MARKRANSTÄDT. Eine Konstruktion aus Stahl und Glas im staubigen Schotter - wie vom Himmel gefallen steht sie da. Vor Kurzem gehörte der gläserne Bungalow noch zum Tournee-Inventar des Automobil-Rennstalls Red Bull Racing und war in der Formel-1-Welt von Bahrain bis Monaco unterwegs. Nun parkt er samt Wachmann im sächsischen Markranstädt und irritiert dort die Bewohner. Denn im Stadion am Bad, wo der Fußballverein zu Hause ist, gab es noch nie einen Bungalow aus Glas und einen Wachmann schon gar nicht.Jürgen Eckstein ist einer von denen, die mit dem Container kamen. Er ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Österreicher. "Sehr positiv" sei man in der Kleinstadt südwestlich von Leipzig aufgenommen worden, sagt er. Er schwärmt von der "sehr netten" Anlage, sagt, dass er so was hier nicht erwartet hätte. Eckstein kommt aus Salzburg. Er ist 32 Jahre alt, sportlich, gut aussehend, höflich. In Jeans und Polo-Shirt hat er sich an einem Stehtisch positioniert, Laptop und Handy in Griffweite. Das ist für die nächste halbe Stunde sein Büro.Der Salzburger Getränkehersteller Red Bull hat ihn als Projektleiter in den deutschen Osten gesandt, um im Fußball zu wiederholen, was in der Formel 1 mit Bravour gelang. Dort hatte die Firma vor fünf Jahren zwei erfolglose Rennställe gekauft, von denen einer in der laufenden Saison bereits doppelt so viel Punkte sammeln konnte wie Ferrari und McLaren zusammen. Dieses Geschäftsmodell müsste sich doch auch auf den deutschen Traditionssport übertragen lassen, dachten sich die Salzburger.In der Ligapause rekrutierten sie die Herrenmannschaft des Fünftligisten SSV Markranstädt und verpasste ihr erstmal das Etikett "Rasen Ballsport Leipzig", was nicht mehr ganz so seltsam klingt, wenn man es in seiner Abkürzung liest. Erklärtes Ziel ist die erste Bundesliga. Dort angekommen, soll der Verein von der angeblich Flügel verleihenden Kraft des Energie-Drinks künden.Neben der Dosenbrause stellen die Salzburger noch 100 Millionen Euro für die Operation Bundesliga bereit, heißt es. Projektleiter Jürgen Eckstein will das nicht bestätigen. Auf Fragen nach Investitionen und Erwartungen ruft er Antworten wie "Es ist in unserem Unternehmen nicht üblich" oder "Dazu kann ich leider nichts sagen " ab.Läuft bei den RB-Fußballern alles wie programmiert, werden die Aufstiegsfeiern im Jahresrhythmus, spätestens alle zwei Jahre steigen. Wenn nicht, dauert es eben etwas länger. "Wir sind langfristig hier," behauptet Eckstein.Für Red Bull ist es schon der zweite Versuch. Vor drei Jahren wollte man über den FC Sachsen in den deutschen Fußball einsteigen. Dessen Vereinsmitglieder lehnten jedoch ab, weil es dem Sponsor nach zu viel Einfluss verlangte. "Wir sind der Verein", hieß es bei den Sachsen in schöner Leipziger Tradition.Der Klub aus Markranstädt indes scheint wie maßgeschneidert zum Masterplan der Salzburger zu passen. Das Fußballspiel wird in der Gegend innig geliebt und das nahe gelegene Leipzig verfügt über ein modernes Stadion. Was dem Software-Unternehmer Dietmar Hopp mit der TSG 1899 Hoffenheim gelungen ist, sollte doch auch im Osten möglich sein.Nach einer Umfrage der Lokalpresse begrüßen drei Viertel der Leipziger das Investment des Dosen-Milliardärs.Dass es auch Gegner des Red-Bull-Projekts gibt, habe er selbst noch nicht erfahren , sagt Jürgen Eckstein. Das wisse er nur aus der Zeitung. Nicht mal auf den Platz geschaut? Denn wo die frisch geformte RB-Elf