George W. Bush verwandelt die USA in die meistgehasste Nation der Welt: Saddams schnaufender Zwilling

Arthur Miller, der große alte Mann der amerikanischen Literatur, las wenige Tage vor dem Einmarsch in den Irak in New York: "Poetry against War", Gedichte gegen den Krieg. Er stellte die eine Frage, die viele in Amerika bewegt. "Wie konnte es passieren", fragte Miller, "dass einer der blutigsten Diktatoren der Weltgeschichte gegen uns die moralische Überhand gewonnen hat?" Ja, wie konnte das passieren? Die Antwort darauf gibt Hollywood. Vor 150 Jahre herrschte einmal ein Bandenboss in New York. Bill the Butcher wurde er genannt, Martin Scorsese und Daniel Day-Lewis haben ihm in "Gangs of New York" ein Denkmal gesetzt. Das Problem von Leuten wie George W. Bush, Donald Rumsfeld und Dick Cheney ist, dass sie den Rest der Welt weit mehr an Bill the Butcher erinnern als an Luke Skywalker aus "Krieg der Sterne" oder Sheriff Kane aus "High Noon". Wie Bush jr. sah sich auch Bill the Butcher keineswegs als Gangster. Er lebte und starb als "echter Amerikaner". Er war ein alteingesessener, angelsächsischer Protestant, der New York gegen die schwarzen und irischen Einwandererhorden verteidigte und der sicherlich keine Araber in Five Points geduldet hätte. Bill the Butcher wurde von den politischen Größen der Stadt unterstützt. Er stand für Recht und Ordnung; er konnte großzügig sein, nachdenklich und verzeihend. Aber er blieb der Furcht erregende Bandenboss. Und niemand will in einer Welt leben, die von Bill the Butcher regiert wird. Nicht mal Tony Blair. Neben dem eigentlichen Krieg gibt es noch den Krieg um den Krieg - er wird in der virtuellen Welt ausgefochten, im Fernsehen, im Kino, im Internet. Die Waffen sind nicht mit Uran angereicherte Panzermunition, Daisy Cutters und Agent Orange, sondern Bilder, Metaphern, Assoziationen, die Gesichter von Hollywoodstars, Popsongs und die vielen Spaß- E-Mails: wie Bush ein Buch verkehrt herum hält oder Saurons goldenen Ring trägt mit der Inschrift "sie zu knechten". Wer nicht begreift, dass es nicht darum geht, wie viele Sprengkörper Saddam heimlich gehortet und was Hans Blix gefunden hat, hat diesen Krieg schon verloren.Dass die USA kein militärisches Problem haben, Saddam Hussein zu beseitigen, kann jeder im Fernsehen sehen. Wäre Saddam eine ernsthafte Bedrohung für die USA gewesen, hätten sie den gesamten Irak schon längst pulverisieren können, so wie Darth Vader in "Krieg der Sterne" den Planeten Alderaan ausgelöscht hat. Nein, es geht darum, wie die USA, wie Bush aus dem Krieg hervorgehen: als Sheriff Kane oder als Bill the Butcher. Als Führer der freien Welt oder als Darth Vader.Nun verschwimmen in den USA, besonders im amerikanischen Fernsehen, Realität und Fiktion ohnehin fortwährend. In einer Folge der "Akte-X"-Nachfolgeserie "Lone Gunmen" steuern Terroristen ein Flugzeug fast ins World Trade Center, doch tatsächlich stecken CIA und Pentagon hinter dem Coup. In dem Hollywoodfilm "Wag the Dog" wird ein kompletter Schein-Krieg inszeniert. Das New York Times Magazine druckte eine Geschichte, in der ernsthaft darüber räsoniert wird, ob die Nasa die Mondlandung gefälscht hat. Die grünen Nachtansichten des Kriegs auf CNN sehen aus wie ein Videospiel. Argumente zählen weniger als Bilder und Gefühle.Nun fällt gerade das Bilder produzierende Amerika Bush in den Rücken, was kein Zufall ist, denn Bush will nicht nur mit Hussein aufräumen, sondern auch mit einer Populärkultur, die zu viel Sex, Drugs and Rock n Roll anbietet. Sean Penn und Patty Smith, Norman Mailer, Mos Def, Madonna und Russell Simmons jammen gegen den Krieg, während sich Dustin Hoffman, George Clooney und Leonardo DiCaprio als Friedensfreunde