Georgia van der Rohe über die Lieben ihres Lebens und ihren berühmten Nichtvater: Die Männer haben mich gesucht

Ihr Buch ist keine literarische Vatersuche. Ludwig Mies van der Rohe ist darin eher eine Nebenfigur. Entspricht das seiner Bedeutung in Ihrem Leben? Erstens habe ich mehr zu bieten als meinen Vater, und zweitens war mein Vater ein "Nichtvater" und in meinem Leben nicht die Hauptfigur. Ich habe auch nicht das 150. Architekturbuch über Mies van der Rohe geschrieben. Ich äußere mich in meinem Buch über meinen Nichtvater und zwar, würde ich sagen, in freundschaftlicher Weise. Die Freundschaft ist spät entstanden. Die wirkliche Freundschaft fällt in seine letzten Lebensjahre. Aber vielleicht können wir ja mal von Anfang an anfangen. Wo fangen wir an? Ihr Buch beginnt mit der romantischen Liebesgeschichte zwischen Ihren Eltern. Manche Biografen behaupten dagegen, Ihr Vater hätte Ihre Mutter nur geheiratet, um in die Berliner Gesellschaft hineinzukommen. Ich habe mit Absicht ein paar wenige von vielen Liebesbriefen, die mein Vater während der relativ langen Verlobungszeit an meine Mutter schrieb, in mein Buch aufgenommen, um dem zu widersprechen. Meine Mutter kam aus einer sehr wohlhabenden Familie, die, wie man so sagt, in Berlin eine Rolle spielte. Aber es ist nicht wahr, dass er meine Mutter geheiratet hat, um wettzumachen, was ihm in seinem bescheidenen Aufwachsen in einer Aachener Steinmetzfamilie gefehlt hatte. Beide waren sehr stark verbunden miteinander. Ich würde sogar sagen, es spielte eine Liebe von ihm zu meiner Mutter und natürlich eine ganz große Liebe von meiner Mutter zu ihm eine Rolle. Nach ihrer Heirat wurden innerhalb von drei Jahren zur Enttäuschung meines Vaters nur drei kleine Mädchen geboren. Ich wurde für ihn "der Muck", meine Schwester wurde für ihn "der Fritz". Und dann kam der Krieg, mein Vater war als Soldat in Rumänien und bekam dort einen Sohn, etwa zur selben Zeit, als meine jüngste Schwester geboren wurde. Ich habe das von unserer sehr vertrauten Erzieherin nach dem Tod meines Vaters erfahren und habe mich auch bemüht, diesen Halbbruder zu finden, um ihm vielleicht zu helfen. Aber es war damals unmöglich, den Eisernen Vorhang zu durchbrechen mit meinem Vorsatz. Wie haben Sie Ihre Familie als Kind erlebt? Bei uns fand eigentlich kein Familienleben statt. Meine Mutter hat uns drei Töchtern immer gesagt: "Euer Vater braucht das Alleinsein für seine künstlerische Arbeit. " Wir wussten ja nicht, dass er die Freiheit auch für ganz andere Dinge brauchte und fanden das ganz schick. Und meine Mutter hat es geschafft, niemals zu klagen, zu jammern, zu kritisieren, nie in ihrem Leben. Das ist eigentlich enorm. So war auch die Tatsache, dass unsere Eltern getrennt lebten, für uns kein furchtbar schweres Schicksal, gar nicht. War er ein abwesender Vater? Ein völlig uninteressierter Vater. Es gibt ein Foto, auf dem er mich eigentlich sehr liebevoll im Arm hält, da war ich ungefähr vier Wochen alt. Das Gefühl des Geborgenseins bei ihm hatte ich erst wieder, kurz bevor er starb. Dazwischen nie. Haben Sie darunter gelitten? Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich während der Eröffnung der Max-Ernst-Retrospektive im New-Yorker Guggenheim-Museum mit dem Sohn von Max Ernst über unsere Nichtväter unterhalten. Max Ernst hatte ja seine Familie und seine jüdische Frau verlassen, die dann in Auschwitz ermordet wurde. Sein Sohn Jimmy sprach vorwurfsvoll und voller Ressentiments von seinem Vater. In seiner Autobiografie hat er erklärt, warum sein inzwischen verstorbener Vater sein Leben zerstört habe. Kurz nachdem das Buch erschienen war, brachte sich Jimmy Ernst um. Mein Vater hat mein Leben nicht zerstört. Wie war der Abschied vom Vater in Ihrer Kindheit? Das war kein Abschied. Mein erster menschlicher Verlust war der Abschied von unserer damaligen Kinderschwester. Meine Mutter hat sich von meinem Vater getrennt, da war ich sieben Jahre alt. Zuvor kamen Briefe von ihm an meine Mutter, in einer fabelhaft emotionellen Sprache, in denen er von Freiheit schrieb. Sie hat wohl nicht geahnt, dass er die Freiheit für seine Liebesaffären brauchte. Er war ein sehr blendend aussehender Mann und ein großer Casanova. Ich habe ihn später mal nach der Zahl seiner Frauen gefragt und er sagte: "Na ja. Regimentsgröße. " Ich weiß nicht genau, wie viel das ist, aber bestimmt eine große Zahl. In Ihrem Buch schildern Sie, wie er Ihnen während einer Autofahrt an die Brust griff. Da waren Sie fünfzehn Jahre alt. Ich habe das geschildert, aber ich würde gerne noch andere Erlebnisse hinzufügen. Ganz toll fand ich einmal, dass mein Vater mit mir im Sportpalast Schlittschuh gelaufen ist. Weniger gut gefiel mir, wie er mit mir in den Emil-Jannings-Film "Der Weg allen Fleisches" ging. Irgendwann kam eine Szene der "Fleischeslust" vor, die mich ekelte. Da muss ich so ungefähr zwölf Jahre alt gewesen sein. Ich guckte weg und bat meinen Vater mir zu sagen, wenn die Szene vorbei sei. Er konnte das gar nicht verstehen. Ich war 15, als ich mit ihm in einer großen Limousine mit Chauffeur zu unserem Haus im Isartal fuhr, worauf Ihre Frage anspielt, und da griff er mit seiner großen Hand auf meinen Busen und hielt ihn fest. Am liebsten hätte ich ihm eine runtergehauen, aber ich traute mich nicht. Heute würde man ihm das Sorgerecht aberkennen. Was heißt hier Sorgerecht? Er hat ja nie einen Pfennig bezahlt. Wovon lebte Ihre Mutter mit den Kindern? Schauen Sie mal: meine Mutter war eine verheiratete, großbürgerliche Frau mit drei Kindern. Sie hat ja in ihrem Leben nie Geld verdient, hatte ja auch in dem Sinne keinen Beruf, obwohl sie fabelhaft ausgebildet war, bei Bruno Walter in Wien Musik studiert hatte und ausgezeichnet Klavier spielte. Aber unser Leben hat ja ihr Vater bezahlt. Wir sind jahrelang durch die schicken Kurorte Europas gezogen. Ich spreche übrigens sieben Sprachen. In Oberbozen in Südtirol hatte meine Mutter eine Riesenvilla gemietet, eine adelige Festung, in der Absicht, die 15 Zimmer an paying guests zu vermieten und endlich mal ein bisschen Geld verdienen zu können. Wir hatten eine Haushälterin, eine Köchin, ein Zimmermädchen, eine private Lehrerin und noch x Hilfskräfte von den Bauernhöfen zum Putzen, für den Garten und so weiter. Aber es kamen nur eingeladene Gäste, Tanten, Onkel, Cousins, da war wieder nichts mit Geldverdienen, ganz im Gegenteil. Aber das Geld reichte für eine auserlesene Schulbildung. Nach der Isadora-Duncan-Schule in Potsdam-Sanssouci und diversen Privatlehrern kamen Sie ins teure Internat Salem am Bodensee. Ja, das war ganz typisch für meine Mutter. Sie war an sich eine sehr schlichte, bescheiden wirkende Frau, aber sie war ungeheuer extravagant, was unseren Lebensstil anbelangte. Ich meine, es ist typisch für meine Mutter, dass sie das interessanteste, beste, berühmteste Internat in Deutschland für mich wählte. Und Salem war für mich wirklich fabelhaft. Was verdanken Sie Salem? Was uns da wirklich beigebracht wurde, war die Rücksicht auch auf die geringsten Leute. Und das ist ganz wichtig. Nicht umsonst bin ich später irgendwann zu einem Weihnachtsfest in New York zu den Obdachlosen gegangen. Das tut man nicht, wenn die einen nicht interessieren. Sehr interessant in Salem war die Hierarchie, wo man langsam avancierte, über Zimmerführer bis zum Helfer, und ich war dann das oberste Mädchen. Man hatte die Verantwortung für andere, jüngere, für weniger begabte oder unsportliche. Diese Notwendigkeit hätte ich ja zu Hause nie gehabt. Außerdem gab mir Salem für immer in meinem Leben das Gefühl, ich schaffe es, und ich schaffe es auch alleine. Ohne Medikamente und ohne Psychoanalytiker, das ist ja auch schon sehr viel wert. Jeder rennt zu irgendjemandem und der Irgendjemand sagt dann, um Gottes Willen, keine verheirateten Männer. In Ihrem Salemer Reifezeugnis hießen Sie noch Dorothea. Wie kam es eigentlich zu Ihrer Namensänderung? Meine Namensänderung wurde bewirkt durch ein großes Zeitungsplakat an einer Litfaßsäule. Mucki Mies van der Rohe stand da. Das war Mitte der dreißiger Jahre, als ich Solotänzerin in einer Berliner Oper war. Mucki. Damit können Sie keine Karriere machen. Und Dorothea fand ich fürchterlich. Meine Schwester und ich haben im Telefonbuch rumgesucht und fanden dort den Namen Georgia. Alle sagten, er passt gut zu mir. Dass der Name Mies dem van der Rohe zum Opfer fiel, hatte mit meinem allerersten Engagement als Schauspielerin zu tun. Da spielte ich Katharina die Große, Zarin von Russland. Dazu Georgia Mies van der Rohe - das war zu lang. Seitdem heiße ich Georgia van der Rohe und bin namensweise eine absolut erfundene Figur. Von meiner Geburtsstadt Berlin wünsche ich mir, dass man mir aus meinem "fiktiven" Namen das Geschenk eines legalen Namens macht. In der Nazizeit muss der Name Mies van der Rohe eine Belastung für Sie gewesen sein. Mit dem Namen Mies van der Rohe fiel ich unter den Nazis in die absolut unterste Kategorie der Schauspieler. Ich war in Wilhelmshaven engagiert, als der Krieg ausbrach, und wurde sofort gekündigt, da hatte ich noch kein Wort gesprochen. Ich wurde rausgeworfen, weil der Gauleiter es unmöglich fand, dass Kinder von Emigranten, von feindlichen Ausländern - mein Vater wurde ja als feindlicher Ausländer betrachtet - am Theater engagiert sind. Was bekamen Sie mit von der Emigration des Vaters? Mein Vater war zwei Jahre seines langen Lebens Bauhausdirektor in Dessau, der letzte in der Reihe der Bauhausdirektoren bis zur Schließung des Bauhauses. Er wollte übrigens unter keinen Umständen Bauhausarchitekt genannt werden, wie viele das hier in Deutschland immer noch tun. Ich bemühe mich pausenlos, das den Leuten beizubringen. Er ist kein Bauhausarchitekt. Das hat er gar nicht nötig. Natürlich gehörte er zu den "entarteten Künstlern", wie es die Nazis damals nannten. Und eines Tages wurde er zu Herrn Rosenberg - das ist ja auch ein passender Name für einen hohen Nazi - gerufen. Und der sagte: "Sie wissen doch, dass unser Führer sich nicht nur sehr für Architektur interessiert, er macht auch selber Entwürfe und würde Sie bitten, seine Entwürfe unter Ihrem Namen zu bauen. " Mein Vater war sehr smart und dachte sich, das ist eine Sache auf Leben und Tod und sagte zu Herrn Rosenberg: "Ich fühle mich geehrt durch Ihr fabelhaftes Angebot. Geben Sie mir 24 Stunden Zeit, damit ich mir das richtig überlegen kann. " Und dann ist er mit dem Pass seines Bruders - seinen eigenen hatten ihm die Nazis schon abgenommen - über die holländische Grenze nach Den Haag. Das war 1938, also noch relativ früh. Damals gab es noch eine Reihe deutscher Diplomaten, die keine Nazis waren, und so bekam er einen deutschen Pass und konnte in die Vereinigten Staaten. Da ist er dann geblieben. Hatten Sie zu dieser Zeit überhaupt Kontakt zu ihm? Nein. Er hat sich auch nicht von uns verabschiedet, dazu war gar keine Zeit. Ich habe in meinem ganzen Leben fünf Postkarten von ihm gekriegt. Ist ja nicht viel für einen Vater, oder? Wovon hat die zurückgelassene Familie gelebt? Immer noch vom Geld des Großvaters mütterlicherseits? Mein Großvater war gestorben und hatte meiner Mutter nach der Inflation ein bescheidenes Erbe hinterlassen. Damals hatten die Frauen aber noch kein eigenes Bankkonto, und so wurde das auf das Konto meines Vaters bezahlt, der sehr froh darüber war und das Geld verbrauchte - das war noch vor der Emigration. Also hat Ihr Vater auch noch das Erbe seiner Frau verprasst. Ich habe das Wort verprasst nicht benutzt. Ich sage nur, meine Mutter kriegte davon gar nichts. Und wir Kinder waren nach der Emigration meines Vaters gefordert, in irgendeiner Form für meine Mutter zu sorgen. Meine jüngste Schwester gab Lateinstunden, ich war Statistin am Theater und habe nebenbei in einer Ballettschule Kurse gegeben, wir haben das Geld wirklich zusammengekratzt. Meine Mutter mietete eine relativ große Wohnung, wo sie in einem Zimmer lebte und ich in der Dienstbotenkammer, und alles andere war vermietet. Das war in der Bayerischen Straße in Wilmersdorf. Aber wissen Sie, man war jung, man amüsierte sich, obwohl man kein Geld hatte. Ich studierte Schauspiel bei der Höflich - das war eine ganz berühmte Reinhardt-Schauspielerin und hatte so verschiedene nette, kleine Erfahrungen . . mit Männern. Der Verlagskatalog verkündet über Sie: "In einer Zeit rigider Moralvorstellungen bekennt sie sich zu ihrer Aversion gegen traditionelle weibliche Lebensformen. Sie hat zahllose Affären . " Erkennen Sie sich wieder? Das ist natürlich Quatsch. Ich hatte keine Affären, ich hatte Amouren. Und ich hatte vier große Lieben. Neulich rief mich übrigens eine alte Amour an einem Sonnabendvormittag an, er ist inzwischen neunzig und sagte, "Georgia - ich bin alleine, meine Frau ist beim Einkaufen. " Mit 90, und ich bin 87, immer noch das alte Spiel! Und ich habe ihm gesagt: "Mein Lieber, weil ich das Gefühl habe, dass deine Familie nicht so genau Bescheid weiß, habe ich dich in meinem Buch stark enterotisiert. " Und er sagte: "Ja, das ist fein, Georgia, aber ich denke an alles mit großer Freude. " Ist das nicht süß? Sie dürfen ja leider nicht verraten, wer dieser Verehrer ist. Genauso wie Sie aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes viele Namen nicht nennen durften und dafür Parallelfiguren erfunden haben. Sie waren fast immer die Geliebte verheirateter Männer. Ja. Aber ich hätte keinen von ihnen heiraten wollen. Ich bin dankbar, in meinem Leben vier große Lieben erlebt zu haben - und ich habe keine Ehe zerstört. Diese Lieben waren monogame Männer. Hätte ich einen von ihnen geheiratet, dann hätte der Mann von mir die