SPREMBERG. Ruth Barnasch lässt ihren Blick über den Friedhof auf dem Spremberger Georgenberg schweifen. "Der Platz hier müsste ausreichen", sagt die 77-Jährige. Steinerne Kreuze stehen bisher nur rechts der Lindenallee, die den Friedhof teilt. Die Wiesen links des Weges, nahe des Eingangs, scheinen unberührt. Doch auch dort sind die ersten Fundamente für die Kreuze schon betoniert. Mit etwa 200 Toten, die in nächster Zeit hierher umgebettet werden, rechnet die Sprembergerin. An diesem Sonnabend werden dort 58 Tote beerdigt.Die Menschen, die jetzt auf dem Georgenberg bestattet werden, sind schon seit über 50 Jahren tot. Sie starben im Frühjahr 1945 in der Schlacht im so genannten Kessel von Kausche. Ihre Gebeine finden jetzt die Männer der Munitionsbergungsfirma, die für die Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) die zukünftigen Felder des Tagebaus Welzow-Süd nach Blindgängern absuchen. "Einmal haben wir in einer Woche zehn Tote entdeckt", sagt Reinhard Fuchs von der Laubag. Insgesamt hat das Bergbauunternehmen in den letzten Monaten über 20 Gebeine entdeckt, weitere wurden bei Wald- und Straßenbauarbeiten gefunden. Die Rote Armee umzingelte am 21. April 1945 nahe Kausche etwa 18 000 Deutsche. Es waren zumeist Soldaten der Wehrmacht, des Volkssturms und einer SS-Panzerdivision, aber auch etliche Zivilisten. Tags darauf versuchten die Eingekesselten auszubrechen. In der Schlacht starben 5 000 bis 7 000 von ihnen und etwa 600 russische Soldaten. "Die Wiesen waren übersäht mit Gefallenen und Verwundeten, Soldaten und Zivilisten, Männern und Frauen, ja auch Kindern", schreibt ein Überlebender in einem Artikel. Seit dem 22. April 1945 heißt das Gebiet dort "Todeswiesen".Einige der deutschen Gefallenen liegen noch immer dort. "Die Masse der Toten ist in Bombentrichtern und Schützenlöchern, in Vertiefungen und Straßengräben verscharrt", steht in einem Artikel über den "Feuersturm bei Kausche", den der Spremberger Andreas Kottwitz für das heimatgeschichtliche Jahrbuch verfasst hat. Von den deutschen Gefallenen seien nur wenige auf Friedhöfen bestattet worden. Etwa 2 000 kamen auf Deutschlands größte Kriegsgräberstätte in Halbe (Dahme-Spreewald). "Uns brennt es auf den Nägeln, alle Soldaten zu bergen, bevor der große Bagger kommt", sagt Ruth Barnasch, die die Geschäftsführerin des Spremberger Stadtverbandes des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge ist. Sie sorgte dafür, dass die bis dahin verwahrloste Kriegsgräberstätte auf dem Georgenberg wieder in Schuss gebracht wird. Dorthin sollen die deutschen Toten der Kesselschlacht umgebettet werden. Einige von ihnen liegen schon jetzt dort: beispielsweise die 115 Soldaten, die auf dem Friedhof des umgesiedelten Dorfes Kausche in einem Massengrab bestattet waren. "Wenn die Toten sehr tief liegen oder nichts Metallisches bei sich tragen, dann entgehen sie uns", sagt Ruth Barnasch. Die Sonden des Munitionsbergungsdienstes signalisieren, wenn sie Metall registrieren sie schlagen also nicht nur bei Blindgängern an, sondern auch bei den Erkennungsmarken oder Helmen der Soldaten. Diese Utensilien leitet der Umbetter der Kriegsgräberfürsorge an die Deutsche Dienststelle in Berlin weiter. Sie versucht anhand alter Wehrmachtslisten herauszufinden, welcher Soldat gerade gefunden wurde und ob es Angehörige gibt, die man verständigen könnte.Die Erkennungsmarken und andere Ausrüstungsgegenstände der Soldaten interessieren aber auch Militarier, die Derartiges sammeln. Die Laubag hat auch im Umfeld von Kausche illegale Grabungen festgestellt. Durch Kontrollen und zügige Arbeit versuche sie zu unterbinden, dass die Gräber geplündert werden, sagt Pressesprecher Roger Kohlmann. Das Land hat derartige Grabungen 1993 unter Strafe gestellt. "Nach der Wende gab es hier einen richtigen Boom in Brandenburg. Diese Leuten wusste genau, wo die großen Schlachten waren, wo sie suchen mussten", sagt Fritz Kirchmeier vom Verband Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Seit einigen Jahren aber hätten die Plünderungen "stetig nachgelassen". Ort für Trauer der AngehörigenRuth Barnasch hofft, dass viele Tote samt ihrer Erkennungsmarken gefunden werden. Sie führt darüber Buch, informiert Hinterbliebene, soweit sie ausfindig gemacht wurden, und lädt sie zu Beisetzungen ein. Die 77-Jährige, die zu Kriegszeiten als Kinderkrankenschwester tätig war, hat selbst keine nahen Verwandten im Kessel von Kausche verloren. Gemeinsam mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann, der als Arzt viele Verwundete versorgte, habe sie diese Aufgabe nach der Wende übernommen. Die fast tägliche Konfrontation mit dem Tod machten die kleinen Erfolge erträglich. Wenn sie denjenigen, die Mann, Vater oder Großvater im Krieg verloren, nach über 50 Jahren einen Ort für ihre Trauer geben könne, beispielsweise."Wir wollen alle Soldaten bergen, bevor der Bagger kommt. " Ruth Barnasch, Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge