Die schöne Seele findet immer einen Ort, in jedem Jahrtausend. Meist ist er nicht geheizt, dieser Ort, und einsam noch dazu. Ist Judith Hermann, Schriftstellerin, Kellnerin, Ex-Stipendiatin und Journalistin, eine schöne Seele? Man möchte es eigentlich nicht hoffen, denn was versteht man schon, nachdem das Biedermeier die Romantik erschlug, unter einer schönen Seele? Erschreckend luftig, zerbrechlich, dunkel träumend, sogar verweint, etwas mater dolorosa-haftes? Judith Hermann debütierte gerade mit einem Band Erzählungen, und das auch gleich glanzvoll, im jugendlichen Alter von 28 Jahren sowie bei einem hochkulturell angesehenen Verlag. Judith Hermann schreibt über Liebe und deren Zwillingsschwester, die Nicht-mehr-Liebe, auch über Beziehungen, Sex, Drogen, Musik, Kunst, Frauen, Männer und entlegene Orte, die in der Karibik oder auch nur in Berlin zu finden sind. Der allerentlegenste Ort ist wer wüßte das nicht stets der, an dem sich das Glück versteckt. "Glück ist immer der Moment davor. Die Sekunde vor dem Moment, in dem ich eigentlich glücklich sein sollte, in dieser Sekunde bin ich glücklich und weiß es nicht." Die solches feststellt, heißt Maria, möchte halb aus Eitelkeit, halb aus Neugier einen berühmten Videokünstler umgarnen, läßt sich dann aber vom Künstler selbst in einem seiner Videotricks einsperren. Maria und der Videokünstler küssen sich vor einem Computer, dessen Kamera diesen Moment eines Bildes in der Abbildung verdoppelt und abspeichert. Die Prosa von Judith Hermann ist bestürzend, auch bestürzend schön und doch keine Schöne-Seelen-Prosa. Nicht der notwendige Narzismus fehlt dieser Prosa, wohl aber das Verweinte. Hat man dies alles, hat man diese selbstbezüglichen Aussagen über eine reifende Jugend in Berlin und anderswo, über gänzlich beliebige Tage und mißlingenden oder gar nicht erst stattfindenden Geschlechtsverkehr, deren dekorative Codes von Drogen, Kunst und Musik gebildet werden ja, hat man das nicht schon oft gelesen? Sibylle Berg fällt einem ein, dann sogar der würdelos widerwillig alternde Rainald Goetz, und wie heißen die anderen doch gleich? Weil diese Autoren einem nun aber einfallen, samt des ästhetischen Mißbehagens, welches sie einem beim Lesen bescherten, wächst die Gewißheit um so stärker, daß dieser schmale Band Erzählungen hier eine andere Karatzahl aufweist. Differenz erweist sich nun mal im Vergleich.Was ist an Judith Hermanns Prosa so anders? Man weiß es anfangs nicht genau, fühlt es aber immerhin. Letzteres ist gewiß Anlaß, mißtrauisch zu werden. Und wenn schon: Vielleicht muß man sich an Hermanns Anderssein heranschreiben, wie sie selbst sich an ihre Figuren heranschreibt: in Zirkelbewegungen, in Kreisen, mit gutem Grund redundant und gleichzeitig ohne Ziel, was früher einmal und in gewissen Salons auch Zweckfreiheit der Kunst genannt wurde. Saugend, fast grausam greift diese Prosa nach dem ahnungslosen Leser, weil Zartheit immer auch grausam ist. Nichts als Behauptungen? Die Eingangserzählung heißt "Rote Korallen" und berichtet einerseits von einer schönen Urgroßmutter in Sankt Petersburg, die ihrem ewig abwesenden Mann endlich untreu wird. Andererseits schattiert "Rote Korallen" gleichzeitig vage und genau wie eine Paul Kleesche Linie Ablauf und Ausgang einer neurotischen Liebesbeziehung zwischen der Ich-Erzählerin und einem Nachfahren des Hausdieners der Urgroßmutter. Stimmt das, was hier steht, überhaupt so? Sind nicht alle Lieben neurotisch, und was bedeutet schon Untreue? Eine andere Lektüre hätte solche Zweifel kaum geweckt. Der pseudo-historische Stoff von "Rote Korallen" besagt nichts anderes, als daß das Interesse der Erzählerin an sich selbst enorm ist. Geschichte wird gemacht, weswegen sie mit dem Sinnieren über die Urgroßmutter auch an kein Ende kommt: "Ist das die Geschichte, die ich erzählen will? Ich bin nicht sicher. Nicht wirklich sicher." Und später: "Ist das die Geschichte, die ich erzählen will? Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht wirklich." Das gründliche Zitieren ist dem feinen Unterschied angemessen. Judith Hermann erzählt immer eine zweite, eine geheime Geschichte in der ersten, die sie präsentiert wie ein Tortenstück, das innen eine überraschende Füllung offenbart. So wie die verborgene Geschichte Wiederholungen der ersten, gleichzeitig aber auch neue, andere Möglichkeiten ihrer Fortsetzung und Ergänzung impliziert, genauso bietet die zwischen Bett und Atelier, auf nächtlichen Straßen und in Sommerhäusern vergehende Zeit den Figuren verschiedene Möglichkeiten, die sie prüfen oder nicht, annehmen oder ausschlagen können. Judith Hermann schreibt verblüffenderweise Pop-Prosa ohne Pop-Attitüde, un-schick, wunderbar und ernüchternd. Das mag vielleicht an Judith Hermanns Alter liegen und auch daran, daß sie viel älter sein muß, als ihr Geburtsdatum es ausweist. Umgekehrt in etwa so wie bei Rainald Goetz, nur daß der vorgibt, viel jünger zu sein, als er ist.Musik spielt in diesen Erzählungen eine große Rolle. LSD, Joints und Koks ergeben sich am Rande, halb aus Langeweile, halb aus Gewohnheit. Die Namen von Pop-Bands werden dem Leser beiläufig zum Fraß vorgeworfen wie einem Hund die Knochen. Was will einem das sagen? Dies ist eine Jugend, die von der Geschichte, selbst von der eigenen, nicht viel erwartet, aber auch nicht darüber verzweifelt eine Haltung, die die Rezensentin für ausgesprochen bodenständig, ja realistisch hält. Anna, Christine, Falk, der alte Mann im Washington-Jefferson-Hotel, Koberling, der misanthropische Drehbuchschreiber, und das immer wiederkehrende große Erzähler-Ich leben ihre halbfertigen, angefangenen und abgebrochenen Künstlerleben ausschließlich für und mit sich. Nur manchmal und augenblickshaft kommt es zu einer "schweigenden, fremden Verknotung zweier Menschen". Gegen den Hermannschen Unterton leicht ermüdeter Melancholie kann man alles Mögliche einwenden, aber er liest sich gut. Die Autorin beherrscht ihre Mittel. Manchmal sogar zu gut wie in der Erzählung "Hurrican", wo das "Sich-so-ein-Leben-vorstellen" symptomatisch aus einer Art "Glasglocken"-Prosa ersteht. Zwei Männer auf Jamaica, zwei deutsche Besucherinnen und Verstrickungen, denen man sich doch nicht recht hingeben möchte und kann. Krankheit Jugend. Oder Krankheit Ortszeit?Irrtümlicherweise hatte man Judith Hermann für eine Debütantin mit DDR-Vergangenheit gehalten. Tatsächlich wurde Hermann in Westberlin geboren; sie lebt heute im Prenzlauer Berg, irgendwo um den Helmholtzplatz herum, wo nichts gut ist, die jungen Menschen aber unbeirrbar "glauben, daß alles gut wird", so Hermann. (Die Rezensentin lebt auch dort und kann das nur bestätigen.) Diese Undeutlichkeit der Herkunft dieses Schreibens bleibt jedoch kein soziales blindfold. Die Titelerzählung "Sommerhaus, später" handelt von einem abgelegten Geliebten, dem Taxifahrer Stein, der den Traum einer Liebe ein Haus auf dem Land , wahrmacht, als die Liebe längst im Herzen archiviert ist. Da stehen dann Mann und Ich-Erzählerin vor einer 80 000-Mark-Ruine, irgendwo nordöstlich von Berlin, und die Ich-Erzählerin haßt - nicht die gemeinsame Vergangenheit, aber die allgemeine und die Gegenwart. "Den Einheimischen gingen wir aus dem Weg, schon an sie zu denken, machte alles kaputt. Wir klauten ihnen das ,Unter-uns-sein , entstellten die Dörfer, Felder und noch den Himmel, das kriegten sie mit, an der Art und Weise, wie wir da umhergingen im Easy-Rider-Schritt, die abgebrannten Joint-Stummel in die Blumenrabatten ihrer Vorgärten schnippten, uns anstießen, echauffiert."Alles, was Judith Hermann schreibt, ist überzogen von Stimmung, was meint: Es ist sonderlich projektiv und verschoben in der Beobachtung des "Nichts um uns herum". "Auch diesmal würde etwas nicht genügen", heißt es in der "Bali-Frau". Mehr, als dieses Ungenügen an der Wirklichkeit mit größter Kunst ins Wort holen, kann Literatur nicht wollen. Wie war das mit Männern und Frauen in "Sonja"? "Ich glaube, sie war meiner für eine Weile überdrüssig geworden", erinnert sich ein männlicher Erzähler. "Sie hatte sich vergewissern wollen, daß ich sie liebte. Diese Gewißheit hatte sie bekommen, also ging sie wieder." Und auch Marie aus "Camera obscura" weiß, wie man Unglück herstellt: "Manchmal legt sie den Kopf in den Nacken und versucht, perlend zu lachen. Es geht nicht richtig." Am Ende: Schweigen. Judith HermannSommerhaus, später Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1998. 188 S., 20 Mark.

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