Künstlerhäuser bieten einen eigenen, fruchtbaren Zweig der Kunstgeschichte. Sie lassen Rückschlüsse zu auf die Arbeitsweise und das Seelenleben ihrer Bewohner und zeigen zugleich vielfältige Bezüge zum Werk. Es ruft also mehr als ein voyeuristisches Interesse hervor, wenn der wohl berühmteste und teuerste deutsche Maler eine ebenso monumentale wie ungewöhnliche Villa errichten läßt. Seit langem beschäftigte sich Gerhard Richter mit der Idealform eines eigenen Hauses. Früh schon schwebte ihm dabei ein griechisches Kreuz vor; ein architektonisches Vorbild für diese Form hat er bislang nicht preisgegeben.Dieser Grundidee zufolge plante und baute ihm Thiess Marwede im Hahnwald, einer Villenkolonie im Kölner Süden, ein kreuzförmige Landhaus. Der junge Kölner Architekt beschreibt eine intensive Zusammenarbeit mit dem Maler, der die Entstehung des Hauses mit vielen Zeichnungen begleitete und sich über jedes Detail unterrichten ließ. Ursprünglich war nur das "Gartenhaus" geplant, das der Maler als Refugium im Grünen und zweites Atelier nutzen wollte. Als Richter vor einigen Jahren erneut heiratete und bald darauf zwei Kinder bekam, wurde das Landhaus zum Hauptwohnsitz, die Malstätte in ein zweites Gebäude zur Straße hin verlagert.Nach der Fertigstellung im Sommer 1996 entfremdete sich Richter zunehmend von der Leistung des Architekten und verweigerte auch der Presse die Veröffentlichung seines Domizils. Wir blieben offenbar die einzigen, die auf Einladung des Architekten die fertiggestellten Gebäude kurz vor dem Bezug besichtigen konnten. Wenig später präsentierte Richter sein neues Haus als Teil des künstlerischen Werks. Er illustrierte die Herbstausgabe 1996 von "Lettre international" mit Fotografien der Architektur, einige davon fanden sich im Sommer letzten Jahres als Teil seines "Atlas" auf der documenta wieder. Die Vereinnahmung des Kreuzhauses als "skulpturales" Kunstwerk ging schließlich so weit, daß Richter seinem Baumeister das Urheberrecht gerichtlich entziehen wollte. Sein Anspruch auf alleinige Autorenschaft wurde schließlich in allen Punkten zurückgewiesen, der Architekt darf nun, ohne Richter zu konsultieren, die Anlage vorstellen.Das "Gartenhaus" ist bedingungslos der Grundidee des griechischen Kreuzes unterworfen, dessen strenge Symmetrie Richter offenbar von Beginn an bewegte. In solcher Konsequenz sucht man nach dieser Form vergeblich in den Handbüchern der Architekturgeschichte. Das verwundert nicht: Bei aller Ausgewogenheit in der Komposition offenbart Richters Haus alle Schwierigkeiten, die das Kreuz für die Disposition eines Wohnhauses ergibt. Mit der Vorgabe, in jedem der Arme nur eine Wohneinheit anzusiedeln, erzielte Richter zwar innen wie außen eine beeindruckend strenge Gesamtwirkung; diese ist jedoch mit deutlichen Einbußen im Raumprogramm erkauft.Obwohl jeder der Kreuzarme beinahe fünfzig Quadratmeter umschreibt (Außenmaße sieben auf sieben Meter), bietet das Haus insgesamt nur fünf Wohnräume. Im Nordflügel zur Straße reicht ein monumentales Vestibül bis unter das teilverglaste Dach; der Hausherr kann hier von einem Innenbalkon aus den Privatgemächern herabschauen. Der Westarm wird ganz von der Küche eingenommen, die in ihrer schloßartigen Dimension in merkwürdigem Gegensatz zu den vergleichsweise bescheidenen Gesellschaftsräumen steht. Allenthalben werden die Herausforderungen offenkundig, die Richters Formvorgabe stellte. Der pedantische Bauherr fand in Marwede einen kongenialen Architekten, der mit souveräner Detailarbeit glänzt, wo die Kreuzform große Lösungen verweigert. Heikel war vor allem die Bewältigung der zentralen Halle. In der beengten zentralen Erschließung liegt ganz offenbar ein Hauptgrund, weshalb selbst Zentralbau-Utopisten wie Palladio oder Schinkel vor dem orthogonalen Kreuz zurückschreckten. Marwede machte hier aus der Not eine Tugend, indem er dem Mittelquadrat wiederum ein schlankes Kreuz in der Breite der Durchgänge einschrieb. Die so entstandenen Durchblicke lenken von der räumlichen Bedrängnis ab und bieten zugleich Raum für einen gläsernen Aufzug, eine spartanisch-elegante Treppe, eine Garderobe sowie ein kleines Bad.Der Außenbau greift mit seinen zweiflügeligen, in tiefe Laibungen gesetzten Fenstertüren auf Traditionen klassischer Landhausarchitektur zurück. Einen horizontalen Kontrapunkt bieten durchlaufende schmale Balkons, die nach dem Vorbild des Charlottenburger Schinkel-Pavillons gestaltet sind. Das gediegene Gepräge der Architektur wird durch die verzinkten Balkonkonstruktionen, die Fenster und Klappläden aus Stahl in ein modernes Idiom übersetzt. Auch das niedrige Walmdach, eine mit Zink überspannte Leistenkonstruktion hinter einer breiten Metalltraufe, unterstreicht den technizistisch-traditionellen Mischcharakter des Hauses, der sich im Inneren mit viel Stahl und einem kühlen Estrichboden wiederfindet.Richters und Marwedes Purismus kulminiert in einem Schwimmbad, das einen kruden Keller aus Sichtbeton ausfüllt und mehr an ein übergelaufenen Heizungskeller erinnert. In seiner konsequenten Formgebung und der pedantischen Suche nach endgültigen Lösungen für alle Details gibt das Haus mehr vom Charakter des Künstlers preis, als diesem wahrscheinlich lieb ist. Wie in seiner Malerei entstand hier eine Monumentalität, die in ihrem detailverliebten Perfektionismus nicht frei von Biederkeit ist.Mehr Grandezza verströmt im Grunde das vierzig Meter breite Atelierhaus, das dem Grundstück einen hermetischen Riegel vorschiebt. Zur Straße ist es nur durch ein gläsernes Mittelportel geöffnet, das eine Blickachse durch beide Gebäude hindurch gewährt. Mit seiner museumsreifen Glasdachkonstruktion erscheint der Malbunker, der neben zwei großen Ateliersälen Platz bietet für weitere Werkräume, das Sekretariat, eine Bibliothek und ein Gästeappartement, bereits wie eine künftige Richter-Stiftung. Das kreuzförmige Wohnhaus gibt vorerst Rätsel auf. Entspringt es reinem Formwillen, oder ist es entgegen Richters Beteuerungen doch nicht frei von Symbolik? Das Beuys-Kreuz kommt in den Sinn, und Richter selbst hat seine Jünger in den vergangenen Jahren mit madonnenartigen Apotheosen der jungen Gattin aufgeschreckt. Jüngst erst schuf er handtellergroße lateinische Kreuze als Auflagenobjekte, in massivem Gold oder poliertem Edelstahl.