feiern lassen. Der 15. Februar 2003 war der Tag, an dem klar wurde, dass der Präsident den virtuellen Krieg verlieren würde. Die ganze Welt demonstrierte, sogar Los Angeles - dort wurde die Demo von Martin Sheen angeführt. Sheen spielt in der populären NBC-Serie "The West Wing" den Präsidenten der USA, Jed Bartlet. Einen liberalen, demokratischen Präsidenten. Bartlett wirkt nicht nur sympathischer als Bush - er wirkt auch echter als Bush. Wie ein richtiger Präsident.Sicherlich, Bush, Rumsfeld und Cheney haben ein PR-Problem. Sie wissen nicht, wie man mit dem Rest der Welt kommuniziert. Das Einzige, was sie im ausländischen Fernsehen sehen, sind vermutlich die neuen Osama-Bin-Laden-Statements, die alle paar Wochen vom Fernsehsender Al-Jazeera gesendet werden. Sie begreifen nicht, wie ihre Bill-the-Butcher-Attitüde anderswo ankommt oder es ist ihnen egal. Den Amerikanern ist es aber nicht egal. Was den Schock des 11. September ausmachte, war die Wahrnehmung, dass es so viele Menschen gibt, die Amerika hassen. Die Amerikaner wollen nicht von Darth Vader repräsentiert werden.Kürzlich ist Charlotte Beers, die Imagebeauftragte der amerikanischen Außenpolitik, zurückgetreten. Die US- Regierung hat eine Nachfolgerin gefunden: die PR-Expertin Margaret Tutwiler, die bereits für Bush senior tätig war. Ob das helfen wird? Die publizistische Verwandlung von Bush in Saddams schnaufenden Zwilling verdankt sich schließlich auch den Leuten, die hinter dem Irak-Krieg stecken: Cheney, Rumsfeld, John Ashcroft, Paul Wolfowitz, Richard Perle, John Negroponte, Otto Reich, John Poindexter, Elliot Abrams, Richard Armitage. Dies ist eine Personage, aus der Oliver Stone gut seinen nächsten Verschwörungsfilm drehen könnte. Was Wunder, dass Stone, dem wir "JFK" und "Nixon" verdanken, ebenfalls gegen den Krieg auftritt.Wolfowitz, Rumsfelds Stellvertreter, verkaufte unter Nixon Propaganda für den Vietnamkrieg. Perle war damals Waffenlobbyist und bekämpfte danach den SALT-Waffenkontrollvertrag. Cheney hat gegen die Freilassung von Nelson Mandela gestimmt. Armitage vertrat die USA im Iran des Schah. Poindexter und Abrams haben unter Reagan (zusammen mit Oliver North) Waffen an die iranischen Mullahs geliefert und mit dem Erlös Todesschwadrone in Nicaragua und El Salvador finanziert, während Reich und Negroponte wegsahen, als in El Salvador Nonnen massakriert wurden. Abrams und Perle haben hinter den Kulissen den Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern torpediert. Vermutlich wird Ollie North (der bereits eine Talkshow bei Fox News hat) demnächst Pressechef im Pentagon. Eigentlich befinden wir uns in einer Version von H.G. Wells "Time Machine": die Zeitmaschine hat uns bereits in Reagans Ära und in die von Nixon gerissen. Wo wird das enden? Wieder spricht man von schwarzen Listen. Ist die Zeitmaschine bei J. Edgar Hoover und McCarthy angekommen? In den New Yorker U-Bahnhöfen hängt Reklame für einen Film über das Leben von Rudy Giuliani, dem Helden von New York. Giuliani wird von James Woods gespielt, der in dem Fernsehfilm "Citizen Cohn" Roy Cohn dargestellt hat, McCarthys rechte Hand. Irgendwie sieht er aus wie Wolfowitz. Es geht um mehr als den Mittleren Osten. Es geht um das Weiße Haus. Wird Bush the Butcher wiedergewählt oder verzeihen ihm die Amerikaner nicht, dass er sie in das meistgehasste Volk der Welt verwandelt hat? Werden wir demnächst von Ollie North regiert oder von Jed Bartlet? Weiß jemand, wie man diese Zeitmaschine ausschaltet? Wo ist Stanley Kubrick, wenn man ihn braucht?Wird aus George W. Bush ein zweiter "Schlächter Bill"?.CINETEXT/MIRAMAX Daniel Day-Lewis (Mitte vorn) als Bill the Butcher in "Gangs of New York" (Regie: Martin Scorsese).