Köln - Köln Mit einer bewegenden Rede hat Bundespräsident Joachim Gauck am Pfingstmontag in Köln der Opfer des NSU-Nagelbombenanschlages gedacht. „Wir stehen zusammen, um allen, die von fremdenfeindlicher Gewalt bedroht sind, zu sagen: Ihr seid nicht allein“, sagte er zur Eröffnung der Kundgebung „Birlikte – Zusammenstehen“. Sie war der Höhepunkt eines seit Samstag laufenden Programms zum Gedenken an den Anschlag der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) vor zehn Jahren. Am 9. Juni 2004 war in der überwiegend von Migranten bewohnten Keupstraße in Köln-Mülheim eine Bombe explodiert. 22 Menschen wurden verletzt, einige lebensgefährlich.

Gauck rief zu mehr Zivilcourage gegen Rassismus auf. Er dankte allen, „die für andere einstehen, wo aggressives Verhalten und extremistisches Auftreten sich zeigen“ und betonte mit Blick auf die rechtsextremen Verächter der Demokratie: „Wir schenken denen, die Hass und Gewalt verbreiten, nicht unsere Angst.“ Der Bundespräsident erinnerte an das Leid der Opfer: „Wir denken heute auch daran, wie viele Betroffene sich später allein gelassen oder sogar als Verdächtige behandelt fühlen mussten, wie viel Misstrauen damals gesät wurde.“

Solidarität statt Hass

Die Gedenkfeier „Birlikte“ in Köln mit mehreren zehntausend Besuchern und prominenter Beteiligung habe schon jetzt etwas Großartiges geleistet, lobte Gauck die Veranstalter: „Das Fest beantwortet den Hass der Wenigen mit dem Mitgefühl und der Solidarität der Vielen!“

Auf der Bühne äußerte Verleger Alfred Neven DuMont deutliche Kritik an der europäischen Flüchtlingspolitik: „Lasst Sie rein! Wir verpflichten uns, für sie da zu sein. Was ist mit denen außerhalb der Festung Europa? Auch das sind unsere Brüder und Schwestern“, sagte er. Neven DuMont stellte sich als „Oldie“ vor. Das sei wichtig zu sagen, denn er habe als Kind und Jugendlicher ein „Gefängnis“ erleben müssen. „Das Gefängnis hieß Nationalsozialismus.“ Heute könne man sagen, dass man die Demokratie verinnerlicht und gelernt habe. Doch daraus würden sich neue Verpflichtungen ergeben. „Lasst uns den Gedanken dieses Tages auf morgen und übermorgen weitertragen“, sagte Neven DuMont.

Am Programm beteiligten sich unter anderem Wolfgang Niedecken, die Höhner, Komikerin Carolin Kebekus und Popstar Sertab Erener. Das Programm musste um 20.15 Uhr vor den Auftritten von Udo Lindenberg und Peter Maffay wegen einer Unwetterwarnung abgebrochen werden.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) äußerte sich kritisch über das Behördenversagen bei den Ermittlungen zur NSU-Verbrechensserie. „Ich schäme mich dafür, dass der deutsche Staat es nicht geschafft hat über so viele Jahre, dass unbescholtene Bürger besser geschützt wurden“, sagte Maas auf einer Podiumsdiskussion in Köln.
Der Zentralrat der Muslime forderte eine lückenlose Aufarbeitung der NSU-Mordserie. Es sei begrüßenswert, dass zum Jahrestag ein großer Teil Kölns gegen Rechts aufstehe und sich mit den Opfern solidarisiere, so der Zentralrat. (mit dpa)