monogame Ehefrau erwartet. Das wäre mir unmöglich gewesen. Einer Ihrer Liebhaber hat Sie anerkennend als "Hetäre" bezeichnet. Ja, und so sehe ich mich auch. Als Hetäre, die sich an keinen Mann hängt. Eine Hetäre ist eine in der Liebe Selbstständige. Ich meine damit nicht die Frauen, die ewig die Muse von irgendjemandem waren oder neunmal geheiratet haben. Hetäre zu sein, ist eine Einstellung zur Liebe. Ich gebe Ihnen ein Bild dafür: Wenn man mich fragte, was ich gerne gewesen wäre, sagte ich: Die uneheliche Tochter eines Papstes der Renaissance und einer adeligen Dame. Der Papst baut für seine Freundin ein wunderbares Schloss und sorgt dafür, dass seine uneheliche Tochter die allerbeste Erziehung bekommt, Sprachen, Musik, Reiten. Als junge Frau lebt sie dann in diesem Schloss, natürlich mit entsprechendem Personal und hat von drei verschiedenen Männern drei Kinder. Selbstverständlich wird nicht geheiratet. Und sie wird zum kulturellen und geistigen Mittelpunkt. Das ist eine Hetäre. Als Sie in Ihre Ehe hineingestolpert sind - sie heirateten 1942 den sehr katholischen Intendanten des Regensburger Stadttheaters - waren Sie vom Hetären-Ideal ziemlich weit entfernt. Ich war 28 Jahre alt und wollte unbedingt ein Kind haben. Und er war der erste unverheiratete Mann. Die Ehe liest sich wie ein Albtraum. Kurz nach der Geburt des ersten Kindes ist eigentlich alles schon vorbei. Ja, da fing es an, vorbei zu sein. Ich konnte es nicht fassen, dass aus meinem aufmerksamen, charmanten und um mein Wohl besorgten Verlobten plötzlich ein nachlässiger Ehemann wurde, der mich als seinen Besitz betrachtete. Sie haben sich nicht damit abgefunden. O nein, das kam ja nun gar nicht in Frage. Ich habe gewisse Rücksichten genommen, er war ja mein Intendant. Also empfand ich es als eine selbstverständliche Verpflichtung, das geheime Gleis meines Lebens so zu gestalten, dass es meiner Familie verborgen blieb. Es war selbstverständlich, dass ich zum Beispiel in Tübingen, wo mein Mann später Intendant war, unter keinen Umständen mit jemandem ein Verhältnis habe. Mit niemandem. Und wenn es der berühmte Piscator wäre. Das habe ich auch ganz krass durchgeführt. Mit Erwin Piscator hatten Sie nichts - während Sie unter seiner Regie vier Hauptrollen am Landestheater Tübingen spielten? Als Mann interessierte mich Piscator nicht. Aber als Regisseur war er eine bleibende Erfahrung. Er steigerte die in uns liegenden Fähigkeiten, entfachte Kräfte, von denen man nicht ahnte, dass man sie besaß. Er forderte unsere eigene Imagination und Kreativität heraus, ohne uns je zu zwingen und zu unterdrücken. Was hielten Sie von Piscators politischer Überzeugung? Piscator war im Grunde ein "Salonkommunist". Anders als andere war er nach der Rückkehr aus der Emigration nicht nach Ostdeutschland gegangen, sondern blieb im Westen. Er fuhr einen großen Wagen, damals noch eine Seltenheit, stieg in den besten Hotels ab und hatte immer seinen eigenen kleinen Eisschrank dabei. Seine Theaterurlaube verbrachte er mit seiner wohlhabenden Frau Maria, die in New York lebte, an der Côte d Azur. Anfang der sechziger Jahre gaben Sie den Beruf der Schauspielerin auf. Gab es keine Rollen mehr für Sie? Von 1952 bis 1961 hatte ich 35 Haupt- und Titelrollen gespielt. Als ich meinem Mann die Kündigung schrieb, wollte er das nicht akzeptieren, schließlich sei ich die Stütze des Theaters. Aber genau deshalb wollte ich