Wer heutzutage in den USA den Namen Charles Murray erwähnt, riskiert, ohne großes "Wenn und Aber" als Rassist bezeichnet zu werden. Zu Recht. Denn das Buch "The bell curve" von Murray und Richard Herrnstein schockt die Gesellschaft. Von "intelligenten Weißen" und "dümmeren Schwarzen" ist die Rede, vom Tabu, darüber zu reden.Der diskriminierende Hokuspokus hat nun ein Ende. Die kalifornischen Humangenetiker Luca Cavalli-Sforza, Paolo Menozzi und Alberto Piazza von der Stanford University haben bewiesen, daß Murrays Thesen nicht haltbar sind. Mit "The History and Geography of Human Genes", einem 1 000 Seiten und 3,4 Kilogramm schweren Geschütz gegen Murrays IQ-Rassenwahn, bringen die Genforscher eine Studie auf den amerikanischen Markt, die ihresgleichen sucht. Das US-Nachrichtenmagazin Time lobt das im Princeton University Press Verlag erschienene Werk als Meilenstein der Forschung.Über mehr als sechzehn Jahre hat Cavalli-Sforza, heute 72, mit seinen Kollegen an dem Projekt gearbeitet. Die Ergebnisse belegen vor allem eine Tatsache: Das Erbmaterial von Mensch zu Mensch variiert stärker als von Weiß und Schwarz, Gelb und Rot! Hinter Aussehen und Farbe stecken, so scheint es, hauptsächlich Gemeinsamkeiten.Was Luca und Francesco Cavalli-Sforza bereits im Sommer letzten Jahres in ihrem Buch "Verschieden und doch gleich" (Droemer Knaur, München) auf 445 Seiten publikumswirksam beschrieben haben, findet in der amerikanischen Studie die Bestätigung. So ist der genetische Unterschied zwischen zwei Nachbarn in einem Haus wahrscheinlich größer als der zwischen Afrikanern und Europäern. Denn von den rund drei Milliarden Genen, die den Bauplan des Körpers bestimmen, variieren zwischen drei und sechs Millionen von Mensch zu Mensch - innerhalb einer Bevölkerungsgruppe. Nur einige Dutzend Gene hingegen bestimmen Gesichtsform und Hautfarbe. Neue Weltkarte Als Marker für die Untersuchung dienten Eiweiße, die im Blut zu finden sind. Antigene, Antikörper und andere Proteine verrieten den Forschern, wie weit die unterschiedlichen Populationen genetisch auseinanderliegen. Über 2 000 Völkergruppen nahmen die Wissenschaftler unter die Lupe. Die Mosaiksteine fügte Cavalli-Sforza mit seinem Team zu einem Bild zusammen. Die Studie enthält die Ergebnisse in grafischer Form: Aus den Computerauswertungen entstanden Karten, auf denen zu erkennen ist, wer auf unserem Planeten mit wem verwandt ist - genetisch betrachtet.Weil sich die australischen Ureinwohner, die Aborigines, und die Bewohner der südlichen Sahara äußerlich nur wenig voneinander unterscheiden, nahm man bisher eine enge Verwandtschaft zwischen den Völkern an. Doch ihre Erbinformation erzählt eine andere Geschichte: Keine andere Bevölkerungsgruppe auf der Erde ist mit den Afrikanern weniger verwandt als die australischen Ureinwohner. Europäer hingegen sind, trotz heller Hautfarbe und äußerlicher Unterschiede, recht "nahe" genetische Verwandte der Schwarzen in Afrika. Geringe Veränderungen Die äußerlichen Unterschiede entpuppen sich als Folge der Völkerwanderungen im Laufe der Menschheitsgeschichte. Wiege der Menschheit bleibt demnach, so die Studie, Afrika. Von hier aus begannen vor über 100 000 Jahren die großen Migrationen. Weil die Völker aus Afrika in Europa auf veränderte klimatische Bedingungen stießen, paßten sie sich an. Langsam verschwand die Bildung der dunklen Hautpigmente, aber die Mehrzahl der Gene veränderte sich dadurch nicht.Europa weist weitere Überraschungen auf. Die französischen und spanischen Basken haben einzigartige Blutmerkmale. Und aus der Tatsache, daß sie geographisch gesehen immer noch in den Höhlengegenden von Lascaux und Altamira leben, schließt Cavalli-Sforza auf ihre Herkunft: Der Cro-Magnon, der erste moderne Mensch in Europa, ist ihr Urahn. Aber vermutlich nur ihrer. Der Durchschnittseuropäer dagegen ist nach Cavalli-Sforzas Studie zu 55 Prozent aus asiatischen und 35 Prozent aus afrikanischen Genanteilen "zusammengesetzt".Die Forscher sind guten Mutes, bald mit noch genaueren Ergebnissen aufwarten zu können. Denn heute stehen andere, weit bessere Methoden für die Genbetrachtungen zur Verfügung. So können sie auf indirekte Methoden wie die Blutgruppenuntersuchung verzichten, statt dessen auf die Untersuchung einzelner Abschnitte der Erbsubstanz, der DNA, setzen. Frühestens in zehn Jahren erwartet Cavalli-Sforza neue Ergebnisse. Aber schon heute steht fest: Die Einteilung der Menschheit in Rassen ist überholt. +++