George Soros schreibt in seinem Hauptwerk über die Welt im Allgemeinen und sich im Besonderen. Der Leser muss es entwirren: Die Geschichte ist eine ganz besondere Art von Schnürsenkel

George Soros, der berühmte Börsenspekulant und Philanthrop, hat wieder ein Buch geschrieben, und darin ist er weise geworden. In seinem vorangegangenen Werk, "Die Krise des globalen Kapitalismus", prophezeite er noch den Untergang des Weltkapitalismus. Als Schwarzseher ließ er sich gut von Globalisierungsgegnern für ihre Sache nutzen. Doch er muss eingestehen: "Von heute aus gesehen lag ich mit meiner Katastrophenprognose falsch." Nun hat sich Soros zurückgelehnt und die Welt als Ganzes in den Blick genommen. Immer noch werden viele Menschen ärmer, die Konzerne mächtiger, die Finanzmärkte wilder, das System driftet auseinander. Das will er verhindern. "Ich verspürte das Bedürfnis, meine Gedanken über die offene Gesellschaft zu ordnen und systematisch darzustellen. Das ist im vorliegenden Buch geschehen." Nein, das ist im vorliegenden Buch nicht geschehen. Stattdessen präsentiert er ohne Ordnung und ohne System lauter Dinge, die er schon immer mal loswerden wollte. Wie ein Junge auf einem Spielplatz springt er von einem Gegenstand zum nächsten. Und weil er ein großer Mann ist, hat Soros große Spielsachen: Die Nato, das Geld, das "Verhältnis von Denken und Realität", die Geschichte, die ökonomische Theorie, die Moral. "Bevor ich mich dem tatsächlichen Stand der Dinge zuwende, möchte ich noch kurz auf die Grundlagen internationaler Beziehungen eingehen." So ein Satz ist typisch Soros.Das Buch hat zwei Teile, den ersten könnte man "Theorie" titeln, den anderen "Praxis". Im Theorie-teil entwickelt Soros das, was er seinen "begrifflichen Rahmen" nennt. Dabei stützt er sich auf den Philosophen Karl Popper, den er als Student gehört hat. Von ihm hat er verstanden, dass der Mensch sich irren kann. "Ich gehe von der Prämisse aus, dass wir die Welt, in der wir leben, prinzipiell nicht vollkommen begreifen können." Denn: "Ich bin Teil der Welt, die ich zu verstehen suche, also ist mein Verständnis von ihr notwendigerweise unzulänglich." Verlässlich erkennbare Wahrheit gibt es nicht, dafür aber Unwahrheit, und sympathischerweise belegt Soros das am eigenen Beispiel: "Mein Irrtum unterstreicht, wie wichtig es ist, die eigene Fehlbarkeit zu erkennen." Schon nach ein paar Seiten kann man nur noch ahnen, was Soros eigentlich sagen will. Aber, ruft Soros uns fröhlich zu, das macht nichts, denn es kommt nicht auf Klarheit an (und auf "Wahrheit" ohnehin nicht), sondern auf Wirkung: Es ist nicht wichtig, ob eine Erklärung richtig oder falsch ist, sondern nur, ob sie Menschen dazu bringt, die Welt besser zu machen. Diese bessere Welt ist nach Popper schem Vorbild die "offene Gesellschaft". Soros hat unter ihren Feinden vor allem die "Marktfundamentalisten" im Visier. Das sind Ökonomen, die den Markt als Lösung für alle gesellschaftlichen Probleme sehen. Für Soros Marktfundamentalisten ist die Welt ein großer Apparat, der bei bekanntem Input ein berechenbares Output liefert. Ihnen hält Soros entgegen, dass menschliche Gesellschaften nicht berechenbar sind: "Bei historischen Untersuchungen wäre es ein Fehler, Menschen genauso zu behandeln wie andere Arten von Lebewesen... Der historische Prozess, wie ich ihn sehe, ist offen. In einer Situation mit denkenden Subjekten sind Ereignisse nicht so zu verstehen, dass sich eine Tatsache unmittelbar an die nächste reiht; vielmehr verschränken sich Tatsachen mit Wahrnehmungen und Wahrnehmungen mit Tatsachen - ineinander verflochten wie bei einem Schürsenkel. Die Geschichte ist jedoch eine ganz besondere