gehen. Nach 25 Jahren verabschiedete ich mich ein für allemal von meiner Karriere als Schauspielerin. Damit blieb mir auch erspart, vom Fach der Liebhaberin und Salondame in das so genannte "übertragene" Fach hineinwachsen zu müssen. Kommen wir noch mal auf die Männer zurück. Was musste einer an sich haben, um Ihnen zu gefallen? Bitte keinen Bauch. Sonst nichts? Und keinen Bart. Davon gibt es ja viele. Musste er berühmt sein? Nein, überhaupt nicht. Überhaupt nicht. Da gab es einen Mitarbeiter meines Vaters in Chicago, einen Architekten, der so schön war, dass ich ihn unbedingt verführen musste. Ich wollte den zu meinem Liebhaber machen. Im Übrigen muss ich gestehen, alle Männer haben von sich aus den Weg zu mir gesucht und gefunden. Ich brauchte eigentlich nie jemanden zu suchen, wirklich nicht. Ich hatte ja auch immer mehrere auf einmal, verstehen Sie. Das überschnitt sich ja alles. Da verliert man leicht den Überblick. Nö, nö, nö, nö. Es hat mich ja auch nicht belastet. Sie müssen einen Satz von mir erwähnen: "Ich habe manchmal ein schlechtes Gewissen, weil ich nie ein schlechtes Gewissen habe. " Ja? Ich meine, erstens ist der Satz gut und zweitens stimmt er bei mir. Ich habe nie irgendetwas bereut. Nie. Meine beiden Söhne sind die einzigen Männer, denen ich treu geblieben bin. Sie sind der Mittelpunkt meines Lebens. Ich kann Ihnen auch diese zwei Worte geben: die kultivierte Zigeunerin. Ich weiß nicht, ob eine Zigeunerin so scharf darauf ist, geheiratet zu werden. Für eine Ihrer großen Lieben haben Sie sich fünfzehn Jahre jünger geschwindelt. Meinen Sie, dass das Wissen um Ihr wirkliches Alter den Mann derart schockiert hätte? Also wenn ein bis dahin monogamer Mann mit Mitte, Ende fünfzig zum ersten Mal seine Frau betrügt in einer langjährigen Ehe, tut er das nicht mit einer dreizehn Jahre älteren Frau, also nein, das gibt es doch gar nicht. Als er mich drei Jahre jünger schätzte als er selbst war, sagte ich einfach "du hast Recht". Wenn ich ihm gesagt hätte, "du, es tut mir Leid, ich bin dreizehn Jahre älter als du", hätte ich ja diese Metamorphose gar nicht durchmachen können. Durch die Altersschwindelei sind Sie tatsächlich jünger geworden? Aber natürlich. Es gibt aber auch ein paar Voraussetzungen: Keine weißen Haare, kein Übergewicht, keine mangelnde Libido. Da war ich ja schon 71. In diesem Alter hören doch die meisten Frauen auf, sich überhaupt dafür zu interessieren, oder? Sie arbeiteten auch noch in einem Alter, in dem andere längst pensioniert sind. Mit 77 drehten Sie noch Filme. Wir haben Ihre dritte Karriere als Regisseurin bisher ganz unterschlagen. Seit Mitte der sechziger Jahre machten Sie Spielfilme und Filme über Kunst. Es waren keine Dokumentationen, das ist ganz wichtig, sondern künstlerische Filme über Künstler. Über Paul Klee, über Wassily Kandinsky. Eine Dokumentation ist nicht musikalisch gestaltet wie alle meine Filme. Eine Dokumentation besteht meistens aus einem Sammelsurium von Leuten, die quasseln. Und das gibt es bei meinen Filmen überhaupt nicht. Ich war die Erste überhaupt in Deutschland, die Kunstfilme in 35 Millimeter Farbe machte. Kurz vor seinem Tod haben Sie einen Film über Ihren Vater gemacht. War er kooperativ? Ich habe diesen Film für das ZDF gemacht, er war pünktlich zur Eröffnung der Nationalgalerie fertig. Es war klar, dass mein Vater nicht kommen konnte. Er war ja schon sehr krank. Dann bin