am vergangenen Freitag während ihres ersten Pflichtspiels gegen die Männer von Blau-Weiß Leipzig mit einem Fünf-zu-null-Sieg in die Saison startete, hatte der Red-Bull-Widerstand Sachsens die Grasnarbe mit Unkraut-Ex bearbeitet. In der Mitte des Platzes stand ein Holzkreuz und die Bandenwerbung war mit schwarzer Farbe beschmiert worden. Seitdem muss sich auch der friedfertigste Sportfreund in Markranstädt einem Sicherheitsmann erklären, bevor er das Sportgelände betreten darf.Ronny Kujat braucht sich nicht auszuweisen. Er gehört zur Stammmannschaft. Seit 2005 ist der 34-jährige Mittelfeldspieler beim SSV Markranstädt. Dass jetzt zwei rote Bullen auf seinem Trikot prangen, macht ihn froh. "Damit hat der Dilettantismus ein Ende", sagt er. Früher habe die Mannschaft dreimal die Woche trainiert, jetzt zweimal am Tag. Das Engagement der Österreicher sei auch gut für den Fußball im Land, meint er. Und der Unkraut-Ex-Anschlag? "Spinner. Aber es wird noch krachen. Darauf muss man sich einstellen."Tatsächlich ist die sächsische Fußball-Seele eine besonders empfindsame. In Leipzig wurde vor 109 Jahren der Deutsche Fußball-Bund gegründet. Der VfB Leipzig war der erste deutsche Meister und es gibt zwei große Klubs in der Stadt, die seit Jahren erfolglos an einem Comeback arbeiten. Nun also soll ein Retortenverein Ostdeutschlands Fußballstadt zu altem Glanz verhelfen. Das passt nicht jedem. Längst haben sich die Traditionalisten formiert und im Kampf gegen das Geld aus Österreich gar alter Feindbilder neu interpretiert. "Bullen raus", heißt es in Internet-Foren. Auch von der "Bullen-Elf" ist zu lesen.Ist das der Neid der Konkurrenz? Steffen Kubald hat als Antwort nur ein müdes Lächeln. So lässig, dass es kaum wahrzunehmen ist. Kubald ist fast zwei Meter groß, sicher 120 Kilo schwer. Seit einigen Jahren ist der 47-Jährige der 1. Vorsitzende des 1. FC Lok Leipzig - ehrenamtlich neben einem Vollzeit-Job. "Wir haben 1 600 Vereinsmitglieder, sind in Sachsen der zweitgrößte Fußballverein nach Dynamo Dresden. Bei uns spielen 250 Kinder in den Nachwuchsmannschaften. Worauf sollen wir neidisch sein?", fragt er.Vielleicht auf das Geld? Im Bruno-Plache-Stadion, der Heimstadt des Vereins, blättern Putz und Farbe von der Wand. In der Südkurve wuchert Unkraut. Wenn etwas renoviert wird, machen das die Vereinsmitglieder selbst. Das Geld hätte man also gut gebrauchen können. Aber hat denn Red Bull überhaupt angefragt beim 1. FC Lok? Kubald verneint und sagt, dass es auch keinen Sinn gehabt hätte. "Wir verkaufen unsere Seele nicht." Lok werde immer Lok heißen und immer blau-gelb tragen.Und so freut sich Kubald auf eine heiße Saison in der Oberliga Nordost Staffel Süd, in der der 1. FC Lok, der gerade mal wieder insolvente FC Sachsen und der RB Leipzig aufeinander treffen werden. "Das Spiel gegen den RB wird für jede Mannschaft das Spiel des Jahres werden", prophezeit Kubald. "Da geht es darum, ob Sport oder Geld gewinnt", sagt er. "Je weiter sie kommen, desto mehr werden sie gehasst."So sieht man das auch bei der BSG Chemie Leipzig. Die Chemiker spielen aktuell in der zweiten Kreisklasse. "Die legen Geld auf den Tisch und schon beginnt der Event-Scheiß", schimpft Erik Fischer. Der 27-Jährige ist ein sogenannter Koordinator. Seinen Job bei den Chemie-Fanclubs zahlen die Stadt, das Land und der Fußballverband. Die Jugendlichen treffen sich regelmäßig in einem ehemaligen Heizhaus in einer Plattenbausiedlung südlich