Nervös zupft Gasan mit den Fingern an den Saiten seiner Geige. Devan säubert schon zum dritten Mal das Anblasrohr seines Saxophons, und Jamal streichelt seine Trommeln, gerade so, als wolle er sie beruhigen und nicht sich selbst. "Kommt Kinder, los jetzt!" spornt Angelika Maillard-Städter ihre Musikanten an. Dann hebt sie den Taktstock. Schlagartig hören die 300 Schüler, Lehrer und Eltern im Publikum auf zu grummeln. Stille. Und eins, zwei, drei: Concerto grosso mit "Carmen".Das Abschlußkonzert, das die sechste Klasse der Fritzlar-Homberg-Grundschule in Berlin-Tiergarten kürzlich gab, war gewissermaßen der Schlußakkord in einer ungewöhnlichen Studie. Über sechs Jahre hinweg hatte Hans Günther Bastian von der Universität Frankfurt an 180 Grundschülern von sieben Berliner Schulen untersucht, ob intensive Musikerziehung die Entwicklung von Kindern beeinflußt und, wenn ja, inwiefern. Das Resümee des Musikpädagogen dürfte Lehrer und Eltern gleichermaßen interessieren. Bastian: "Gemeinsames Musizieren macht Kinder rücksichtsvoller und aufmerksamer." Die Wissenschaftler vermuten, daß beim Musizieren die Vernetzung von Nervenzellen im Gehirn gefördert wird. Der Grund, warum sich der Forscher für seine Studie vom Main in die Bundeshauptstadt aufmachte, ist einfach: In Ländern wie Hessen und Nordrhein-Westfalen findet oft gar kein Grundschul-Musikunterricht statt. Berlin hingegen leistet sich einige sogenannte musikbetonte Schulen. Kinder beginnen dort bereits in der ersten Klasse gemeinsam zu musizieren. Neben dem regulären Unterricht haben sie die Chance, ein Instrument zu erlernen und im Ensemble zu spielen. Zudem veranstalten diese Schulen viele Konzerte und Musikfeste im Jahr. Ein Angebot, das offenbar gern angenommen wird. Drei Viertel der Kinder an diesen Schulen nutzen es freiwillig und am Nachmittag. Und obwohl die Fritzlar-Homberg-Schule mitten in einem sozialen Brennpunkt mit Drogen, Prostitution und Kriminalität liegt, registriert etwa die Lehrerin Angelika Maillard-Städter "wesentlich weniger Zank und Aggression als an anderen Berliner Schulen sowie eine positive Einstellung zum Unterricht und zur Schule als Ganzes".Um herauszufinden, ob die Musik die Kinder umgänglicher macht, verglichen Bastian und seine Kollegen die Eleven je einer Klasse mit gleichaltrigen Schülern, die keinen oder nur den üblichen Musikunterricht genossen. Von der ersten bis zur sechsten Klasse machten die Forscher mit den Schülern halbjährlich Tests zu Intelligenz und Kreativität, zur Fähigkeit, auf andere Rücksicht zu nehmen oder sich durchsetzen zu können, sie ließen die Kinder Bilder malen und Melodien erfinden und befragten auch die Eltern und Lehrer. Die Ergebnisse glichen die Forscher soweit möglich mit jenen Faktoren ab, die das Leben von Kindern mitbestimmen, etwa das Elternhaus und das soziale Umfeld. Die Resultate seien "frappierend", so Bastian, vor allem, was das Sozialverhalten der Schüler angehe. Dies führt der Forscher an den "Ablehnungsquoten" vor. Um diese zu ermitteln, hatte man die Schüler gefragt, wer wen nicht leiden kann. Das Ergebnis: Die Ablehnungsquoten der Kinder in den normalen Schulen waren während der gesamten Grundschulzeit doppelt so hoch wie in den musikbetonten Schulen. Mehr Gefühl für andere"Erst haben wir uns gestritten, jetzt streiten wir uns gar nicht mehr", sagt Saxophonist Julio stolz. Gerade in der Fritzlar-Homberg-Schule ist das nach Ansicht der Forscher bemerkenswert, weil dort Kinder aus vielen Nationen zusammenkommen. Der Studie zufolge machen sich die Musikeleven zudem viel mehr Gedanken über soziale Fragen vom Umwelt- bis zum Mutterschutz als die Kinder in den Vergleichsschulen. Darüber hinaus widerlegt Bastians Studie ein gängiges Vorurteil: Wer viel Zeit fürs Flöten und Fideln aufbringt, wird nicht wie von manchen Kritikern behauptet beim Lesen und Schreiben schwächer. Doch macht Musik Kinder, gerade in den ersten Lebensjahren, auch schlauer? Um dieser Frage nachzugehen, ließen die Wissenschaftler die Schüler mehrfach Intelligenztests lösen. Wie sich herausstellte, fanden sich in den musikbetonten Schulen nach zwei Jahren Unterricht und intensiver Musikerziehung 54 Prozent der Kinder im überdurchschnittlichen Intelligenzbereich. In den Kontrollklassen mit herkömmlichem Stundenplan waren dies jedoch nur 36 Prozent. Vom fünften Schuljahr an allerdings hatten sich die Werte in beiden Schülergruppen auf denselben Durchschnittswert angeglichen.Nicht untersucht haben die Forscher zudem, ob die positiven Effekte der Musikerziehung womöglich auch bei Kindern zu finden sind, die anderweitig kreativ sind, etwa beim Malen oder Töpfern. Und vielleicht spielt das Engagement der Lehrer an musikbetonten Schulen eine größere Rolle als das Musizieren an sich. Die Frage, ob engagierte und mitreißende Musikerziehung Kinderhirne generell stimuliert, bleibt also vorerst noch ungelöst. Für den Neurologen Eckart Altenmüller von der Musikhochschule Hannover steht immerhin fest, "daß Musik zu hören und vor allem das Musizieren selbst zu den komplexesten Leistungen unseres Gehirns zählt". Dies belegen neuerdings auch Untersuchungen mit Positronenemissionstomographen, die sichtbar machen, was wo im Kopf passiert, wenn Menschen denken und fühlen und wenn sie musizieren. Die jeweiligen Hirnbereiche, die aktiv sind, leuchten dann auf einem Monitor bunt auf. Wer selbst in die Tasten oder in die Saiten greift, so das Ergebnis einer der jüngsten Studien, verdrahtet die Nervenzellen im "Oberstübchen" offenbar besonders stark.Ein Forscherteam um den Neurobiologen Christo Pantev von der Universität Münster hatte Musikern und Nichtmusikern Klaviertöne unterschiedlicher Frequenz vorgespielt. Das Ergebnis: Im Gehirn der Musiker leuchteten die Hörareale des Denkorgans dabei um 25 Prozent stärker als bei den Probanden der Vergleichsgruppe. Dialog der HirnhälftenAm dichtesten vernetzt waren die Nervenzellen bei jenen Musikern, die schon früh, spätestens vom siebten Lebensjahr an, ihr Instrument zu spielen gelernt hatten. Eine andere Studie hatte zuvor gezeigt, daß die Verbindung zwischen beiden Hirnhälften bei Musikern über den sogenannten Balken besonders stark ausgeprägt war. Dies deutet auf eine intensive Kommunikation beider Hirnhälften hin.Beflügelt von Befunden wie diesen verglichen Pantev und seine Kollegen daraufhin die visuellen und verbalen Gedächtnisleistungen ihrer Testpersonen. Zwar schnitten alle Probanden ähnlich ab, als es darum ging, sich an Bilder zu erinnern. Worte und Sätze aber blieben den Musikern viel besser im Gedächtnis haften als den Nicht-Musikern. Pantev schließt daraus: "Wenn das Gehirn trainiert wird, musikalische Zeitreihen zu entschlüsseln, werden dadurch auch andere Hirnstrukturen stimuliert." Feinsinnige Wechsel von Harmonie und Rhythmus etwa verbessern die räumliche Vorstellungskraft junger Erwachsener schon nach zehnminütigem Zuhören erheblich. Dieser Effekt hält allerdings nur rund zwanzig Minuten an, wie die Psychologin Frances Rauscher von der Universität von Kalifornien in Davis entdeckte.Die Forscherin wollte daraufhin herausfinden, ob Musik bei Kindern die kognitiven Fähigkeiten dauerhaft stärkt. Dazu untersuchte sie 22 Kleinkinder, die zwei Monate lang täglich im Chorsingen und einmal wöchentlich für eine Viertelstunde am Klavier unterrichtet wurden. Die Kinder lernten dabei, Finger mit Zahlen sowie Zahlen mit Tonhöhen zu assoziieren und anhand dieser Symbole erste Melodien zu spielen. Erstaunlicherweise fügten die so geschulten Kinder später zum Beispiel Puzzlesteine deutlich schneller zu Figuren zusammen als Gleichaltrige ohne musikalische Früherziehung.Wie der Neurologe Altenmüller aus eigenen Studien schließt, "sollen Kinder nicht Musiktheorie lernen, weil das nichts bringt". Wichtig und hilfreich sei aber, daß sie selbst Musik machten freilich ohne Druck, wie er betont. Günther Bastian sieht in der Musikerziehung sogar eine "soziale Chance", die man allen Mädchen und Jungen geben müsse. Die Berliner Schulen, so der Forscher, hätten bereits bewiesen, daß das Konzept funktioniert.