MARIENDORF. Am Relief der Kanzel ist ein SA-Mann in Stiefeln und ein Soldat mit Stahlhelm deutlich zu erkennen. Den Leuchter "ziert" ein großes Eisernes Kreuz. Diese und viele andere Nazi-Symbole gehören seit Jahrzehnten zur Inneneinrichtung der Martin-Luther-Gedächtniskirche in der Riegerzeile in Mariendorf. Für Superintendentin Isolde Böhm ist es ein schweres Erbe. Wie soll ein Gotteshaus, entstanden in den ersten Jahren der NS-Zeit, genutzt werden? Eine Antwort darauf soll ein Träger finden, den die Kirche in diesen Wochen mit einer bundesweiten, öffentlichen Ausschreibung sucht. Es ist die erste Kirche in Berlin, die auf diese Weise feilgeboten wird.Neue AusstellungEs geht schließlich, wie der Kirchenkreis schreibt, letztlich um die eigene Geschichte: "Der Innenraum ist ein in Deutschland einzigartiges bauliches Beispiel für die Verbindung von evangelischer Kirche und Nationalsozialismus und daher für die aktive Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus prädestiniert." Die Superintendentin spricht von "bezeichnenden Hässlichkeiten", die nicht einfach zu beseitigen seien. Vielmehr gehe es um Mahnung und Erinnerung. Der Wunsch der Gemeinde ist es jedenfalls, die stark sanierungsbedürftige Kirche zu erhalten und dort über die Ideologie der Nazis zu informieren und aufzuklären. "Abriss ist nicht unser Ziel", sagt Isolde Böhm.Seit dem Wochenende gibt es einen ersten Versuch, mit der Geschichte des Hauses und seiner Zeit umzugehen: In der Ausstellung "Das Paradies der Volksgemeinschaft" werden NS-Organisationen der dunklen Realität der Verfolgung in der NS-Zeit gegenübergestellt. In einem zweiten Teil geht es um Prora, das nie fertig gestellte Seebad auf Rügen, mit dem Volksnähe vorgegaukelt werden sollte, dass tatsächlich aber nur der Kriegsvorbereitung diente.Einen Nutzer für den Bau in Mariendorf zu finden wird dennoch nicht einfach sein, denn die Sanierungskosten der seit drei Jahren offiziell geschlossenen und eingerüsteten Kirche belaufen sich auf schätzungsweise 3,5 Millionen Euro. "Wir wollen alles für den Erhalt tun", sagt die Superintendentin. Doch dafür brauche es Zeit. Isolde Böhm rechnet damit, dass es bis zur Umsetzung eines vernünftigen Konzepts bis zu fünf Jahre brauche. In einem ersten Gutachten ist von einer Nutzung als Dokumentations-, Kultur- oder Bildungszentrum die Rede. Unterstützung gibt es von der evangelische Landeskirche und vom Denkmalschutz. Die Gemeinde selbst muss jährlich 40 000 Euro zur Bausicherung aufbringen. Die Standsicherheit hat schon 175 000 Euro gekostet.Die Kirche mit ihren rund tausend Sitzplätzen war 1935 von dem rechtsnationalen Architekten und Kirchenbauamtsleiter Curt Steinberg errichtet worden. Die hitlertreuen Christen - die so genannten Deutschen Christen - liehen sogar ihre Orgel an den Nürnberger Reichsparteitag aus. Anfang der 50er-Jahre wurde nur das neben Paul von Hindenburg hängende Hitlerbild im Vorraum entfernt.Die Ausstellung in der Kirche, Riegerzeile 1a/ Ecke Rathausstraße, ist bis 24. März freitags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet, an den anderen Wochentagen nach telefonischer Vereinbarung. Kirchenführungen gibt es an jedem zweiten Sonntag im Monat. Am 27. Januar gibt es anlässlich des Jahrestages der Befreiung von Auschwitz um 18 Uhr einen Gottesdienst zum Gedenken an die NS-Opfer.------------------------------Foto: (2) Ob Kanzel oder Taufbecken: Überall in der Martin-Luther-Gedächtniskirche finden sich Figuren, die an die dunkle Geschichte der NS-Zeit erinnern.