Die wissenschaftliche Aufarbeitung der frühen Geschichte des Bundesnachrichtendienstes wird sich länger hinziehen als angekündigt. Ursprünglich sollte die Unabhängige Historikerkommission, die seit 2011 die Ära des ersten BND-Präsidenten Reinhard Gehlen bis zum Jahr 1968 erforscht, ihre Arbeit schon in diesem Jahr abschließen. Jetzt wird bekannt, dass ein weiteres Jahr dazukommt. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit und eine erste Serie von mehreren Monographien sollen nun erst auf einer Konferenz im Herbst 2016 der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Sowohl die Kommission als auch der BND sind darum bemüht, das als einen normalen Vorgang darzustellen. „Unser Vertrag von 2011 war von vornherein auf vier bis fünf Jahre ausgelegt und sah immer die Möglichkeit vor, ihn voll auszuschöpfen“, erklärt Klaus-Dietmar Henke von der Historikerkommission. Das bestätigt Bodo Hechelhammer, Chefhistoriker des Bundesnachrichtendienstes. „Die Kommission hatte schon frühzeitig klar gemacht, dass vier Jahre Forschungsarbeit bei einem solch engagierten Projekt kaum ausreichen werden“, sagt Hechelhammer.

Im März 2011 hatte die Kommission, der neben Henke die Historiker Jost Dülffer, Wolfgang Krieger und Rolf-Dieter Müller angehören, ihre Arbeit aufgenommen. Zusammen mit elf weiteren Wissenschaftlern, die vertraglich an die Kommission gebunden sind, soll die Geschichte der 1945 gegründeten Organisation Gehlen und ihrer Nachfolgerin, dem BND, aufgearbeitet werden. Dabei gehe es nicht nur um das Personal, sondern auch um die Tätigkeit des Dienstes, wie Henke betont: „Wir wollen eine Gesamtgeschichte des BND in der Gehlen-Ära schreiben. Dabei geht es auch, aber eben nicht nur um die Nazis im Dienst und die personellen Kontinuitäten zur NS-Zeit.“

Insgesamt 5000 Druckseiten

Henke geht davon aus, dass die Kommission insgesamt zwischen 15 und 18 Studien mit schätzungsweise insgesamt 5000 Druckseiten vorlegen wird. „Sie werden ganz unterschiedliche Aspekte behandeln“, sagt Henke. „Zum Beispiel die Auslandsaufklärung des BND, also welche Aktivitäten gab es etwa im Nahen Osten oder in Südamerika. Zur Aufklärung der Sowjetunion wird es ebenfalls eine eigene Studie geben wie auch zur Spionage gegen die DDR.“ In einem Kooperationsprojekt mit dem Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen werde die Stasi-Operation „Aktion Feuerwerk“ von 1953 untersucht, in deren Verlauf das MfS viele Mitarbeiter des BND-Vorläufers Organisation Gehlen verhaftet hatte. „Diesen Vorgang betrachten wir von beiden Seiten“, sagt Henke. Erstmals werde so ein geheimdienstlicher Vorgang aus der Sicht der beiden daran beteiligten Diensten ausgeleuchtet.

Was die Wissenschaftler bei der Erforschung des Gehlen-Dienstes bislang herausgefunden haben, unterscheide sich laut Henke sehr erheblich davon, was der erste BND-Präsident selbst in seinen Memoiren beschrieben habe. „Diese Memoiren haben so gut wie nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Eine derartige Schönfärberei, wie Gehlen sie darin vornimmt – auch über seine Arbeit vor 1945 – ist selbst in der historischen Erinnerungsliteratur ziemlich einzigartig. Das wird man in der Biografie über den ersten BND-Präsidenten überprüfen können, an der mein Kollege Rolf-Dieter Müller arbeitet.“

Henkes Thema in der Kommission sind die vom Bundestag scharf kritisierten innenpolitischen Aktivitäten des Auslandsdienstes, die teilweise geradezu auf eine Verzerrung des demokratischen Prozesses hinausliefen. „Das geschah durch Einflussagenten in der Presse etwa oder mit Vertrauten Gehlens in den Parteien“, sagt der Historiker. „Vor allem in der Zeit von Kanzleramtschef Hans Globke, also zwischen 1953 und 1963, ging das sehr weit.“

Die Forschungsarbeit der Historiker wird im März kommenden Jahres enden. Anschließend nimmt sich die Kommission noch etwa ein Jahr Zeit für abschließende Arbeiten an den Themenstudien und für den schwierigen Prozess der Freigabe durch den Dienst. Die Planung sieht vor, dass auf einer wissenschaftlichen Konferenz im Herbst 2016 die ersten fünf bis sechs Monographien vorgelegt werden. Eine zweite Konferenz findet im Herbst 2017 statt, auf der dann weitere Bücher vorgestellt werden – darunter eine umfangreiche Studie zu Rolle und Einfluss ehemaliger Nazis. Nach Abschluss des Forschungsprojekts will der Geheimdienst seine Akten aus den Jahren bis 1968 an das Bundesarchiv übergeben.