Der Name Lincoln steht in den USA für zwei Dinge: Gerechtigkeit und stramme Limousinen mit vielen PS. Die Autos der Marke sind solide gebaut wie der Thriller nach Michael Connellys Krimivorlage "The Lincoln Lawyer", Beginn einer Buchreihe um den aalglatten Anwalt Mickey Haller. Haller (passend besetzt mit Matthew McConaughey) dient der Gerechtigkeit auf seine Weise, vor allem aber: vom Rücksitz seines Lincolns aus. Eine tolle Idee: Der Wagen ist quasi Büro, Dienstwagen und Fluchtfahrzeug in einem. Hallers Klienten sind selten über jeden Zweifel erhaben, da bietet sich das an. Kleindealer und Prostituierte bekommen bei ihm keinen Prozess, sondern einen Deal, gegen Vorkasse. Haller ist der schmierige Winkeladvokat, den solche Leute brauchen. Sieht man lange genug hin, erkennt man die soziale Ader.Nachdem in den ersten Szenen ständig neues Geld den Besitzer wechselt, von einer Seite der Sichtschutzscheibe auf die andere, kommt der große Fall. Ein ausnahmsweise lukrativer Klient (Ryan Phillippe) hat eine Prostituierte ermordet - oder auch nicht. Normalerweise ist das Haller egal. Diesmal jedoch stürzt ihn die mögliche Verbindung zu einem früheren, verlorenen Fall in ein moralisches Dilemma - ein klassischer Fall von Schuldübertragung, verschärft durch die anwaltliche Schweigepflicht."Der Mandant" ist ein Neo-Noir-Film, nicht nur weil er in Los Angeles spielt. Er hat auch eine dieser herrlich komplizierten Geschichten, die für sich keinerlei Bedeutung haben, aber die Bilder vorantreiben. Die Atmosphäre muss stimmen und dem zweifelhaften Helden Gelegenheit geben, die Höhen und Niederungen dieser Stadt zu durchkämmen, wo das Unrecht aus jedem Gully hervordampft. Und er muss zur rechten Zeit schwitzend unter einem Ventilator sitzen, um seine verfahrene Situation bei einem Glas Whiskey vergessen zu wollen. Regisseur Brad Furman geht souverän und sparsam um mit diesen Standards. Es ist ein moderner Film, der wenig zu tun hat mit so hübschen Retro-Phänomenen wie "L. A. Noire", dem neuen Videospiel. Aber gute Konzepte halten nun mal ewig. Starke Nebenfiguren gehören auch dazu, finstere Kerle, windige Tippgeber, und natürlich schöne Frauen. In Hallers Fall ist da noch eine obskure Rockerbande, die ihm immer wieder mal wie aus dem Nichts zu Hilfe kommt.Der deutsche Titel spekuliert auf den Grisham-Bonus, tatsächlich war McConaughey ja schon in "Die Jury" anwaltlich tätig. Es sind hier aber gerade keine großen Verschwörungen, sondern die kleinen Dinge, die Eindruck machen. Marisa Tomei spielt Hallers Ex-Frau, Staatsanwältin und Mutter der gemeinsam erzogenen Tochter - mit wenigen Strichen tut sich da ein Privatleben auf. Tomei, das schönste Lächeln Hollywoods, ist fünf Jahre älter als McConaughey, auch das sieht man selten. Den Fall hat man so ähnlich schon oft gesehen. Er ähnelt jenen, die ein "Detektiv Rockford - Anruf genügt" in der Hälfte der Zeit erledigte - dessen Büro bestand bekanntlich aus einem Anrufbeantworter, zumindest damals eine tolle Idee! Tatsächlich wirkt "Der Mandant" wie der Pilotfilm zu einer exzellenten Fernsehserie. Man möchte mehr. Dieser seltsame Anwalt und seine seltsame Stadt, die immer noch unbekannte Perspektiven bietet, sind noch lange nicht ausgereizt. Ausnahmsweise ergeht hiermit das Plädoyer für ein Sequel. Der Mandant (The Lincoln Lawyer) USA 2011. Regie: Brad Furman, Drehbuch: John Romano, Kamera: Lukas Ettlin, Darsteller: Matthew McConaughey, Ryan Phillippe, Marisa Tomei, William H. Macy u.a.; 118 Minuten, Farbe. FSK ab 12.------------------------------Foto: Irgendwann einmal ist das bestimmt alles seins: Mick Haller (Matthew McConaughey) blickt über Los Angeles.Foto: Schlimm, wenn junge Menschen ihr Zuhause nicht mögen: Reggie (Margarita Levieva) und Louis (Ryan Phillippe) bleibt nur die Bar.