der Innenstadt, das sie sich selbst ausgebaut haben. Hier kickern sie, nähen sich Fahnen, und Fischer achtet darauf, dass alles halbwegs geordnet abläuft. Red Bull werde nach seiner Ansicht den Leipziger Fußball generell verändern, sagt Erik Fischer. Stehplätze würden völlig aus den Stadien verschwinden. Schon heute sei ein Fahnenpass vorgeschrieben, wenn die Fan-Fahne größer als drei Meter ist. Und in den Vereinen hätten die Mitglieder immer weniger zu sagen. Insofern hofft er, dass der RB den Aufstieg vermasselt. "Das wäre eine Riesenlachnummer", sagt er. Schon beim FC Sachsen hätten teure Spieler bewiesen, dass sie keine Tore schießen können. "Da hat der Kölmel Millionen verbrannt."Der Name Kölmel fällt zwangsläufig, wenn in Leipzig von Fußball die Rede ist. Er gilt als der Zampano der Sachsen-Metropole. Er kassiert, wenn der 1. FC Lok im Zentralstadion spielt. Er ist der größte Gläubiger des FC Sachsen und er ist es, der gerade die Namensrechte des Zentralstadions an die Österreicher verkauft hat, weshalb der 44 000 Besucher fasende Kessel schon morgen Red-Bull-Arena heißen kann.Dr. Michael Kölmel, 56 Jahre alt, verheiratet, zwei erwachsene Söhne. Sein Büro liegt in einer Villa aus dem 19. Jahrhundert. Ein Namens- oder Firmenschild gibt es nicht. Michael Kölmel besitzt, was den Leipziger Fußball für Investoren wie Red Bull interessant macht: ein Stadion. Vor der Weltmeisterschaft 2006 war es ihm gelungen, das neue Zentralstadion mit Hilfe von Fördermitteln und einem Eigenanteil von 36 Millionen Euro zu kaufen.Der Stadion-Tycoon trägt ein weißes kurzärmeliges Leinenhemd. Er ist groß, schlank. Kölmel spricht leise. Jedenfalls leiser als man es von einem Mann im Fußball-Umfeld erwartet. Kölmel hat in Göttingen und Karlsruhe Mathematik studiert. Neben der Liebe zu den Zahlen entdeckte er seine Liebe zum Film. Als er nach dem Studium ins Filmvermarktungsgeschäft einstieg, konnte er beides verbinden. Wenn der 56-Jährige erzählt, lacht er viel. Es ist eine Art kindliche Freude, als hätten seine Unternehmungen etwas Spielerisches. An dem Geschäft mit Red Bull arbeitete er seit drei Jahren, weil dem Stadion seit der Fußball-WM die Kundschaft knapp wurde. Es sei toll, ein volles Stadion zu sehen, egal ob Depeche Mode spielt oder Liechtenstein gegen Deutschland. Aber natürlich gehe es ihm vor allem um die wirtschaftliche Rechnung, für die nun der Mietvertrag mit Red Bull ein Plus garantiert.Klappt in der nächsten Saison der Aufstieg in die Regionalliga, werde RB Leipzig schon 2010/11 regelmäßig in der künftigen Red-Bull-Arena spielen. "Ab der zweiten Bundesliga werden die Heimspiele hier ausverkauft sein", sagt er. So lautet die Kalkulation. Als Mathematiker weiß er jedoch, dass sich "das Element Zufall auch im Fußball nicht mit Geld beherrschen lässt". Überraschungen kann es also in die eine wie die andere Richtung geben.Der Fan, sagt Kölmel, sehne sich vor allem nach spannender Unterhaltung. Gewinnt die Mannschaft, die das meiste Geld hat? Oder siegt die Tradition? Das Drehbuch ist geschrieben, die Rollen sind besetzt. Hier die Bösen, da die Guten und ab Freitag wird wieder Liga gespielt.------------------------------"Damit hat der Dilettantismus ein Ende." Ronny Kujat, SSV Markranstädt"Je weiter sie kommen, desto mehr werden sie gehasst." Steffen Kubald, 1. FC Lok LeipzigFoto: Spieler der SSV Markranstädt beim Aufwärmen für die neue Saison. Ihr Sponsor soll ihnen Flügel verleihen.