BERLIN. Eine neuerliche schwere Panne des Bundesnachrichtendienstes könnte zur Enttarnung russischer BND-Agenten führen. Im Zuge eines Rechtsstreits vor dem Leipziger Bundesverwaltungsgericht hat der Nachrichtendienst bislang als geheim eingestufte Ermittlungsunterlagen freigegeben und damit die darin enthaltenen Klarnamen mehrerer Quellen preisgegeben. In den Akten, die der BND dieser Tage an die Prozessbeteiligten und das Gericht versandt hat, lassen sich dadurch eine Reihe bislang unentdeckter Spione, die der deutsche Geheimdienst in den neunziger Jahren in russischen Streitkräften und Nachrichtendiensten geführt hatte, eindeutig identifizieren. Sollten diese Quelleninformationen, die nun Gegenstand eines öffentlich geführten Prozesses werden, an russische Behörden gelangen, drohen den enttarnten Agenten in ihrem Heimatland hohe Gefängnisstrafen.Operation "Giraffe"In dem Leipziger Zivilrechtsverfahren geht es um angeblich missbräuchlich verwendete Agentenhonorare in Höhe von mehreren 100 000 Euro. Der Bundesnachrichtendienst fordert die Summe von zwei ehemaligen Mitarbeitern zurück, die das Geld veruntreut haben sollen.Die beiden Männer, die den Vorwurf bestreiten, waren maßgeblich an der von 1991 bis 1994 andauernden BND-Operation "Giraffe" beteiligt. Diese Operation gilt in Geheimdienstkreisen als die größte nachrichtendienstliche Beschaffungsaktion des Westens seit Ende des Zweiten Weltkrieges. BND und der US-Militärgeheimdienst DIA holten dabei so viel militärische Geheimnisse aus dem Apparat der aus Ostdeutschland abziehenden Westgruppe der russischen Streitkräfte heraus wie möglich.Auch die zwei in Leipzig verklagten BND-Mitarbeiter hatten mehrere russische Offiziere, darunter auch einen General und einen Oberst, als Quellen werben können, die ihnen gegen Bargeld Militärmaterial und geheime Unterlagen beschafften. Einige Quellen führten sie noch nach deren Rückkehr in die Heimat weiter, wo manche von ihnen wichtige Posten in Militär und Nachrichtendiensten übernahmen.Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hatte zu Beginn des Verfahrens umfangreiche Ermittlungsunterlagen des BND erhalten. Diese Akten waren als geheim klassifiziert, alle Klarnamen und Daten der russischen Quellen sowie Angaben über die mit ihnen in Zusammenhang stehenden operativen Vorgänge waren zudem geschwärzt.Die Leipziger Richter waren damit aber unzufrieden: Mit den geschwärzten Akten ließe sich der Sachverhalt nicht umfassend aufklären, bemängelten sie. Der BND entschied daraufhin offenbar, alle Ermittlungsunterlagen offen zu legen und damit auch die Enttarnung seiner früheren russischen Quellen in Kauf zu nehmen.Lieferlisten und AbrechnungenNach Informationen der Berliner Zeitung sind in den Unterlagen nun nicht nur die Klarnamen und andere Daten ehemaliger Spione nachzulesen, die eine Identifizierung der betreffenden Personen erlauben. Auch die bislang geschwärzten Angaben über Treffs und andere mit der Quellenführung in Zusammenhang stehenden operativen Maßnahmen können jetzt von allen Prozessbeteiligten eingesehen werden. Bestandteil der nun offenen Akten sollen zudem Übersichten über die von den Spionen gelieferten Geheimdokumente - wie zum Beispiel Chiffrierunterlagen - und den dafür vom BND gezahlten Agentenhonoraren sein.Nach Einschätzung von Experten könnten mit den Unterlagen auch Vorgänge offen gelegt werden, die den russischen Geheimdiensten bislang nur teilweise oder überhaupt nicht bekannt sind. Der Bundesnachrichtendienst äußerte sich auf Anfrage zu dem Vorgang nicht.------------------------------Freispruch erster KlasseNorbert Juretzko, ein früherer Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes, ist gestern vom Berliner Landgericht vom Vorwurf des Geheimnisverrats freigesprochen worden. Das Gericht stand ihm zudem einen Entschädigungsanspruch für erlittene Strafverfolgungs- maßnahmen zu.Der BND hatte seinen früheren Agenten angezeigt, nachdem dieser im September 2004 das Buch "Bedingt dienstbereit" veröffentlicht hatte. In dem Band werden laut BND Liegenschaften und Dienstnamen von Mitarbeitern preisgegeben, was zu einer Gefährdung der Arbeit des Geheimdienstes führe.Am Ende des Prozesses plädierte auch der Staatsanwalt auf Freispruch. Alle Prozessbeteiligten waren sich einig, dass Juretzko keine Geheimnisse verraten habe. Zwar habe sein Buch das Ansehen des BND beschädigt, aber das reiche für eine Verurteilung nicht, so der Richter.------------------------------Foto: Abschiedsparade 1994: Die russischen Soldaten verlassen Berlin. BND und der US-Geheimdienst DIA holten aus dem Apparat der abziehenden russischen Westgruppe so viel militärische Geheimnisse heraus wie möglich.