Auch Prominente vom Zentralrat der Juden in Deutschland wollen die Streitigkeiten in der Berliner Jüdischen Gemeinde nicht mehr hinnehmen. Der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, kündigte gestern im Ludwig-Erhard-Haus überraschend an, selbst bei den Gemeindeparlamentswahlen am 25. November zu kandidieren, um "gegen Austrittswellen" zu kämpfen. Mit harten Worten beschrieb Kramer die Zustände in der Berliner Gemeinde: "Machtkämpfe ohne Rücksichtnahme auf Personen, Misstrauen und Feindschaft untereinander, Hexenjagd und Inquisition gegen Unliebsame."Schon seit Jahren bestimmen Streitereien und gegenseitige Strafanzeigen das Bild der Gemeinde nach außen. Mitarbeiter sprechen ganz offen von Mobbing am Arbeitsplatz. Alteingesessene Mitglieder, vor allem aus den Westbezirken, haben die Gemeinde verlassen - darunter der bekannte Historiker Julius Schoeps. Ex-Gemeinde-Chef Albert Meyer und andere Mitglieder machen ihre weitere Mitgliedschaft vom Ausgang der Wahlen abhängig.Kramer schließt sich der Wahlliste ATID (hebräisch: Zukunft) an, die das bekannte Gemeindemitglied Lala Süskind gegründet hat. Mit seiner Kandidatur ist der Wahlkampf direkt nach dem jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschanna mit einem Paukenschlag eröffnet worden. Wie Kramer sagte, setze er auf eine Strukturreform und möchte die Selbstverwaltung der Synagogen stärken: "Es gilt, Abspaltungen von der Gemeinde zu verhindern." Kramer hat seine Karriere beim Zentralrat als persönlicher Referent unter dem damaligen, 1999 verstorbenen Zentralratspräsidenten Ignatz Bubis begonnen und als Generalsekretär unter den Nachfolgern Paul Spiegel und Charlotte Knobloch amtiert. Erst vor wenigen Jahren ist der Vater von zwei Töchtern zum Judentum konvertiert.Unterstützung von FriedmanWie schlecht die Stimmung in der Gemeinde ist, zeigte der Auftritt von Michel Friedman. Der bekannte Publizist, extra aus Frankfurt am Main angereist, griff ebenso wie der Generalsekretär den derzeitigen Vorstand um Gemeindechef Gideon Joffé massiv an und unterstützte Kramer. Die Gemeinde mit ihren mehr als 10 000 Mitgliedern sei weitaus mehr, als "die, die sie vertreten." In den Auseinandersetzungen der letzten Jahre habe sich die Gemeinde entpolitisiert. Mit Blick vor allem auf die osteuropäischen Zuwanderer - rund 80 Prozent der Mitglieder - sagte Friedman: "Es muss mit Unterscheidungen aufhören, ob ein Jude aus A oder B kommt." Juden seien eine Gemeinschaft.Die Liste ATID mit Kramer ist nicht die einzige Gruppierung, die um die 21 Parlamentssitze in der Repräsentanz kämpft. In der Gruppe "Tacheles" tritt der derzeitige Vizechef Arkadi Schneidermann an. Einer der einstigen Gemeindechefs, Alexander Brenner, kandidiert als Einzelperson. Definitiv verzichten wird Albert Meyer. Der Notar, über die Gruppe "Kadima" (Vorwärts) ins Amt gekommen, hatte den Vorsitz nach knapp zwei Jahren im Jahr 2005 wegen Unstimmigkeiten im Vorstand und direkten Angriffen auf ihn entnervt aufgegeben. Der Vorstand bestimmte Gideon Joffé zum Nachfolger, der wieder kandidiert.------------------------------Foto: Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland