Auf den ersten Blick erzählt Alexander Ostrowskis 1883 entstandene Komödie "Ohne Schuld schuldig" eine ziemlich rührselige Geschichte. Ein verarmtes adliges Mädchen wird von ihrem Geliebten verlassen, und zu allem Unglück wird auch noch ihr gemeinsames Kind für tot erklärt. Sie flieht aus Ihrer Heimatstadt, geht zum Theater und wird eine verehrte Provinzschauspielerin. Eine Gastspielreise führt sie siebzehn Jahre später an den Ort ihrer Jugend zurück. In au den Jahren hat sie niemals die Hoffnung aufgegeben, daß ihr Sohn doch noch lebt. Und tatsächlich erweist sich ein junger, ungebärdiger Schauspieler der Truppe "Nesmanow" -- zu deutsch: "Unbekannt" -- als ihr totgeglaubter Sohn. Happy-End.Pjotr Fomenkos Inszenierung liefert mehr als nur ein melodramatisches Rührstück. Sie blickt mit Liebe und Grimm hinter die schäbige Kulisse bitter-süßen Schauspielerdasems in tiefster russischer Provinz. Die Bühnen-Komödie wird zum Spiegel unergründlicher und verzweigter Lebens-Komödien. Ostrowskis Mi-Ileudarsteilung und treffliche Figurencharakterisierung verbinden sich mit Fomenkos phantasievoller und vitaler Theatralität zu einer turbulenten und komödiantischen Aufführung, durchwirkt von tiefer Melancholie, ironischer Brechungen und mit hinreißender Musikalität.Hinter all den genußvoll vorgeführten Intrigen, dem Neid und der Mißgunst, den Sünden und Schwächen, den Schmerzen und Freuden dieser schauspielernden Lebenskünstler schimmert das Bekenntnls zu menschlicher Wurde und zur Schönheit der Kunst hervor. In Fomenkos Liebe zu den Schauspielern und zum Theater äußert sich sein ungebrochener Glaube an den Menschen, aller seiner Schwächen und Zerrissenheiten, Bitternisse und Widrigkeiten des Lebens zum Trotz. Gemeinsam mit seinem vorzüglichen Darstellerensemble, das all die rührenden und grausamen, komischen und tragischen Verwobenheiten der Ostrowsklschen Figuren sinnlich lebendig werden läßt, behauptet er das Theater in unserer Welt als Enklave unerschütterlicher und mutmachender Lebenshoffnung.In dieser Haltung steckt sicher viel Idealisches und auch Illusionäres. Doch sie verleiht dem Theater auch die schon fast verlorengeglaubte Würde. Für das traditionsbewußte Moskauer Wachtangow-Theater, das 1972 mit der legendären Aufführung von "Prinzessin Turandot" erstmals in Berlin gastierte, gab es auch diesmal in den Kammerspielen viel Beifall. Klaus BaschlebenJulija Borissowa, Viktor Sosulim und Ljudmila Maksakowa vom Moskauer Wachtangow-Theater in "Ohne Schuld schuldig",.