Im ersten Moment verstanden wir die Einladung wörtlich: Türkische und arabische Gemüsehändler wollen der deutschen Mehrheitsgesellschaft ihren Integrationswillen demonstrieren und gründen den Türkisch-arabischen Gemüsehändler-Opernausschuss e.V.! Bizarrer als die Sarrazin'sche Vererbungslehre wäre das auch nicht. Aber der Opernausschuss ist eine Fiktion, nämlich die Rahmenhandlung eines bemerkenswerten Theaterabends im TIYATROM, dem türkischen Theater in Kreuzberg. Seit 1984 werden hier klassische und experimentelle Stücke türkischer und internationaler Autoren gespielt, das Musiktheater gepflegt und Theaterkurse angeboten. Alle paar Jahre produziert der Sänger und Regisseur Berthold Kogut von der Musiktheaterwerkstatt der Musikschule "Fanny Hensel" mit jungen Menschen verschiedener Herkunft eine Oper: Erst gibt es einen grundlegenden Schauspiel-Workshop, dann wird ein Stück geprobt.Am Wochenende wurde in deutscher Erstaufführung (! ) "Polly" vorgestellt, der unbekannte zweite Teil von John Gays "Beggar's Opera", die Brecht als Vorlage zur "Dreigroschenoper" diente. Hier sucht Polly Peachum ihren in Indien abgetauchten Ganovengatten Macheath, muss sich einer Puffmutter erwehren, macht sich in Männerkleidern eine Horde Piraten gefügig und liefert ihren Ehemann, ohne ihn zu erkennen, den Indianern aus. Gay griff mit seinem Stück den Kolonialismus an. In der deutschen Fassung von Kogut dagegen beginnt das Stück seltsam zu schillern: Sind die Europäer in Indien nicht Migranten, die auf ihren Plantagen den Reichtum der fremden Natur ausbeuten und die Einheimischen versklaven? Bestürzt springen die Gemüsehändler auf die Bühne und wollen das Stück beenden: Wird hier nicht ein Bild vom Migrantentum gezeichnet, das den Integrationswilligen gar nicht recht sein kann, zumal es auch noch Kritik an den Europäern ist?Wie man es macht, ist es verkehrt. Die trübe Tatsache, dass man sich zur Integration kaum noch äußern kann, ohne von mindestens einer Seite grimmig missverstanden zu werden, überführt diese Produktion in befreiendes Gelächter. Den Schritt vom Gerede zur Tat hat man hier unternommen: Nichts führt Menschen, ob deutsche oder türkische, so zusammen wie eine gemeinsame künstlerische Anstrengung. Das bekommt die Stadt hier übrigens umsonst, seit sie dem TIYATROM vor zwei Jahren die Zuschüsse gestrichen hat. Nun bekunden die Gemüsehändler wirklich ihren Integrationswillen, indem sie die fehlenden 36 000 Euro im Jahr durch Spenden aufbringen. (Weitere Aufführungen vom 12. - 14.11., Alte Jakobstraße 12, Tel: 615 20 20)