Sderot - Die Straßen sind menschenleer in Sderot, der israelischen Negev-Stadt, die am längsten und häufigsten Raketenbeschuss aus Gaza ausgesetzt ist. Auf dem Kobi-Hügel am Ortsrand, hocken Maor Barami und ein paar Kollegen aus der Kunststofffabrik auf Plastikhockern, ausgerüstet mit Zigaretten, Softdrinks und Feldstechern, um Krieg zu gucken. Dieser Krieg ist nur zwei Kilometer Luftlinie entfernt, die Distanz zwischen Sderot und dem nördlichen Gazastreifen. „Wir kommen fast jeden Tag her“, sagt Barami. „Was sollen wir sonst tun? In Sderot hat wegen der Raketen nichts mehr offen.“

Am Horizont steigen dunkle Rauchsäulen auf, dumpfe Schläge grollen herüber. Sie stammen von schwerem Artilleriefeuer in Schajaija, einem Viertel von Gaza-City, wo nach palästinensischen Angaben am Sonntagvormittag etwa sechzig Menschen ums Leben gekommen sein sollen, darunter 17 Kinder und 14 Frauen. Wegen dieser Berichte stimmte Israel am Mittag auf Bitten des Roten Kreuzes einer dreistündigen humanitären Waffenpause zu, um Gelegenheit zu geben, die Opfer zu bergen. Sie kam nicht zustande, erst am Nachmittag wurde eine einstündige Feuerpause gewährt.

Maor sagt, dass sie sich nicht über die Leiden auf der anderen Seite freuten. Aber dafür sei nicht Israel, sondern die Hamas verantwortlich, die sich hinter Zivilisten verstecke. „Seit 14 Jahren rennen wir mit unseren Kindern wegen der Gaza-Raketen immer wieder in die Schutzräume“, wirbt der Israeli um Verständnis. Er glaube zwar nicht, dass die jetzige Bodenoffensive eine Lösung bringe. Die werde es höchstens geben, sagt Maor, „wenn unsere Truppen in Gaza bleiben, bis es dort eine bessere palästinensische Führung gibt“. Er hoffe dabei auf den palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas. Er sei der Einzige, der mit allen Konfliktparteien und Vermittlern über eine Waffenruhe spricht. Am Sonntag hatte Abbas in Katar Hamas-Exilchef Khaled Meschal getroffen. Die Islamisten setzen auf den ihnen wohl gesonnenen Golfstaat sowie die Türkei als Gegengewicht zu Kairo bei der Suche nach einer Waffenstillstandsformel. Israel, die USA und Abbas ziehen die ägyptische Initiative vor, die die moderaten Palästinenser gegenüber den Islamisten stärken soll.

Erdogan spricht von Gräueltaten

Eine Deeskalation ist nicht in Sicht. „Die Offensive wird ausgedehnt, bis wieder Ruhe herrscht“, betonte Israels rechter Wirtschaftsminister Bennett. Der Hamas werde ein schwerer Schlag verpasst.
Am Sonntag starben nach Angaben der israelischen Armee 13 israelische Soldaten. Hamas-Kämpfer sagten, sie hätten sie in einem Hinterhalt überfallen und Sprengsätze um ihre Fahrzeuge gezündet. Andere Islamisten erklärten, sie hätten die Soldaten in einem Haus in Gaza angegriffen. Seit Beginn der Bodenoffensive waren bereits zuvor fünf Soldaten ums Lebens gekommen. Die Militärführung rechnet mit wachsenden Verlusten und hat am Sonntag am Gaza-Grenzübergang Eres ein Feldlazarett eingerichtet.

Zwei israelische Zivilisten starben durch den Raketenbeschuss, darunter ein Beduine aus einem der Negev-Dörfer. Die Armee spricht dennoch von einer Erfolgsbilanz. Mehr als vierzig „Angriffstunnel“ seien entdeckt und darin angeblich Betäubungsmittel, Sprengstoffe und Waffen gefunden worden.

Bei israelischen Angriffen in dicht besiedelten Wohngebieten in Gaza sind am Sonntag mindestens 87 Palästinenser getötet und Hunderte verletzt worden. Augenzeugen in Gaza schildern, das Bombardement in Schujaija habe viele Menschen getroffen, als sie nach Vorwarnungen per SMS aus ihren Häusern auf die Straßen geflüchtet seien. Dutzende Tote lägen auf den Straßen. Drei Viertel der inzwischen über 400 palästinensischen Todesopfer sind laut UN-Angaben aus Gaza Zivilisten. Die in den 44 UNRWA-Schulen in Gaza aufgeschlagenen Notunterkünfte waren schon am Sonnabend mit über 50 000 Kriegsflüchtlingen überfüllt.

Der türkische Premier Erdogan hat Israel derweil Grausamkeiten vorgeworfen, die sogar „Hitler“ überträfen. Die Israelis verfluchten Hitler für den Holocaust, „aber jetzt hat der terroristische Staat Israel mit seinen Gräueltaten in Gaza Hitler übertroffen“, zitierte die Nachrichtenagentur Anadolu aus einer Rede des Politikers in der Stadt Ordu. „Der Ärger und Abscheu der Türkei richtet sich gegen den Unterdrücker Israel, nicht gegen das jüdische Volk“, so Erdogan weiter. (mit dpa)