Cornelia Funke weiß natürlich, dass es keine Geister gibt. Aber sie ist eine Schriftstellerin und sie kann welche erfinden. Als man ihr vor Jahren in der Kathedrale der südenglischen Stadt Salisbury vom Ritter William Longspee erzählte, kullerte seine Legende als Saat für eine neue Geschichte in ihren Kopf. Die ist nun aufgegangen in dem Kinderroman "Geisterritter", der gerade erschienen ist.Jon Whitcroft kommt mit elf Jahren in das altehrwürdige Internat von Salisbury. Es ist die Schule, die sein früh verstorbener Vater bereits besucht hatte. Jon fühlt sich aber nicht geehrt, sondern abgeschoben, weil seine Mutter einen neuen Freund hat, den Vollbart, wie er ihn nur nennt. Es dauert nicht lange, da erscheinen ihm nachts gar fürchterliche Gestalten: "drei Ritter, so bleich, als hätte die Nacht Schimmel angesetzt". Das Gruselbild ist kaum für den Leser zu ertragen, doch bekommt er die Botschaft, dass Jon die Begegnung überlebt, gleich mitgeliefert, denn die furchtbaren Augen, heißt es da, "brennen mir bis heute Löcher ins Herz".Die Autorin von "Tintenherz" hat nach den bösen Visionen aus ihrem jüngsten Roman "Reckless" noch nicht die Lust daran verloren, mit dem Schrecken zu spielen. In diesem Buch, das sich an Leser ab etwa zehn Jahren wendet, setzt sie das Grausame wohldosiert ein. Schnell wird klar, dass Jon wie ein Märchenheld eine Prüfung zu bestehen hat. Ein uralter Fluch ist mit der Familie seiner Mutter verbunden. Das erfährt er durch Ella, die auch in Salisbury zur Schule geht, aber nicht im Internat wohnt. Die kennt sich aus mit Geistern, weil ihre Oma in der Kathedrale und deren Umgebung Führungen zur Geschichte macht.Ella erzählt Jon vom Ritter Longspee, der darauf wartet, durch eine eigene gute Tat erlöst zu werden. So nimmt er über mehrere Kapitel den Kampf mit Jons Feinden auf. Da klirren die Schwerter, dröhnen die Rüstungen, rasseln die Kettenhemden. Cornelia Funke spitzt die Handlung immer wieder neu zu, auf dass man atemlos dem Kapitelende entgegen liest und zur Entspannung gleich noch das nächste genießt. Sie weiß, wie sie die Gefühle ihrer Leser wecken kann. In den ruhigeren Passagen macht Jon die beglückende, aber doch auch für ihn schwer zu begreifende Erfahrung, dass ein Mädchen auch ein Freund sein kann. Er teilt das Ritter-Geheimnis nur mit ihr. Selbst die Jungs, mit denen er sich am besten versteht, können die finsteren Gestalten nicht sehen. Der Leser jedoch bekommt sie alle vor Augen geführt. In den Bildern von Friedrich Hechelmann sieht man sowohl Jon und Ella friedlich im Garten der Großmutter als auch die schaurigen Geister und ihren starken Herausforderer.Cornelia Funke lebt seit einigen Jahren in Kalifornien und geht deshalb nicht mehr mit jedem neuen Buch in Deutschland auf Lesereise. Berliner Kinder haben dennoch die Möglichkeit, der Gedankenwelt der Autorin nicht nur lesend nahe zu kommen. Im Kindermuseum Labyrinth führt die Ausstellung "Frische Tinte" über verschiedene Stationen zu den Helden aus "Drachenreiter", "Emma und der Blaue Dschinn", "Herr der Diebe" und anderen Büchern.-----------------------Cornelia Funke: Geisterritter. Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2011. 256 S., 16,95 Euro.Frische Tinte, Erlebnis-Ausstellung im Labyrinth Kindermuseum bis Mai 2012. Mo-Fr 9-18 Uhr, Sa 13-18Uhr, So 11-18 Uhr, Eintritt 4,50, Familienkarte 13 Euro, Osloer Straße 12, Tel. 800931150.------------------------------Foto: Cornelia Funke, TintenzauberinFoto: In dieser Nacht, berichtet Jon Whitcroft, rannte ich um mein Leben. Friedrich Hechelmann hat diese und andere Szenen aus den "Geisterrittern" illustriert.