Art von Schnürsenkel: Teils tatsächlich real, teils lediglich aus den Gedanken der Akteure bestehend. Die beiden Materialien passen nicht zueinander, und die Unterschiede zwischen ihnen bestimmen die Form der Ereignisse, die sie verbinden." Beim Lesen von Soros Buch bekommt der Leser nur deswegen keinen steifen Nacken, weil er ständig den Kopf schüttelt - über diese Mischung von Wirrem und Trivialem. Nicht nur sind Soros Marktfundamentalisten ein idealtypischer Gegner, der nicht genauer benannt wird; Soros Kritik an ihnen bleibt formal: Die Zukunft ist offen, das ist sein ganzes Argument. Für diese Einsichten braucht Soros die ersten 200 Seiten seines Buches, die man besser überspringt. Seinen "begrifflichen Rahmen" wendet Soros im zweiten Teil seines Buches auf die "Realität" an. Verwirklicht sieht er die Prinzipien der offenen Gesellschaft in einer kleinen Gruppe von Staaten, die ziemlich identisch mit den G-7 ist. Da werden ihm so manche Globalisierungsgegner, die in Genua just gegen die Politik der sieben mächtigsten Industrienationen demonstriert haben, widersprechen. Im Gegensatz zu den Demonstranten begegnet Soros den G-7 aber auf Augenhöhe. Er gehört zu den Großen. "Ich fühlte mich in hohem Maße persönlich verantwortlich, als die USA im Kosovo eine festere Haltung einnahmen - nicht weil man mich konsultiert hätte (das war nicht der Fall)." Er, der schon so viele mächtige Männer getroffen hat (die alle im Buch aufgezählt werden), muss mit den anderen Weltenlenkern ein ernstes Wort reden: "Die Erfahrung zweier Weltkriege hat gezeigt, dass ein System, das auf der Souveränität von Staaten beruht, Frieden und Stabilität nicht sichern kann." Über diesen Gedanken wird Soros jedoch nicht zum Anarchisten. Er kritisiert nicht den Machtgebrauch, sondern den Machtmissbrauch. Um den zu verhindern, brauche es supranationales Denken und Handeln in Form von internationalen Institutionen: eine Weltzentralbank, eine stärkere UNO, den Internationalen Währungsfonds, die Nato, vielleicht auch eine einzige Weltwährung. Staaten, die sich dieser Kooperation verweigern, werden zum Betreuungsfall der weltweiten "Allianz für die offene Gesellschaft", die Ordnung durch Unterordnung schafft. Das hat in Jugoslawien schon ganz gut geklappt, findet Soros: "Im Kosovo intervenierte die Nato zur Verteidigung der Grundsätze einer offenen Gesellschaft." Nur habe der Westen nach dem Krieg "zu wenig" getan. "Der Kosovokonflikt hat mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass der Nato eine politische Allianz an die Seite gestellt werden muss, deren Ziel es ist, die Werte einer offenen Gesellschaft zu fördern." Behindert werde dies von den Vereinigten Staaten: "Die USA glauben, ihr Supermachtstatus verleihe ihnen besondere Privilegien und sie seien berechtigt, die internationalen Institutionen zu beherrschen." In Soros neuem Buch gibt es nichts Neues. Er wärmt einige seiner alten Gedanken noch mal auf. Das Russland-Kapitel, das beste des ganzen Buches, wurde schon in "Die Krise des globalen Kapitalismus" veröffentlicht. Ansonsten gibt es viel Wirres und seitenweise gute Ratschläge für eine bessere Welt, die sich im Rahmen dessen bewegen, was ohnehin diskutiert wird. Das Buch ist etwas für schwindelfreie Soros-Fans, die einen tiefen Blick in die Gedankenwelt ihres Gurus werfen wollen. Denn: "Auf einer persönlichen Ebene gesehen, handelt es sich bei diesem Buch um mein Lebenswerk."George Soros: Die offene Gesellschaft. Für eine Reform des globalen Kapitalismus. Alexander Fest Verlag, Berlin 2001. 399 S. , 39,80 Mark.AP/DARKO BANDIC Genua 2001: Die offene Gesellschaft im Kampf mit ihren Feinden. Aber wer ist denn hier der Feind?