Moskau - Russland ist ein anderes Land geworden, seit es in den syrischen Bürgerkrieg eingegriffen hat. Im Fernsehen sieht man russische Soldaten in kurzen Hosen in einem fernen heißen Land, weit jenseits der Grenzen der alten Sowjetunion – das ist ein ungewohnter Anblick für die Zuschauer. Auf der Suche nach historischen Analogien fällt vielen bloß der sowjetische Einsatz in Afghanistan ein.

Dabei ist es gar nicht das erste Mal, dass eigene Soldaten in Syrien eingesetzt werden. Die Sowjetunion hat ihre Truppen auch nach Syrien geschickt, nur hat die russische Gesellschaft das vergessen. Genauer gesagt: Sie hat es nie so richtig mitbekommen, denn offiziell gab es den Einsatz gar nicht.

Valeri Anissimow hat damals selbst erst spät kapiert, dass er als junger Soldat ausgerechnet nach Syrien geschickt werden würde, aber heute erzählt er umso lieber davon. Anissimow ist Vorsitzender des „Bundes der Syrien-Veteranen“. Er hat melancholische Augen und trägt ein patriotisches T-Shirt mit Soldaten darauf und der Aufschrift „höfliche Menschen“. Höfliche Menschen, so haben sie in Russland verharmlosend jene Truppen genannt, die vergangenes Frühjahr die Abtrennung der Krim vom Nachbarland Ukraine durchsetzten. Später, als russische Soldaten auch noch die Separatisten im Donbass verstärkten, kam ein anderer verharmlosender Spitzname auf: „Urlauber“.

Assad heimlich in Moskau

Auch die Geschichte, die Anissimow erzählt, handelt von getarnten Truppen und bewaffneten „Urlaubern“. Sie beginnt im Sommer 1982, als Anissimow noch als Fahrer bei einer Einheit der Flugabwehr vor Moskau diente. Damals erlitt die Sowjetunion eine Niederlage im Nahen Osten. Im Juni jenes Jahres nämlich marschierte die israelische Armee im Libanon ein, um Stellungen der PLO auszuschalten. Dabei kam es zum Kampf mit syrischen Truppen im Libanon. In kürzester Zeit vernichtete die israelische Luftwaffe 19 Flugabwehrbatterien, die die Syrer im Bekaa-Tal stationiert hatten, und schoss Dutzende Kampfflugzeuge ab. Es war ein überwältigender Sieg eines US-Verbündeten über ein sozialistisches Land, das mit sowjetischen Militärberatern und sowjetischen Waffen kämpfte. Syrien war Moskaus einziger Verbündeter in der Region, seit Ägypten ins westliche Lager gewechselt war.

Anissimow ahnte damals nicht, dass Syriens Präsident Hafez Assad heimlich nach Moskau reiste und die Verlegung zweier Flugabwehr-Regimenter erwirkte, mitsamt den modernsten Waffen, die die Sowjetunion bieten konnte: S-200-Raketen. Die besaß die Flugabwehr um Moskau, bei der Anissimow diente.

Am 7. Januar 1983 bestieg er zusammen mit 1200 Soldaten in Nikolajew am Schwarzen Meer das Passagierschiff „Ukraina“. Am Vortag hatte man ihnen in der Kaserne Zivilkleider ausgegeben, in denen waren sie dann nachts in völliger Stille durch die Stadt marschiert. In einer örtlichen Zeitung las Anissimow die Meldung: „Studenten, die im sozialistischen Wettbewerb gesiegt haben, brechen mit der ,Ukraina‘ zu Kreuzfahrt ins Mittelmeer auf“.

Waffenausgabe erst am "Urlaubsort"

Das war die Legende, und sie wurde drei Tage lang durchgehalten, sogar an Bord des Schiffes. Lautsprecheransagen an Bord begannen stets mit den Worten: „Genossen Touristen!“ Beim Durchqueren der Dardanellen trafen sie auf ein amerikanisches Kriegsschiff, da mussten alle unter Deck und den Mund halten. Die schwere Technik der Touristen, in Wüstentarnfarbe umgemalt, wurde in fünf Frachtschiffen transportiert.

Erst bei der Ankunft, nach drei Tagen Fahrt, wurden die Gewehre ausgegeben und Uniformen angezogen – diesmal syrische, von denen alle Zeichen entfernt waren. Das grüne Barett mit der syrischen Flagge, das Anissimow heute beim Erzählen in der Hand hält, hat er erst vor kurzem vom syrischen Botschafter in Moskau geschenkt bekommen.

In Syrien war man froh um die Hilfe aus der Sowjetunion. An der Straße nach Damaskus – die Geheimhaltung war nunmehr hinfällig − winkten die Menschen der kilometerlangen Militärkolonne mit den großen S-200-Raketen zu. Anissimow ist auch jetzt noch sichtlich gerührt, wenn er davon spricht. Sein Regiment wurde in Dumeir bei Damaskus stationiert, ein zweites kam nach Homs. Man diente zusammen mit syrischen Soldaten, die Beziehungen waren freundschaftlich. Von Konflikten innerhalb der syrischen Gesellschaft, etwa zwischen Sunniten und Aleviten, hat Anissimow nichts gespürt. Dass Präsident Assad 1982 eine Rebellion niedergeschlagen und eine ganze Stadt dem Erdboden gleich gemacht hatte, davon wurde nicht geredet. „Wir haben davon gehört, aber das war für uns eine Angelegenheit der Syrer. Das hat uns nicht interessiert.“

Das überraschende Auftauchen der sowjetischen Truppen änderte die militärische Balance. Die israelischen Piloten, vom Zielradar erfasst, mieden fortan syrischen Luftraum. „Aber eine teure S-200-Rakete gegen ein einfaches israelisches Flugzeug einsetzen, das wäre natürlich nicht richtig gewesen“, sagt er kühl. Die Raketen mit einer Reichweite von mehr als 200 Kilometern sollten das wertvollste Gerät der Israelis neutralisieren − neuartige „Hawkeye“-Frühwarnflugzeuge, die mit ihren Radaren aus der Luft Dutzende Ziele zugleich erfassen konnten. Der syrische Verteidigungsminister kam eigens vorbei und versprach eine Belohnung, wenn ein solches Flugzeug abgeschossen würde.

"Wir haben faktisch einen dritten Weltkrieg verhindert."

Angeblich ist das sogar gelungen − der oberste sowjetische Offizier in Syrien hat es später jedenfalls so behauptet, und Anissimow glaubt ihm, auch wenn Historiker dem widersprechen. Überhaupt sieht Anissimow den Einsatz als reinen Erfolg: Im Rückblick, sagt er, kann es daran keinen Zweifel geben. „Unsere zwei Regimenter haben gleich drei Armeen standgehalten – denen von Israel, Amerika und der Nato. Wir haben faktisch einen dritten Weltkrieg verhindert.“ Er meint mit den westlichen Gegnern jene Koalition, die auf Bitten der libanesischen Regierung im Nachbarland eingriff.

Wie nah die Welt am Rande eines großen Krieges stand, das ist heute in der Tat etwas in Vergessenheit geraten. Sogar einen Atomschlag gegen Israels Nuklearreaktor in der Negev-Wüste hat man im sowjetischen Verteidigungsministerium erwogen. Aber anders als die Militärs damals, und anders als der Gefreite Anissimow heute, sahen hochrangige sowjetische Diplomaten und Parteiführer Juri Andropow den eigenen Truppeneinsatz in Syrien äußerst skeptisch. „Wir sind in eine Falle getappt“, konstatierte Andropow auf einer Sitzung des Politbüros im Juli 1983. Es sei ein Fehler gewesen, neben den Raketen eigenes Personal zu schicken, und dieses auch noch syrischem Kommando zu unterstellen. Israels Überlegenheit habe man damit nicht gebrochen, dafür drohe die Sowjetunion nun in einen neuen Krieg gezogen zu werden.

Denn die eigenen Soldaten konnten zwar Syriens Luftraum schützen, nicht aber sich selbst. Zu ihrem Schutz hätte man Bodentruppen entsenden müssen − und deren Versorgung wiederum hätte das Nato-Land Türkei jederzeit unterbrechen können. Kurz: Militärische Pläne zum Schutz der zwei Regimenter „müssen wir vergessen“, wie Andropow konstatierte. Es gelte, die Raketen an Syrien zu übergeben und das eigene Personal abzuziehen – „je eher, desto besser“.

Raketen sind noch in Syrien

Es hat dann noch bis zum Oktober 1984 gedauert, bis die zwei sowjetischen Flugabwehrregimenter zurückverlegt waren – ohne die Raketen, die sind heute noch in Syrien. Generalsekretär Valeri Anissimow kehrte im April 1984 nach Russland zurück, formell wieder als Tourist an Bord eines Passagierschiffes. Sein Wehrdienst war zu Ende, aber daheim beim Wehrersatzamt wollten sie nicht glauben, dass er in Syrien gewesen war. „Da haben wir niemanden hingeschickt“, sagten sie.

Anissimow arbeitete bei der Polizei, wurde Landschaftsmaler und mit dem Ende des Sozialismus erfolgreicher Geschäftsmann. Er belieferte Moskauer Schulen und Kindergärten mit Saft. Dann kam die Wirtschaftskrise von 1998. Er verlor seine Firma, seine Ehefrau und zeitweise sogar sein Gedächtnis, zog als Witwer mit zwei Kindern ins Kloster und gewann mühsam seine Gesundheit wieder.

Jetzt ist die Erinnerung an zwei glückliche Jahre in Syrien ins Zentrum seines Lebens gerückt. Seit 2012 gibt es den Bund der Syrien-Veteranen mit Anissimow als Vorsitzendem, das Wappen zeigt eine S-200-Rakete mit zwei gekreuzten Kalaschnikows. Es gibt 1500 Mitglieder in 26 Ländern; zwei Veteranen leben sogar in Israel, man hält mit ihnen Kontakt, aber gewisse heikle Themen werden besser nicht berührt. Manche der Veteranen sind heute hohe Offiziere, und auch von syrischer Seite kommt zu den Treffen hoher Besuch. Zwei russisch-syrische Städtepartnerschaften haben sie schon hergestellt. Und was hat Anissimow gefühlt, als Russland in diesem September in den syrischen Bürgerkrieg eingriff und das Fernsehen plötzlich Angriffe russischer Kampfflugzeuge zeigte? „Freude. Wir haben verstanden, dass das ein Wendepunkt ist, dass der Frieden kommt. Die Städte werden wieder aufgebaut, und die Leute werden zurückkommen, auch aus Europa übrigens. Auch für euch wird es dann leichter.“

So wenig wie an der damaligen zweifelt Anissimow an der heutigen Mission. Hell und Dunkel im syrischen Bürgerkrieg sind für ihn eindeutig verteilt. Baschar Assad sei der gewählte Präsident, sagt er, den gelte es zu schützen. Natürlich habe er neben treuen Anhängern auch Gegner − „es gibt eben, wie in jedem Land, Verräter“.

Als Veteranen nicht anerkannt

Russlands Syrien-Einsatz hat die positive Nebenwirkung, dass die Syrien-Veteranen etwas Aufmerksamkeit bekommen. Sie sind als Veteranen offiziell nicht anerkannt, was etwa Rentenzahlungen angeht. Der russische Staat tut heute noch so, als wären da Studenten aufgebrochen zu einer Kreuzfahrt ins Mittelmeer, friedliche Genossen Touristen.

An dem Problem wird gearbeitet. Michail Degtjarjow, ein Duma-Abgeordneter der nationalistischen LDPR-Partei von Wladimir Schirinowski, hat schon 2013 einen Gesetzentwurf eingebracht, der die Liste der förderungswürdigen Veteranengruppen erweitern soll. Er ist bisher am Verteidigungsministerium gescheitert – dort haben sie im Archiv keinen Befehl über die Entsendung der Männer gefunden. „Aber jetzt sind die Chancen stark gestiegen“, schreibt Degtjarjow per E-Mail, man habe Belege für eine Entsendung durch den Ministerrat der Sowjetunion gefunden. Außerdem seien die Veteranen selbst Beleg genug, die „mit ihrer Anwesenheit die israelische Luftwaffe gestoppt und einen globalen Krieg verhindert haben.“

Fragt sich nur, wie jene russischen Soldaten, die jüngst im Donbass gegen ukrainische Truppen gekämpft haben, wohl einst versorgt werden. Einige dieser Genossen Touristen sind bei ihrem Kampfurlaub gestorben und wurden klammheimlich begraben. Vielleicht werden auch ihre Kameraden einst einen Veteranenbund gründen und in die Archive gehen.