George Soros setzt sich für Demokratie in Osteuropa und gegen George W. Bush ein. In Kiew ist der Milliardär erfolgreich, in Washington eher nicht: Der Gewinner, der Verlierer

NEW YORK, im Januar. Verlässt man den Aufzug im 32. Stock an der 7. Avenue, dann sieht man zunächst nur den Namen. Soros. So steht es in Metall-Buchstaben auf einer hellen Holzwand geschrieben. Einfach nur Soros. Nicht Soros-Fonds oder Soros-Stiftung. Soros. So als wüsste man ohnehin, was das heißt. Als wisse jeder, wer oder was sich hinter dem Namen verbirgt: Ein Milliardär, ein Finanzgenie, ein selbst ernannter Philosoph. Ein Mann, der die Welt verändern will und es manchmal sogar kann. Es wäre kühn zu behaupten, der Regierungswechsel in Kiew gehe auf das Konto von George Soros in New York, aber eine gewisse Inspiration, wie man sich hier ausdrückt, mag Soros gegeben haben. Seit mehr als zehn Jahren unterstützt der Multimilliardär eine Stiftung in der Ukraine, die dort eine Art Ausbildung in Sachen Demokratie anbietet. Es geht um die Verbreitung westlicher Ideale wie Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, die freie Meinungsäußerung, und den freien Zugang zu Informationen. Und Soros tut das nicht nur in der Ukraine. Sein so genanntes Open Society Institut, die Stiftung für eine offene Gesellschaft, hat sich schon an vielen Orten in Osteuropa eingemischt. Anders als andere Organisationen hat die Soros-Stiftung dank ihres Mäzens unsagbares Gewicht. Soros, 74 Jahre alt, ist einer der reichsten Männer dieser Erde. Bekannt ist, dass er rund sieben Milliarden Dollar auf seinen Konten hat. Bekannt ist auch, das er sein Vermögen in zwei Jahrzehnten vor allem durch Spekulationen gemacht hat. Weniger bekannt ist vielleicht sein Ausspruch: "Ich bin ein Mann mit einer eigenen Außenpolitik." Doch darum geht es. In Kiew nannten die Bürgerrechtler ihren Umsturz die orangene Revolution. Ein Jahr zuvor erlebten die Georgier die Rosen-Revolution. Damals jagten die Menschen in Tiflis den Präsidenten Eduard Schewardnadse aus dem Amt. Soros' Leute waren auch dort. Das Open Society Institut hatte eine Sommerakademie in Georgien organisiert, in dem Jugendlichen die Prinzipien einer demokratischen Gesellschaft beigebracht wurden. Und sie haben sie verinnerlicht. Einige derer, die damals in Tiflis auf die Straße gegangen sind, waren Schüler in Soros' Demokratie-Universität. Ein Zufall nur? "Wir sind eine unabhängige, überparteiliche Organisation, die in erster Linie die Ziele der Stiftung verfolgt: Demokratie zu vermitteln", sagt Laurie Silber, die Chefin des Open Society Instituts in New York. Es bestünde keinerlei direkter Kontakt zu der Opposition in der Ukraine oder anderswo. Man unterstütze lediglich Programme und Projekte, vergebe Stipendien und bilde Wahlbeobachter aus. Allerdings will Laurie Silber nicht ausschließen, dass die Lebensphilosophie ihres Chefs eine, wie sagt man, Inspiration für die Menschen sein kann.Das Vorgehen der Soros-Stiftung in den Ländern des ehemaligen Ostblocks ist eigentlich immer gleich: Es wird eine Stiftung gegründet, häufig durch Bürgerrechtler, Intellektuelle, die Soros selbst benennt, und dann wird diese Stiftung finanziell unterstützt. Das Open Society Institut selbst tritt selten namentlich in Erscheinung. Inspiriert haben die Ideale der offenen Gesellschaft schon viele Studenten in Osteuropa. 