BERLIN, 10. März. In Russland soll ein internationales Endlager für Atommüll entstehen. Das belegen vertrauliche Dokumente des russischen Atomministeriums Minatom, die der "Berliner Zeitung" und der Umweltschutzorganisation Greenpeace vorliegen. Danach sollen an den Standorten Krasnojarsk in Sibirien und im 1 400 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Majak Nuklear-Endlager geschaffen werden, die bis zu 30 000 Tonnen abgebrannte Brennelemente aus Kernkraftwerken aufnehmen können. Mehr als 20 000 Tonnen davon sollen für Stromkonzerne aus dem Westen, auch für deutsche Energieversorger, reserviert werden.Laut den Minatom-Dokumenten ist überdies geplant, verbrauchte Brennstäbe aus dem Ausland wieder aufzuarbeiten. Insgesamt möchte Russland als internationaler Anbieter von Nuklear-Dienstleistungen 21 Milliarden Dollar einnehmen, die Hälfte davon soll in den Aufbau der Atomanlagen investiert werden. Der Rest soll überwiegend in "sozialökonomische und ökologische" Projekte in Russland fließen. Laut Dokumenten ist auch Außenminister Wladimir Iwanow mit den Plänen einverstanden.Als möglicher Kunde wird Europas Atomindustrie angeführt, darunter auch die deutschen Energieversorger. Nach Einschätzung der Minatom-Planer sind die europäischen Stromkonzerne, die bei der Wiederaufarbeitung bisher von der britischen Firma BNFL und von der französischen Cogema abhängen, an "geringeren Preisen" und an "Dienstleistungen höherer Qualität" interessiert. BNFL und Cogema verlangen derzeit bei Abschluss von Wiederaufarbeitungs-Verträgen mit deutschen Stromkonzernen umgerechnet zwischen 850 und 900 Dollar je Kilogramm Strahlenabfall. Die Minatom-Papiere sehen eine Preisuntergrenze von 600 Dollar vor.Die Planungen der Russen decken sich mit einem Projekt, das der Atomchef der US-Umweltschutzorganisation Natural Ressources Defense Council, Thomas B. Cochran, unter Beteiligung westlicher Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft vorantreibt. Danach soll in Russland ein Endlager für bis zu 10 000 Tonnen abgebrannte Brennelemente aus den Meilern westlicher Stromkonzerne entstehen; die Menge entspricht rund fünf Prozent der bisher weltweit verbrauchten Brennelemente. Auch in den Minatom-Dokumenten ist ein spezielles Endlager von 10 000 Tonnen für Kunden aus den Ausland vorgesehen. Warten auf PutinNach den Plänen Cochrans soll das Atom-Lager vom US-Unternehmen "Non-Proliferation Trust II" (NPT II) finanziert und unter internationaler Aufsicht betrieben werden. Der Trust möchte auf diese Weise 15 Milliarden Dollar einnnehmen, die überwiegend dazu verwandt werden sollen, radioaktiv verstrahlte Gebiete in Russland zu sanieren und Nuklearmaterial militärischen Ursprungs gegen Missbrauch zu sichern. Zudem sind Programme geplant, um russische Militärexperten in zivilen Branchen unterzubringen. Wie Cochran der "Berliner Zeitung" bestätigte, sind an dem NPT-II-Projekt auch deutsche Energiemanager beteiligt, darunter die Essener Gesellschaft für Nuklear-Service, zuständig für Castor-Transporte. Die Projektplaner setzen darauf, dass nach der erwarteten Wahl des russischen Präsidenten Waldimir Putin Ende März ein Gesetz auf den Weg gebracht wird, das bereits im Parlament liegt. (Wirtschaft Seite 36)