ich nach Chicago geflogen, habe seine Freundin und seine Köchin nach Hause geschickt und ihm Martini mit fünf Gins eingegossen. So trank er ihn immer. Ich bat ihn, Zigarre zu rauchen und er sagte: "Aber ich darf doch nicht. " Ich sagte: "Hör mal, ohne Zigarre kann ich dich nicht filmen. " Und er freute sich wie ein kleiner Junge. Ich habe mich zu seinen Füßen hingesetzt und ihm gelauscht. Er hatte das Gefühl, er spricht zu jemandem, ohne mich ansehen zu müssen. Wunderbar, wie große Steinbrocken hat er seine Worte hingesetzt. Das waren die letzten wesentlichen Worte in seinem Leben, von da ab ist er verstummt. Seit 1992 leben Sie wieder in Berlin, nach mehr als zwei Jahrzehnten in New York. Fühlen Sie sich inzwischen ein bisschen beheimatet in Ihrer Geburtsstadt? Ich liebte Berlin, wie man einen alten Onkel liebt und zwar das geteilte Berlin natürlich. Ich lebte ja in New York, als die Mauer fiel. Das war natürlich phänomenal. Aber eine Heimat? Es war eben doch nicht so einfach, New York zu verlassen, weil ich wahnsinnig an New York hing, ich hatte eine absolut herrliche Zeit dort. Es dauerte noch mehrere Jahre, bis ich, wenn ich nach Berlin flog, so ein klein wenig Heimatgefühle entwickelte. Wenn ich gefragt werde, was ich im Vergleich zu New York an Berlin vermisse, sage ich: "Zwei Dinge: Die Met - also die Metropolitan Opera und das social life. " Sie werden von den Freunden der Nationalgalerie sicher zu den Eröffnungen eingeladen? Ja, bald nach meiner Ankunft hier war die riesengroße Picasso-Ausstellung, wo sich alle tummelten. Da war ich doch etwas erschrocken. Alle kamen in Schwarz, was ich in New York überhaupt nicht gewohnt war, wo es in der Einladung hieß "black tie" - das heißt, dass die Herren im Smoking und die Damen in Abendgarderobe kommen. Also, dass sich hier in Berlin kaum jemand daran hält, finde ich schon ein bisschen enttäuschend. Paloma Picasso war da, und ich war da, sie kam in Rot, ich kam in Gelb. Wir waren die einzigen bunten Vögel bei der ganzen Veranstaltung. Das Gespräch führte Christina Bylow. Georgia van der Rohe // WURDE AM 2. MÄRZ 1914 in Berlin geboren, als Tochter des Architekten Ludwig Mies van der Rohe und seiner Frau Ada, geborene Bruhn. ALS KIND LEBTE SIE IN BERLIN und erhielt ihre erste Tanzausbildung an der Isadora-Duncan-Schule in Potsdam-Sanssouci. Nach der Trennung der Eltern führte die Mutter mit ihren drei Töchtern ein Wanderleben durch die noblen Kurorte Europas. Georgia besuchte das Elite-Internat Salem. SIE BEGANN IHRE KARRIERE als Theatertänzerin bei Mary Wigman. Nach der privaten Schauspielausbildung in Berlin war sie 25 Jahre lang Theaterschauspielerin u. a. in München, Berlin, Chicago, und Tübingen, wo sie vier Hauptrollen unter der Regie von Erwin Piscator spielte. Unter Boleslaw Barlog filmte sie in Prag. MITTE DER 60ER-JAHRE begann sie als Filmregisseurin zu arbeiten. Sie drehte Spielfilme u. a. in Mexiko, Russland und China. Sie lebte zwanzig Jahre in New York, bevor sie 1992 nach Berlin zurückkehrte. Heute verbringt sie den Winter in Berlin und den Sommer in Südfrankreich. DAS BUCH. Georgia van der Rohe: "La donna è mobile. Mein bedingungsloses Leben. " (Erscheint Ende März im Aufbau-Verlag) SUSANNE SCHLEYER, PRIVAT (3) Georgia van der Rohe, München 1965. Georgia van der Rohe, Berlin, 2001. 1961, Mississippi, Wisconsin - Georgia van der Rohe mit ihrem Vater Ludwig Mies van der Rohe.