1996 zog die serbische Jugend auf die Straße, um den Präsidenten und Diktator Slobodan Milosevic loszuwerden. Zunächst ohne Erfolg. Erst im Jahr 2000, ein Jahr nach dem Kosovo-Krieg, gelang es der Opposition mit Hilfe von gut organisierten Protesten, sich Milosevics zu entledigen. Eine weitere offene Gesellschaft war in Mitteleuropa geboren. Und es dürfte kaum überraschen, dass eine von Soros' Stiftungen damals in Belgrad tätig war und es heute noch ist. Begonnen hat alles in Ungarn in den achtziger Jahren. "Mit dem sicheren Instinkt, mit dem er auch geschäftlich so viel erreicht hat, wusste Soros, dass eine Zeit des Wandels gekommen war", schreibt der ehemalige New York Times-Journalist Michael Kaufman in seiner Soros-Biographie. Nachdem der Finanzier ein Jahr lang mit den ungarischen Behörden verhandelte hatte, unterzeichnete er 1984 das erste Abkommen zur Gründung einer Stiftung, die seine Idee der "offenen Gesellschaft" in dem kommunistischen Ungarn fördern sollte. Als erstes brachte Soros Bücher in das Land, als zweites Kopiermaschinen, die er an öffentlichen Orten aufstellte. Mitarbeiter aus der damaligen Zeit sind heute noch der Meinung, dass die Gründung der Stiftung in Ungarn zum Sturz des kommunistischen Regimes beigetragen hat. Soros selbst erinnert sich gerne an die Zeit. "Ungarn - das hat am meisten Spaß gemacht", wird Soros zitiert. Selten habe etwas seiner Idee von einer "offenen Gesellschaft" so sehr entsprochen, wie das Aufstellen von Kopiermaschinen in Budapest. Für den Sohn jüdischer Ungarn muss es etwas ganz Besonderes gewesen sein, ausgerechnet in seinem Heimatland zum Ende eines totalitären Regimes beigetragen haben zu können. Als 13-Jähriger erlebte Soros den Einmarsch der Nazis in Ungarn. Der Vater besorgte der Familie falsche Pässe. Sie überstanden die deutsche Besatzung im Land, doch der jugendliche Soros lebte ständig mit der Angst, entdeckt zu werden. Nach der Nazi-Zeit floh Soros 1947 vor den sowjetischen Soldaten nach London, wo er sich mit Hilfsarbeiten das Studium an der renommierten London School of Economics finanzierte. Dort lernte Soros Karl Popper kennen und verehren. Poppers Schrift über "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" begeisterte ihn. Die Idee einer Gesellschaft, die offen ist für Veränderungen und Experimente und vor allem für Diskurs, ist ein Leitmotiv in Soros' Leben geblieben.In insgesamt fünfzig Ländern der Welt gibt es heute Organisationen, die mit Soros' Open Society verbunden sind. Von Afrika über die ehemaligen Sowjetrepubliken, Ost- und Mitteleuropa und Asien bis nach Lateinamerika spannt sich der Einflussbereich von Soros. Er fördert Projekte in Burma, baute im Kosovo-Krieg ein Wasserreinigungssystem für das umkämpfte Sarajevo auf, unterstützt in Polen und Tschechien Frauen-, Gesundheits- und Umweltprojekte. In Afrika will er mit einem Medien-Programm zum Aufbau einer freien Presse beitragen. Und in der Burg in Budapest gründete er seine Europäische Universität. Das sind viele gute Vorhaben, die viel Geld benötigen. Und Soros ist großzügig: Zwischen 1987 und 1997 spendete er insgesamt 1,5 Milliarden Dollar mit seiner Stiftung. Bis heute gibt der Spender jedes Jahr hunderte von Millionen Dollar für wohltätige Zwecke. Selbst in den Büroräumen an der 7. Avenue in New York scheint so etwas wie eine "offene Gesellschaft" im Mikrokosmos zu existieren. Im Gegensatz zu den Gepflogenheiten in anderen Büros in Manhattan geht es bei Soros locker zu. Die Herrn tragen keine