Die smaragdgrünen Laserstrahlen wirken so plastisch, als könnte man nach ihnen greifen. In gleichförmigen Abständen verlaufen sie vertikal und horizontal, in der Mitte umschließen sie einen quadratischen Raum, gerade so groß, dass man ihn in wenigen Schritten durchkreuzen kann. Die Installation "Cage" des chinesischen Künstlers Li Hui löst unmittelbare Reaktionen aus. Das Gefühl, in ihr gefangen zu sein wie ein Raubtier im Zoo, lässt einen zurückschrecken, auch wenn es nur ein Käfig aus Licht ist, der die Besucher in der Schering-Stiftung umgibt.Laser ist ein besonderes Licht, dressiert könnte man es nennen. Seine Strahlen verlaufen schnurgerade, so wie es das Gerät vorgibt, präzise wie Schwerthiebe. Als Li Hui die Laserstrahlen für sich entdeckte, war er begeistert von deren Stofflichkeit, davon, dass sie sich skulptural einsetzen lassen.Li Hui, 1977 geboren, stammt aus Peking, studierte dort Bildhauerei an der Central Academy of Fine Arts. Dennoch mutet seine Kunst auf den ersten Blick eher westlich an. Technologie ist sein Werkzeug. Er arbeitet mit Laser, Acryl und LED, aber auch mit vorgefundenen Objekten, Alltagsgegenständen, die er mit Bedeutung auflädt. Zum Abschluss seines Studiums etwa schuf Li Hui "Renewing Jeep", ein doppelseitiges Auto. Er schweißte die Vorderseiten zweier Jeeps mittig zusammen, nun konnte der Wagen nach vorn und hinten fahren. Verwirren wollte er damit, sagt Li Hui, erreichen, dass die Betrachter die Orientierung verlieren und sich fragen, was die richtige Richtung ist.Es ist eine Ambivalenz zwischen Faszination und Furcht, die viele Arbeiten Li Huis prägt. Stets evozieren sie einen Moment des Innehaltens. Und eben hier liegt dann doch die Verbindung zur chinesischen Tradition: in der Ausrichtung auf ein spirituelles Erleben, in der Thematisierung von Übergängen, in Verweisen auf die buddhistische Philosophie.In den Raum der Schering-Stiftung passt der künstlerische Ansatz perfekt, will diese doch einen Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft fördern. Li Hui beschäftigt sich intensiv mit Technik, mit Technologien, doch nicht um ihrer selbst willen. Es geht ihm nicht darum, wissenschaftliche Phänomene zu dokumentieren oder sich selbst am Experimentierkasten zu erproben. Er will vor allem Gefühle auslösen. "Die Fusion von Kunst und Technologie muss eine Wahrheit über die Menschheit enthüllen", sagt er.Mit "Cage" gelingt ihm dies zweifellos. Die Gitterstäbe lösen Unbehagen aus, sie beengen uns und schränken die Bewegungsfreiheit ein, auch wenn sie eigentlich nur eine Projektion sind. Als sei dies notwendig, steigt man vorsichtig über die Strahlen hinüber, man begibt sich in den Käfig hinein oder bleibt davor stehen. Kaum einer wagt es, sich mitten in die Strahlen zu stellen. Intuitiv versucht man, die direkte Berührung zu vermeiden. Und wer doch die Hand ausstreckt, hinein in die schnurgeraden grünen Linien, ist für einen kurzen Moment überrascht, dass sich das Licht nicht hineinbrennt und auch kein Surren zu hören ist, wie man es von Laserschwertern aus den Star-Wars-Filmen kennt. Dampf aus einer Nebelmaschine bricht die Strenge der exakten Laserstrahlen und verstärkt die entrückte Stimmung. Traum oder Albtraum? Es ist die archaische Kraft des Lichts, die einen in den Bann zieht.Zeitgleich zu der Ausstellung in der Schering-Stiftung ist im Karlsruher Medienkunstzentrum ZKM eine weitere Arbeit des Chinesen zu sehen. In der Ausstellung "Car Culture - Medien der Mobilität" steht eine Installation, die Li Hui bereits bei seiner ersten Einzelausstellung in Deutschland, im Mannheimer Kunstverein, gezeigt hatte. Es ist ein bandagiertes Autowrack, mit rotem Laser beleuchtet, aus dem Nebel aufsteigt, ein echter Unfallwagen, dessen Schmerz Li Hui eingefangen, konserviert und verbildlicht hat.Li Hui geht mit seinen Arbeiten an die Grundfesten menschlicher Existenz. Körperlichkeit, Versehrtheit, Vergänglichkeit, Zeit sind seine Themen. "Cage" beschäftigt sich mit Freiheit und Unfreiheit, mit den Grenzen, die wir uns selbst und gegenseitig errichten. Ein politischer Künstler ist Li Hui nicht. Doch man kommt nicht umhin, die Fragen, die er mit "Cage" aufwirft, auf die Situation im heutigen China zu beziehen. Denn hinter den Stäben gibt es doch eine Welt.-----------------------Schering-Stiftung Unter den Linden 32-34 (Mitte). Bis 23. Juli und vom 15. August bis 1. Oktober, Mo-Sa 11-18 Uhr.------------------------------Foto: Eine Besucherin in Li Huis Lichtkäfig "Cage"

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.