Gedanken zum Terrorismus: Was der IS mit dem Holocaust gemeinsam hat

Deutschland stellte im 20. Jahrhundert die effektivsten Terroristen und Massenmörder. Zu Recht wollen heute viele daraus lernen. Aber kann man überhaupt aus den Massenmorden an Juden und Geisteskranken, aus dem Terror der Wehrmachtssoldaten, Polizisten, SS-Männer und Staatsbeamten lernen?

Durchaus. Zwei Dinge, wie ich finde.

Erstens: Wir, die Mitteleuropäer, marschieren nicht an der Spitze der Zivilisation. An den deutschen Verbrechen beteiligten sich Hunderttausende Männer mit christlich vorgeprägten Gewissen und aus allen Schichten der Bevölkerung. Millionen nahmen das Morden beifällig zur Kenntnis. Fast alle führten vorher und nachher ein untadeliges Leben. Empörung herrscht derzeit, dass sich der IS-Terrorist Abaaoud lachend filmen ließ, als er vier Leichen hinter seinem Auto herzog.

Die enthemmende Wucht des Krieges

Ekelhaft, gewiss. Aber Deutsche fertigten von ihren Massenmorden Tausende Schnappschüsse an, schickten sie per Feldpost nach Hause. Himmler musste das Fotografieren verbieten. Was hätten unsere Sieg-Heil-Krieger gesendet, welche Sprüche getwittert, wenn sie Smartphones gehabt hätten?

Was ist das Abaaoud-Video gemessen an der Wannsee-Konferenz? Die dort versammelten 15 Herren, acht davon mit Doktortitel, planten im Januar 1942 den Mord an elf Millionen europäischen Juden und umschrieben ihr Projekt als „tiefgehende Behandlung des Problems“.

Zweitens: Der Antisemitismus war zwar eine notwendige, jedoch keine zureichende Triebkraft für den Holocaust. Die wesentlichen Voraussetzungen schuf die enthemmende Wucht des Krieges. Die zumal im Osten Europas, also in den Hauptsiedlungsgebieten der Juden, generell mörderisch geführten Feldzüge der Deutschen verengten den moralischen Horizont überall, senkten die Hemmschwellen der Gewalt, verstärkten die Hirngespinste von inneren Feinden, steigerten die Gier nach fremdem Eigentum.

Nato-Verbündete provozieren Terror

Erst unter diesen Umständen wurden hartes Freund-Feind-Denken, aus der Not geborene Selbstsucht und abgestumpft-gleichgültiges Schulterzucken übermächtig. Im März 1942 notierte Josef Goebbels über das Morden: „Von den Juden selbst bleibt nicht viel übrig. Gott sei Dank haben wir während des Krieges eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die uns im Frieden verwehrt sind. Die müssen wir ausnützen.“

Den damaligen Krieg hatte allein Deutschland vom Zaun gebrochen. Die jetzigen Bürgerkriege in Syrien, Libyen, Mali, Afghanistan und im Irak sind wesentlich von Nato-Verbündeten mitverursacht oder gefördert worden. Ihr Eingreifen zerstörte gesellschaftliches und staatlich einigermaßen geregeltes Leben – provozierte Terror, unterband ihn nicht. Tun wir nicht so edel, wir sind beteiligt.

Tun wir nicht so edel, wir sind beteiligt

Zudem wurden die kriegerischen Interventionen mit der Überheblichkeit vermeintlich besserer Menschen geführt. Es kann durchaus verbrecherisch sein, andere Menschen mithilfe von Bomben zu Demokratie und Freiheit westlichen Musters zwingen zu wollen.

Daraus müsste man lernen – in Paris, London, Berlin und Washington. Geschichtspessimistisch, wie ich bin, erscheint es mir sehr unwahrscheinlich, dass dies geschieht. Von utopischen Wünschen geleiteter Realitätsverlust und daraus folgendes unmenschliches Handeln sind nichts speziell Islamisches.