Krawatte, sondern legere dunkle Pullover und begrüßen jeden Fremden so herzlich, als kenne man sich schon lange. Der atemberaubende Blick auf den Central Park und in die Straßenschluchten von New York aus den Büros im 32. Stock erinnert einen aber schnell wieder daran, dass es hier um Macht und Geld geht. Wer so einen Blick auf die Stadt hat, gehört nicht zu den Verlierern dieser Welt. Soros war von Anfang an ein umstrittener Gewinner. Er wurde berühmt, als er gegen die Zentralbank in London spekulierte und damit die Abwertung des britischen Pfunds erzwang. Soros verdiente eine Milliarde Dollar bei dem Deal. Seitdem gilt er als der Mann, der die britische Zentralbank knackte. Durch seine Währungsspekulationen in Asien machte er sich den malaysischen Premierminister zum Feind, der nannte ihn einen unverantwortlichen Spekulanten und warf ihm vor, für die große Währungskrise in Asien verantwortlich gewesen zu sein. Heute zeigt sich Soros als scharfer Kritiker jenes Systems, das ihn reich gemacht hat. In zweien seiner insgesamt acht Bücher kritisiert er die freien Märkte und warnt vor der Globalisierung. Doch die härteste Kritik, die der Multimilliardär äußert, trifft kein Finanzsystem und auch nicht die Globalisierung. Sie trifft George W. Bush. "The Bubble of American Supremacy", die Vorherrschaft der USA - eine Seifenblase, das neueste Buch von Soros, ist eine Abrechnung mit der Politik der Bush-Regierung. Soros wirft dem Präsidenten vor, die USA in eine "geschlossene Gesellschaft" zu verwandeln. Er gefährde die Bürgerrechte, und seine arrogante Außenpolitik untergrabe die Sicherheit der Nation, schreibt Soros über Bush. Nichts bewegte den 74-jährigen in den vergangen Monaten mehr als die amerikanische Präsidentenwahl. Für Soros war die Entscheidung zwischen John Kerry und George W. Bush eine "Frage von Leben und Tod". Es sei die "wichtigste Wahl seines Lebens", erklärte er in einer zweiseitigen Anzeige, die vor der Präsidentenwahl in fünfzig Zeitungen veröffentlicht wurde. Er selbst, so verkündete Soros damals, wolle 75 Millionen Dollar und seine gesamte politische Energie auf dieses eine Ziel richten: Die Abwahl von George W. Bush. Soros hat verloren. Den Kampf George gegen George hat der Präsident gewonnen. Er wird in zwei Tagen für weitere vier Jahre vereidigt und von Soros ist seit der Wahl im vergangenen November wenig zu hören. In seinem Büro ist man bemüht, Soros' Weigerung, sich interviewen zu lassen, diplomatisch zu interpretieren. "Er versteckt sich nicht, er ist lediglich desillusioniert", versichert sein Sprecher. Und wer würde es ihm verdenken.George Soros ist ein Mann, der nicht gerne verliert. In Belgrad, Tiiflis und in Kiew hat er sich durchsetzen können. Doch in Washington ist er gescheitert. Selbst die Macht eines Mannes wie Soros hat offenbar Grenzen. Einen Trost gibt es aber für ihn. Zeitungen berichten, in der weißrussischen Hauptstadt Minsk gebe es Anzeichen für Proteste gegen den Diktator des Landes. Die Demonstranten wollten Präsident Alexander Lukaschenko stürzen und in Zukunft in einer Demokratie, in einer offenen Gesellschaft leben. Auch dort hat George Soros eine Stiftung gegründet.------------------------------"Ich bin ein Mann mit einer eigenen Außenpolitik." George Soros------------------------------Foto: George Soros, 74 Jahre alt, ist einer der reichsten Männer der Erde. Bekannt ist, dass er rund sieben Milliarden Dollar auf seinen Konten hat.