westliche Antiterror-Spezialisten mit ihren türkischen Kollegen? Warum gibt es keine internationalen Antiterror-Polizisten am grenznahen türkischen Flughafen Gaziantep – wo ständig westliche IS-Fans landen? Oder an den Bus-Endbahnhöfen in Istanbul, wo – auf dem Weg über Athen – viele Möchtegern-Kämpfer ankommen und von Schleppern unbehindert empfangen werden?

Warum wird kaum etwas gegen die Radikalisierung junger Muslime in unseren Strafanstalten unternommen, wo militante Salafisten sie mit extremistischer Literatur versorgen? Warum kennen Lehrer und Sozialarbeiter nicht einmal das kleine Einmaleins des Islam und des anti-islamischen IS? Selbst bei bescheidensten Grundkenntnissen wäre es leicht, ihren muslimischen Schützlingen zu erklären, dass Islam und IS nichts miteinander zu tun haben.

Erschreckenden Dilettantismus zeigt auch die Behandlung der „Rückkehrer“ aus dem „Islamischen Staat“. Angeblich sind sie „tickende Zeitbomben“. Die meisten Rückkehrer aus dem „Islamischen Staat“ sind jedoch Aussteiger, Fahnenflüchtige, die der IS, wenn er sie abfangen kann, hinrichtet. Wir sollten uns über desillusionierte Aussteiger – soweit sie kein Blut an den Händen haben – freuen. Wir sollten sie zu Verbündeten machen. Sie könnten uns wertvolle Informationen geben. Dass sie überwacht werden, versteht sich von selbst. Wenn alle ausländischen Terroristen aussteigen würden, wäre eine zentrale Schlacht gegen den IS-Terror gewonnen. Viel gefährlicher als Rückkehrer sind westliche IS-Anhänger, die kurz vor der Ausreise stehen oder aus irgendwelchen Gründen nicht ausreisen können.

Niemand kann für die Zukunft Anschläge in Deutschland völlig ausschließen. Doch die Gefahr durch rechtsradikalen Terror getötet zu werden, ist in Deutschland erheblich größer, als von muslimischen Extremisten getötet zu werden. Siehe die NSU-Morde (10 Tote), Solingen (5) oder Mölln (3).

Eine kluge Anti-IS-Strategie beruht daher auf fünf Säulen:

1.) Fairness gegenüber der muslimischen Welt statt Krieg und Ausbeutung.

2.) Respekt gegenüber unseren muslimischen Mitbürgern statt Diskriminierung.

3.) Enttarnung des IS als anti-islamische Mörderbande, für die der Islam nur Maske ist.

4.) Unterstützung der Wieder-Eingliederung der diskriminierten Sunniten ins politische Leben des Irak.

5.) Bekämpfung der weitgehend unbehinderten Rekrutierungs-Maßnahmen des IS.

Ignoranz, Inkompetenz und rassistischer Dünkel gegenüber Muslimen führen uns immer tiefer in den Sumpf des Terrors hinein. Das Problem beginnt unlösbar zu werden. Selbst das haben unsere Anti-Terrorkrieger noch nicht bemerkt.